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Aktueller Kommentar von Karin Jäckel zum Amoklauf in Erfurt
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Ein junger Mann dreht durch. Mit gezielten Schüssen nimmt er sich selbst und 16 anderen Opfern das Leben. Eine "Amok-Handlung", die "Tat eines Wahnsinnigen", die "Rache eines Killers" heißt es in der kommentierenden Presse neben dem Porträtfoto eines Jungen, der nett, neugierig und ein bisschen pubertär wie "der Junge von nebenan" aussieht. "Amok - etwas, das nur Männer machen", greift Johannes B. Kerner den Zeitgeist auf, der "Gewalt ist männlich" postuliert. In Wahrheit handelt es sich um einen "erweiterten Selbstmord" und ist unter die schrecklichen Verzweiflungstaten all jener Menschen einzuordnen, die glaubten, nur noch im Tod eine allerletzte Chance zur selbstbestimmten Befreiung von einem absolut unerträglichen Dasein zu haben. Robert, der Täter, beging Mord, mehrfachen grausamen, gnadenlos zerstörerischen Mord. Zuletzt auch an sich selbst. Und doch war es meiner Meinung nach nicht der kalt berechnete Mord eines Kriminellen, sondern Mord als Akt tiefster Hoffnungslosigkeit und höchster Verzweiflung. Ein im wahrsten Wortsinne "Verschießen des starken, jugendlichen Lebens in einem allerletzten Feuerwerk der Kraft". Ein brutales Inferno als Abgesang eines Jugendlichen an das Leben, der dieses "Feuerwerk der Kraft", nach dem er sich so verzweifelt sehnte, im Tod zündete, weil er glaubte, dass es ihm im Leben nicht mehr möglich sei. Wie unsagbar traurig! Und welche Mitschuld für Erwachsene, die Kinder und Jugendliche zu solchen Verzweiflungstaten treiben. Mit 19 Jahren war Robert kaum den Kinderschuhen entwachsen. Als Grundschüler hatte er den Zusammenbruch seiner Kinderwelt, der DDR, und die Wende hin zum Westen miterlebt, die auch in Erfurt ihre Schneise der wirtschaftlichen Zerstörung schlug, aus der angeblich sehr schnell "blühende Landschaften" wachsen sollten. Wenig später wurde Robert Gymnasiast. Er wollte das Abitur machen, wollte einer der neuen Leistungsträger sein, einer, der sich nicht immer anpassen muss, sondern einer, der den Weg nach oben schafft, einer, der Erfolg hat, einer, auf den alle schauen. Ein "offener Mensch" sei er gewesen, sagen Gleichaltrige. Er habe sich mit Freunden getroffen, sei in die Disco gegangen, habe Zuhause Videospiele gespielt. Nie habe man ihm "so etwas" zugetraut. Er sei eher ein "ruhiger Typ" und beliebt gewesen, aber ein bisschen angeberisch. Er habe sich gewünscht, dass "ihn alle einmal kennen". Dieser letzte Satz bietet einen von vielleicht mehreren Schlüsseln für das Rätsel der Tat. Robert war ehrgeizig. Er liebte die Macht. Waffen als das Symbol der Macht waren sein Hobby. Und da er ehrgeizig war, war er ein bravouröser Schütze. Trotz seines jugendlichen Alters war er im Besitz eines Waffenbesitzscheines und eigener Schusswaffen nebst erheblicher Mengen scharfer Munition. Das Abitur war für Robert der Schlüssel zur beruflichen und wirtschaftlichen Macht. Er hatte es in langen Schuljahren angestrebt. Dass dies nicht immer ein Spaziergang ist, weiß, wer Schülerin oder Schüler war. Doch Robert hatte ein Ziel. Und nur mit Hilfe des Abiturs glaubte er, dieses Ziel erreichen zu können, nämlich dass "ihn einmal alle kennen" und er ein berühmter Mann sein werde. Roberts ganzes Leben war auf dieses Ziel ausgerichtet. Wie sehr, erkennt man erst jetzt, da er mit dem Verlust des Abiturs das Leben verloren gab und seine letzte Handlung der Macht in Mord umsetzte. Für Robert und seine Opfer gibt es keinen neuen Morgen mehr, den ihre Familienangehörigen unter Trauer und Schmerz bewältigen lernen müssen. Doch von uns als Mitmenschen, als Eltern und als Solidargemeinschaft der Gesellschaft muss Roberts verzweifeltes Inferno ein Innehalten und Neubesinnen erzwingen. "Die Amokläufer werden immer jünger", sagte der Polizei-Psychologe in Erfurt vor laufender Kamera. "Warum?", frage ich mich da. Und gebe mir selbst Antworten: Für Kinder und Kindsein ist in unserem von Leistung, Konsum, Karriere, Selbstverwirklichung und Reisen geprägtem Leben wenig Zeit und Raum. An die Stelle der drei großen Z für "Zärtlichkeit, Zuwendung und Zeit", welche uns schon der große Philosoph Pestalozzi als die drei wichtigsten Garanten des Kinderglücks auf den Lebensweg mitgab, sind käufliche Ersatzbefriedigungen in Form der drei großen L wie "Luxus, Lust und Labels" gerückt. Auch für Robert scheinen sie mitten in der Zehn der Zielscheibe seines Lebens gestanden zu haben. Nichts war mächtiger, wichtiger, lebenswerter für ihn, keine Zärtlichkeit, keine Zuwendung, keine Zeit. Alles, was zählte, war das Abitur als Sprungbrett zum Erfolg und den drei großen L. Als man ihm dieses Ziel nahm, blieb in Roberts Leben nichts zurück. Nur Angst, Verzweiflung, Panik und die tödliche Sehnsucht, dass dieser Alptraum der unerträglichen Schwäche aufhören müsse. Mit jedem seiner tödlichen Schüssen auf diejenigen, denen er in der Unreife seiner Jugend die Schuld an der Zerstörung seines Lebens gab, hat er auch sich selbst "verschossen", seine Träume, seine Hoffnung, und am Ende sein Leben. An uns Erwachsenen, die jetzt fassungslos um ein Verstehen dieser Bluttat und ihrer Ursprünge ringen, ist es, Kindern und Jugendlichen wieder den Platz zu geben, der ihnen gebührt, nämlich die Mitte des Lebens und der Gesellschaft. An uns als Eltern ist es, unseren Kindern mit der Vermittlung von "Zärtlichkeit, Zuwendung und Zeit" Wärme und Zuversicht in die eigene Kraft zu geben, so dass sie lernen, sich selbst zu vertrauen und innerlich anzunehmen, in welcher Lebenslage auch immer sie sich befinden. Es reicht nicht, Kindern Markenklamotten zu kaufen, sie alljährlich in die tollsten Urlaubsgebiete mitzunehmen, die Kinderzimmer in Spielzeugläden zu verwandeln und ihren Verstand auf die höchsten Bildungsziele zu trimmen. Und es reicht auch nicht, sie mit virtuellen Abenteuern vor dem PC oder dem Fernseh- und Videogerät abzuspeisen. Kinder wünschen sich von ihren Eltern nichts so sehr wie gemeinsam verbrachte Zeit, - egal wo - gemeinsam erlebte Spiele und eine heile Familie mit Mutter und Vater. Das bedeutet, dass wir als Eltern unsere persönlichen Ansprüche zurück schrauben und unsere Zeit mit unseren Kindern teilen müssen. Und zwar gern teilen müssen. Kinder brauchen lebende, leibhaftige Vorbilder, von denen sie alltäglich so altmodische Werte wie Moral, Ethik und Ehrfurcht vor Schöpfer und Schöpfung lernen. Sie brauchen natürliche, selbst zu erlebende Gelegenheiten, an denen sie das Erlernte üben und auch einmal Fehler machen können, die mit einem Lachen unwesentlich gemacht und durch so viele Neuversuche verbessert werden können, wie nötig sind, um zum Erfolg zu gelangen. Wenn wir Erwachsenen endlich begreifen, dass Kinder keine zu kurz geratenen Erwachsenen sind und dies auch nicht werden müssen, weil sie als Kinder das Recht haben, Kind zu sein und folglich anders, aber nicht weniger wert als Erwachsene, dann erst werden junge Menschen wie Robert erkennen, dass sie ihre Stärke nicht an äußeren Merkmalen der Macht wie Waffen, Drogen, Kampftechniken, Geld und Leistungsnachweisen auf Papier fest machen müssen, um in der Erwachsenenwelt etwas wert zu sein. Vielmehr werden sie wissen, dass "Das Wesentliche für die Augen unsichtbar" ist, dass Leben Chancenvielfalt bedeutet und erst Tod und Gewalt das Ende aller Möglichkeiten zur Veränderung sind. "Es muss immer erst etwas passieren", sagt der Volksmund. Jetzt ist es passiert. Wieder einmal. Lernen wir Erwachsenen diesmal endlich daraus, dass die Tatsache, dass "die Amokläufer immer jünger werden", vor allem mit uns Alten zu tun hat? Karin Jäckel |
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