Termine 2006

Buchpräsentation in Bozen zum Thema:

"Das deutsche Jugendamt, eine Kinderklaubehörde?"

Der Lebensborn-Verein
Unveröffentlichter Bericht von Joumana Gebara.
Notiert von Karin Jäckel

Auf der Suche nach hilfreichen Informationen im Internet hatte ich in der Deutschen Datenbank über die extrem sinkende Kinderzahl und Arbeitskurve gelesen. In zwanzig Jahren würde Deutschland demnach einen extremen Mangel an deutschen Arbeitskräften haben. Meine Kinder würden dann dringend gebraucht.
Ich sprach mit Olivier darüber. Er stimmte zu und meinte, ob ich schon mal etwas von Himmlers ‚Lebensborn' gehört hätte. Von dem Satz, er habe die Absicht, "germanisches Blut in der ganzen Welt zu holen, zu rauben und zu stehlen, wo ich kann"? Vom ‚Lebensborn-Kinderklau'?" Natürlich hatte ich vom "Lebensborn-Prinzip" gehört, aber mehr oberflächlich. Schließlich hatten wir im Libanon Geschichtsunterricht gehabt. Und ich war immer sehr gut in diesem Fach. Ich staunte aber, als er mir sagte, im Ausland sei der Verdacht weit verbreitet, das deutsche Jugendamt sei in Wahrheit eine etwas überarbeitete Fortsetzung der 1936 in der Nazi-Zeit unter Hitler und Himmler begründeten "Lebensborn"- Vereine.

Um mehr darüber zu erfahren, recherchierte ich abermals im Internet. Es stimmte, in Deutschland schien "Lebensborn" fast vergessen, im Ausland jedoch nicht. Und tatsächlich gibt es eine Abhandlung darüber, die von Maureen Dabbagh, der Initiatorin der amerikanischen Elternselbsthilfegruppe gegen Kidnapping und Kindesentziehung "P.A.R.E.N.T. international", verfasst wurde.
Aus einem 2002 veröffentlichten Buch von Stefan Maiwald und Gerd Mischler über "Sexualität unter dem Hakenkreuz", welches die "Manipulation und Vernichtung der Intimsphäre im NS-Staat" beschreibt, erfuhr ich, dass die Aufgaben des ‚Lebensborn' "ausschließlich auf bevölkerungspolitischem Gebiet" lagen und die Betreuung "rassisch und erbbiologisch wertvoller" werdender Mütter und Kinder in neun deutschen, sowie dreizehn ausländischen Heimen umfassten. Ziel dieser Heimbetreuung war es, durch die "Vermehrung des guten Blutes" von "Germanen" den "Blutzoll" des Krieges sowie die durch jährlich 600 000 bis 800 000 Abtreibungen rapide sinkende deutsche Bevölkerungszahl auszugleichen.
Niemals hätte ich gedacht, dass es schon damals so viele Abtreibungen gab und man diese Zahlen ermittelt hatte.
Die Nazi-Regierung forderte jede deutsche Frau, ob ledig oder verheiratet, auf, sich "zum Wohle des Volkes" mindestens einmal von ausgesuchten "arischen" Elitesoldaten schwängern zu lassen. Alle deutschen Frauen, die mit 30 noch nicht Mutter geworden waren, sollten im "Lebensborn" ein Kind bekommen. In den von den Nazis eroberten Gebieten sollte möglichst jede zur "Zucht" geeignete Frau ein oder besser mehrere Kinder deutscher Soldaten gebären.
Die Nazis waren von der sozialdarwinistischen Lehre überzeugt. Sie glaubten an die natürliche Auslese, nach deren Lehre das "gute Blut" des Stärkeren im Überlebenskampf der Rasse siege. Da sie sich einbildeten, die alten German wären die beste Menschenrasse gewesen, bewunderten sie die großen blonden Menschen in den nordischen Ländern. Allein in Norwegen waren deshalb etwa 9000 deutsch-norwegische Kinder aktenkundig, die zwischen Deutschen und Norwegern gezeugt wurden.

Zusätzlich entrissen die Nazis in den besetzten Gebieten "arisch" aussehende Kinder ihren leiblichen Eltern, um sie in den Mütter- und Kinderheimen des "Lebensborn" von ihrer angeblich "zufälligen" Nationalität abzubringen, sie zu "germanisieren" und sie auf diese Weise dem "guten Blut" zuzuführen.
Laut Himmler reichte es aus, beispielsweise Frankreich entscheidend zu schwächen, würden dem Land bei einem solchen "blutsmäßigen Fischzug" tausend Kinder pro Jahr entzogen. Ein germanischer Kämpfer in Frankreich weniger, sei einer in Deutschland mehr.

Tatsächlich fanden zur Nazi-Zeit die von Himmler geforderten "Fischzüge" statt, wenn auch nicht im geplanten Ausmaß. Beispielsweise wurden in Polen bis 1944 etwa 300 Kinder geraubt. Mit falschen Namen und Dokumenten ausgestattet, konnten die wahren Identitäten der Betroffenen auch nach dem Krieg fast nie ermittelt werden.
Insgesamt kamen in den "Lebensborn"- Heimen rund 18 000 Kinder zur Welt, etwa 90 000 Menschen wurden mit Hilfe des Vereins betreut.
Ich las aber auch, dass damals von einer breiten Akzeptanz des Lebensborn-Prinzips in der Bevölkerung keine Rede sein konnte. Die Frauen wollten nicht als Gebärmaschinen herhalten, die Familien keine geklauten Kinder adoptieren. Weder die Kirche, noch eine einzige bürgerliche Organisation unterstützten die verlangte Abkehr von Sitte und Moral des Bürgertums. Selbst in den eigenen Reihen fanden Himmlers Pläne kaum Befürworter, sondern erklärte Gegner und scharfe Konkurrenz durch andere NS-Verbände.

Ob das deutsche Jugendamt tatsächlich eine Neuauflage der Lebensborn Vereine ist, kann ich nicht beurteilen. Ich stellte jedoch fest, dass die schlechte Arbeit des Jugendamtes der deutschen Bundesregierung bekannt ist. Das beweist unter anderem eine Veröffentlichung vom Februar 1997 zur Dokumentation einer 1996 einberufenen Tagung zum Thema "Kindeswohl - Dilemma und Praxis der Jugendämter" im deutschen Bad Boll. Auf dem Titelblatt dieser Broschüre wird eine Jugendamtsmitarbeiterin mit dem Ausruf zitiert: "Wir sind doch keine Kinderklaubehörde!" Anlass dieser Tagung waren die zahlreich im Bundesjustiz- Bundesfamilienministerium eingehenden Beschwerden von Eltern, denen das Jugendamt ihre Kinder geklaut hatte. Geladen wurden Kritiker und Kritisierte, aber auch Vormundschafts- und Familienrichter und andere für das Rechtsgut ‚Kindeswohl' Verantwortliche. Die in der Broschüre zu Wort kommenden Experten stellten sowohl der Ausbildung der Entscheidungsträger sowie der Arbeit im Jugendamt und den Familiengerichten sehr schlechte Noten aus und forderten zum Teil vehemente Abhilfe.

Die Ergebnisse dieser Tagung flossen in das 1998 in Kraft getretene neue deutsche Kindschaftsrecht ein, welches das Recht aller Kinder auf ihre beiden Elternteile betont, es aber nicht erzwingt. Stattdessen veröffentlichte die ehemalige Familienministerin und SPD-Mitglied im deutschen Bundestag Margot von Rennesse als "Mutter des neuen deutschen Kindschaftstrechts" mehrfach, es handele sich lediglich um ein "Appellgesetz". Es solle an die Verantwortung der Eltern für ihre Kinder appellieren, nicht die Autonomie der Eltern einschränken. Nicht der Gesetzgeber, nicht das Gericht solle über das Wohl des Kindes entscheiden, sondern die Eltern. Erst, wenn diese dazu nicht in der Lage seien, müssten Jugendamt und Gericht das Wohl des Kindes garantieren.

Dieses neue deutsche Kindschaftsrecht war der Anlass, dass ich den Vätern meiner Kinder freiwillig das gemeinsame Sorgerecht aufdrängte, damit unsere Kinder mit beiden Elternteilen glücklich sein und von beiden beschützt werden könnten. Ich hatte dieses Gesetz mit den Vätern meiner Kinder gelebt. Gebrochen hatte es das Jugendamt. Dessen verantwortliche Mitarbeiter haben das Gesetz gebrochen und meinen Kindern ihre Väter genommen, nicht ich. Würde denn wirklich niemand sie dafür bestrafen?

"Riesen sind nur halb so groß, sind ja lange Zwerge bloß.", hatte ich mit meinen Kindern aus Peter Maffays "Tabaluga" gern gesungen. Jetzt war es an mir, es ihnen zu beweisen, indem ich mich traute, gegen den Riesen aufzustehen.
Die alten Nazi-Geschichten, Lebensborn Vereine und andere Kriegsverbrechen waren vorbei. Ich war nach Deutschland gekommen, weil ich die neue Demokratie bewunderte. Meine Kinder sind Deutsche. Ich bin Deutsche geworden. Ich vertraute diesem neuen Deutschland und denen, die es regierten. Deshalb schrieb ich an verantwortliche Persönlichkeiten der Politik und des öffentlichen Lebens, um ihnen meinen "Fall" zu schildern und von ihnen Ratschläge oder sogar konkrete Hilfe zu erhalten. Doch weder die ehemalige rot-grüne Bundesfamilienministerin Renate Schmidt reagierte, noch die Gattin des ehemaligen Bundeskanzlers Doris Schröder-Köpf, die so oft als Kinderschützerin, Erziehungsratgeberin für allein erziehende Mütter sowie als vertrauteste Beraterin und Fürsprecherin des Kanzlers in der Presse dargestellt worden war. Ebenso schweigsam zeigten sich die designierte CDU-Bundeskanzlerin Merkel, die Bundesjustizministerin Zypries und das Justizministerium von Nordrheinwestfalen.

So hatte man früher auch geschwiegen, dachte ich. Weg geschaut. Weg gehört. Sich nichts dabei gedacht. Ist es etwas schon wieder so weit?