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Amoklauf in Erfurt
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Meine Gedanken zu Erfurt Alle denken an die vielen Ermordeten. Ich denke an den Täter, der auch ein Opfer war. Ich denke an sein unmenschliches Leiden, an seine so tief verletzte Seele, an seine Einsamkeit, seine Verzweiflung, seine Angst. Und ich weine um ihn, denn auch er hat eine unsterbliche Seele und ist Gottes Kind. Er war 19, genau so alt wie ich. Er hieß Robert, wie ich. Er hatte Pläne, Träume. Das Leben lag vor ihm. Und wahrscheinlich dachte er, dass er richtig durchstarten kann, wenn er erst mal die Schule und die Pauker hinter sich und das Abi in der Tasche hat. Alles, was ich auch denke. Total normale Gedanken eines echten Menschen. Ich stelle mir vor, ich hätte in der 11. die Klasse freiwillig wiederholt. Freiwillig wiederholt, das heißt, man ist nicht so schlecht in den Noten, dass man sitzen bleiben muss, denn dann dürfte man nicht freiwillig wiederholen. Man ist also höchstens so schlecht, dass man die Versetzung in der 11. knapp schaffen würde, aber vermutlich in der 12. nicht gut genug wäre, um zum Abi zugelassen zu werden. Wenn einer in der 11. Klasse freiwillig wiederholt, dann macht er das also nicht aus Faulheit, sondern weil er unbedingt zum Abi zugelassen werden will. Mit so einer Entscheidung verschenkt man ein Lebensjahr! Frewillig! Das macht keiner, der ein Faulenzer ist. Ich stelle mir weiter auch vor, wie es wäre, wenn man mir in der endlich erreichten 12. Klasse gesagt hätte, dass mir der ganze Aufwand nichts gebracht hat, weil ich immer noch keine Zulassung zum Abi kriege. Und wie ich nochmals die Zähne zusammen gebissen und die Tränen abgewürgt und es nochmal versucht hätte, weil ich dieses verdammte Abi nicht nur will, sondern auch zum Überleben brauche. Ich kann mich so gut in diesen anderen Robert hinein versetzen. Ich bin auch mal sitzen geblieben. Kenn das. Du kommst dir vor wie ein Haufen Müll, wenn sie dir dein Zeugnis geben und dir sagen, dass du den "Ansprüchen nicht genügt" hast. Das ist, als wenn sie dich nackt ausziehen und anstarren und über deine Schrumpelwurst lachen. Du schämst dich ohne Ende. Und du hasst dich dafür, dass du dich schämst. Und die anderen, dass die machen, dass du dich hassen musst. Aber du sagst dir, denen zeigst du es, die sollen sich noch wundern. Und nur deshalb, weil du es ihnen zeigen willst, und weil deine Family auf dich schaut und du willst, dass sie stolz auf dich sind, deshalb tust du dir das an und versuchst es neu. Und dann, in der 12., sagen sie dir, dass du immer noch nicht gut genug bist. Dass sie dir den einen oder die zwei Punkte mehr nicht geben können, die du brauchst für die Zulasssung zum Abi. Das ist wie ein Erdbeben um dich rum. Da verlierst du den Boden unter den Füßen. Da weißt du nicht mehr, ob du überhaupt der bist, den du kennst. Du weißt, wie du gekämpft hast. Und die sagen dir, dass du ein faules Schwein bist und nicht wert, ein Abitur zu kriegen. Da sitzt du irgendwon in der Ecke und heulst und das Heulen hilft nichts, weil dieser verdammte Alptraum nicht aufhört. Wenn du genug gesoffen hast, vergisst du es. Und wenn du wieder klar bist, ist es wieder da. Du kannst machen, was du willst, du kannst das nicht wegdrücken. Und du hast die scheißende Angst, dass du für immer unten bleibst, dass du nie einen Job kriegst, nie genug Kohle hast, um es dir gut gehen zu lassen, dass du zu denen gehörst, die es im Leben einfach nicht packen. Du schreist und schreist um Hilfe und keiner hört es, weil du keinen Ton mehr raus bringen kannst. Der Hals ist dir zu und der Mut ist weg und du du kannst nicht mal mehr heulen, weil da nichts mehr zum Rausheulen ist. Und irgendwann kommt dann die Wut.. Der andere Robert hat die Wut genutzt, um es noch einmal zu versuchen. Das muss man sich vorstellen! Oder habe ich das in der Presse falsch verstanden? Hat er die 12. Klasse nicht zweimal gemacht? Ich glaube, doch. Ich denke mir, wie das für ihn gewesen sein muss. Erst die 11. freiwillig wiederholt. Dann der Kampf um die Punkte in der 12. Dann noch mal in denselben Kampf. Mit immer mehr und mehr Angst, denn du merkst doch, du hast kaum noch eine Chance, du verhaust die eine Klausur und die andere, mal hast du ein paar Punkte mehr, meistens ein paar zu wenig. Aber du rechnest dir immer noch was aus. Jeden Tag rechnest du das durch, ob du bloß keinen Punkt übersehen oder falsch gerechnet hast. Und du strengst dich an und hast schon vor jedem Test die Hosen voll, dass dir der Kopf vernagelt ist, wenn du abgefragt wirst. Und prompt geht es wieder daneben. Du rechnest und rechnest und merkst, wenn du jetzt die Arbeit und den Test noch verhaust, dann reicht es wieder nicht. Lieber Gott, hilf mir! Lass mich nicht hängen! Ich will's doch packen! Ich muss es packen! Wenn du mir hilfst, ich werde der beste Mensch sein, ich tu alles, was du willst, aber hilf mir! Und dann denkst du, wenn du diesen Test und die Arbeit nicht mitschreibst, weil du krank bist, dann können sie dir keine Miesen anrechnen, dann werden keine Pluspunkte aber auch keine Minuspunkte fällig. Dann reicht der Durchschnitt für die Zulasssung zum Abi. Lieber Gott, bitte, bitte, nur das! Und du weißt, dass du nicht einfach so fehlen kannst und dass sie keine Entschuldigung von deinen ELtern mehr akzeptieren. Du bist ja schon 18 und musst dir selbst Entschuldigungen schreiben. Aber von dir nehmen sie keine mehr an. Du brauchst eine vom Arzt. Und wie, wenn der dir kein Attest schreibst? Wenn du nicht krank bist und auch nicht gut genug krank spielen kannst? Kann sich denn niemand vorstellen, was in diesem anderen Robert abgegangen ist? Wie wahnsinnig die Angst war? Wie er sich keinen Rat mehr wusste? Wie ihn die Verzweiflung getrieben hat? Und wie er keine andere Lösung mehr wusste, als die Unterschrift von einem Arzt zu fälschen? Urkundenfälschung, haben es die Pauker genannt. Und das ist es ja auch, wenn man es genau nimmt. Ich nenne es trotzdem Notwehr. Oder Mundraub. Dieser andere Robert war auf der Flucht vor denen, die ihm das Leben verbauen wollten. Ich stelle mir das vor, als wenn er einen steilen Berg rauf rannte und bei jedem zweiten Schritt wieder runter rutschte und unten standen die Jäger. Ich spiele auch PC-Spiele. Auch Ballerspiele. Und meine Eltern toben auch, wenn ich spiele. Mein Vater hat mir den Strom abgestellt. Meine Mutter hat mir das Kabel abmontiert und versteckt. Wie bei diesem anderen Robert auch. Sie haben nie verstanden, dass es gut tun kann, in diesem Kasten zu ballern und die wilde Sau raus zu lassen. Es ist ja nicht echt. Aber es gibt dir die Möglichkeit, Druck abzulassen. Das ist, als wenn du auf einen Box-Sack drischst und dir dabei vorstellst, wen du gern mal so verdreschen würdest. Eine Freundin von mir geht in die Therapie. Dort muss sie einen langen, dicken Gummistock nehmen und damit auf ein Kissen oder einen Sandsack einschlagen, bis sie nicht mehr kann. Dabei soll sich sich vorstellen, es wäre ihr Vater. Der hat sie missbraucht. Das hilft ihr, sagt sie. Sie kann sich dann endlich mal entspannen. Und außerdem hat sie dann das Gefühl, dass sie sich endlich mal wehren konnte und nicht Schuld gewesen ist, dass ihr das passiert ist. Ich finde, meine Ballerspiele im PC sind auch nichts Anderes als so ein Schaumgummistock. Wetten, dass sie auch für diesen anderen Robert nichts Anderes waren? Dass er sie brauchte, um seinen Frust und den inneren Druck los zu werden, an dem er sonst vielleicht noch viel früher kaputt gegangen wäre. Jetzt heißt es natürlich, die Ballerspiele waren Schuld, die haben ihn zum Amokläufer gemacht. Aber das ist Schwachsinn. Wenn es stimmen würde, müssten Hunderttausende zum Amokläufer werden und schon geworden sein. Und dann endlich hatte dieser andere Robert die 12. und sogar die 13. Klasse doch fast geschafft. Sogar mit gar nicht so ganz schlechten Noten. Einer, der mittelmäßige Leistungen bringt, schafft das Abi. Kannst du dir vorstellen, wie der sich gefühlt haben muss? Immer noch mit Angst, aber doch auch wieder mit Hoffnung. Wie er sich vermutlich noch öfter als vorher seine Punkte ausgerechnet hat, die er holen muss, um das Abi zu kriegen. Und zwar ein Abi, mit dem er studieren könnte. Das wollte er ja. Dafür hatte er gekämpft. Aber es war knapp, denke ich. Und wie er dann noch öfter als vorher versucht hat, die schlechten Noten auszutricksen, indem er fehlt. Und dann plötzlich der BigBang: Schulverweis! Irgendwer hatte hinter diesem anderen Robert hergeschnüffelt und den Schwindel mit den falschen Arztattesten aufgedeckt. Die Schulkonferenz muss tagen, um eine solche Entscheidung zu treffen. Da sitzen sie in der Runde zusammen und tragen die Schandtaten zusammen. Ein paar ausgewählte Mitschülerinnen und Mitschüler sind auch dabei. Sie sind die Nebenrichter oder die Verteidiger, je nachdem. Am Ende wird abgestimmt. Und da gingen die Daumen dann wohl alle nach unten: Kreuzige! Kreuzige! Ich weiß nicht, ob ich mir wirklich vorstellen kann, was in diesem anderen Robert vorging, als er den Briefumschlag erhielt und einen letzten Händedruck, oder noch nicht mal das. Er kann es uns nicht mehr erzählen. Ob er das Ganze wie sein Todesurteil empfunden hat? Aber selbst da, so ganz tief am Boden, gab dieser andere Robert noch immer nicht auf. Ich kann das kaum fassen, aber er lief tatsächlich noch mal los und suchte nach einer neuen Schule. Die eine, die er fand, war leider indiskutabel, weil er dort seinen in der 12. angefangenen Leistungskurs in Physik nicht weiterführen konnte. Selbst wenn sie ihn trotz des unehrenhaften Entlass-Zeugnisses aufnehmen wollten, hätte er dort nicht neu anfangen können. Man kann im Abi-Block keinen Leistungskurs mehr wechseln. Die zweite Schule, die er um Aufnahme bat, konnte sich wohl nicht gleich entscheiden. Man vertröstete ihn vermutlich, er solle später nochmals anrufen. Man müsse seinen Antrag erst prüfen. Vielleicht hätte jemand Anderer an ein Wunder und eine Zusage geglaubt.. Dieser andere Robert glaubte nicht daran. Er gab auf. Ein paar Wochen vor den schriftlichen Abitur-Prüfungen. Abgestürzt in der Nordwand, kurz vor dem Gipfelkreuz. Wenn ich es mir nur vorstelle, verkrampft sich alles in mir. Ich spüre, wie der Schmerz mich wie mit Eis ausfüllt. Wie ich kein Wort mehr hervor bringe. Wie ich nur noch den Herzschlag Aus-Aus-Aus in mir höre. Vermutlich hätte ich einige Tage oder noch länger gebraucht, bis ich wieder klar hätte denken können. Und vermutlich hätte ich dann keine Kraft mehr für Verzweiflung, Tränen, Elend und andere Gefühle gehabt. Vielleicht wäre auch ich dann nur noch ein Roboter gewesen. Mechanischer Antrieb. Automatischer Denkapparat. Personifizierter Computer. Per Mouseclick gesteuerte Kampfmaschine. Der virtuelle Arm eines unsichtbaren Roberts, der nur noch leben konnte, weil er seine Seele in eine andere Existenzebene, hinein ins Cybernet, gebeamt hatte. Ich glaube, als dieser andere Robert zu schießen begann, war er längst tot. Robert |
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