Amoklauf in Erfurt
Freitag 26.April 2002
Antwort von Karin Jäckel an Christine

Liebe Christine,

deine eMail hat mich sehr berührt. Und ich finde es mutig, dass du deine eigene, gut überlegte Meinung zu schreiben wagst, auch wenn du mit dieser "gegen den Strom schwimmst", so dass du vorhersehen kannst, in die Kritik zu geraten. Das nennt man "Zivilcourage".

Dein Unbehagen gegenüber dem Erfurter Lehrer Rainer Heise kann ich gut verstehen, denn ich fühle ähnlich wie du.

Auch ich habe in einer Fernsehsendung, die RTL am Abend des Tattages ausstrahlte, ein Interview mit Herrn Heise gesehen, worin er mit vielen Einzelheiten über seine Begegnung mit Robert Steinhäuser berichtete. Dabei schien er sich sehr wohl zu fühlen und seinen Medienauftritt als Held zu genießen. Obwohl ich mir vorstellen kann, dass Herr Heise in diesen Stunden glücklich war, noch am Leben zu sein, schien mir seine euphorische Stimmung fehl am Platz. Immerhin sprach er über den Tod.

In einer Passage seines ungekürzt gesendeten Interviews schilderte er die von dir erwähnte Szene mit der Pistole. Auch die Direktorin sprach inzwischen gegenüber der Presse davon und wünschte sich, Herr Heise wäre in seinen Interviews "weniger laut" gewesen. Das interpretiere ich so, dass es ihr lieber gewesen wäre, wenn er seltener und weniger wichtigtuerisch aufgetreten wäre.

Ich habe dieses Wichtigtun vor allem in der Schilderung des toten Robert Steinhäuser bedauert, dessen Anblick Herr Heise vor den Kameras bis zur genauen Schilderung der Blutfarbe beschrieb. Auch wenn Herr Heise Kunstlehrer ist, der sich mit Farbenlehre auskennt, hätte er sich diese völlig unnötige Pietätlosigkeit verkneifen müssen.

Vermutlich haben wir beide dasselbe Interview bei RTL gesehen, so dass du ähnliche Fragen hast wie ich. Meiner Meinung nach sagte Herr Heise in diesem Interview, Robert Steinhäuser habe plötzlich vor ihm gestanden, als er selbst gerade das Zimmer der Direktorin verlassen hatte, wo er die verängstigte Direktorin und zwei Tote vorgefunden hatte. Robert St. habe ihm in diesem Moment die Pistole auf die Brust gesetzt und sich gleichzeitig demaskiert.

Als Herr Heise ihn erkannte und angstfrei - das betonte er ausdrücklich, weil er in seinem Alter einem Jugendlichen überlegen und außerdem "an dieser Stelle Profi" sei, - sagte: "Du kannst mich jetzt erschießen, aber schau mir in die Augen dabei!", senkte Robert St. die Pistole. Er erwiderte: "Nein, für heute reicht es, Herr Heise.", und legte die Waffe weg. Dann wollte er gehen.

Daran hinderte ihn Herr Heise mit der Bemerkung (ungefähr):"Du kannst jetzt nicht so einfach verschwinden. Darüber müssen wir reden.", und öffnete die Tür zum Lehrerzimmer.

Robert St. war sofort einverstanden und wollte unbewaffnet in das Lehrerzimmer hinein gehen. Auch diese Szene schilderte Herr Heise sehr genau. Er habe zu Robert St. gesagt: "Die Waffe musst du aber mitnehmen. Die kannst du hier nicht einfach so rum liegen lassen."

Auch das schien Robert St. sofort einzusehen, denn laut Herrn Heise nahm dieser die Waffe widerspruchslos wieder an sich und ging dann durch die offene Tür, an Lehrer Heise vorbei, ins Lehrerzimmer hinein. In diesem Augenblick konnte Herr Heise ihn in einem Überraschungsmanöver vollends ins Zimmer hinein stoßen und - er sah noch, dass Robert St. von dem Stoß stolperte und fast stürzte - die Tür hinter ihm verschließen.

Wenn diese Schilderung zutrifft, hat Herr Heise an dieser Stelle einen großen Fehler gemacht. Falls Robert St. die Waffe tatsächlich bereits abgelegt hatte und waffenlos war, hätte er ihn nicht auffordern dürfen, die Waffe erneut an sich zu nehmen. Wäre Robert St. ohne seine Pistole im Lehrerzimmer eingesperrt worden, hätte er sich nicht selbst töten können.

Inzwischen werden allerdings immer mehr Zweifel laut, ob sich tatsächlich alles so abspielte, wie Herr Heise behauptet und ob er Robert St. tatsächlich gestoppt hat. (Spiegel)

Doch gehen wir jetzt einmal davon aus, dass sich wirklich alles so ereignete, wie er es uns über alle Fernsehkanäle schilderte! In diesem Fall hätte sich der graubärtige ältere Herr Heise tatsächlich ungeheuer mutig verhalten; todesmutig, könnte man sagen. Nur wenige Menschen würden in einer solchen Situation die Nerven und Ruhe bewahren. Und wahrscheinlich hat er dann auch tatsächlich Menschenleben gerettet und jedes Lob dafür verdient.

Vielleicht hatte er keine Zeit mehr, nachzudenken und Angst zu bekommen. Vielleicht half ihm die Tatsache, dass er als heute 60jähriger während des Krieges geboren wurde und Schießereien in seiner Kindheit erlebte. Vielleicht half ihm, dass er als langjähriger Lehrer im Umgang mit Jugendlichen Profi ist, wie er sagte, und weiß, wie er sie anzupacken hat. Vielleicht kam auch alles zusammen. In jedem Fall brachte er es fertig, auf die Gewalt Robert St. nicht mit Gegengewalt sondern mit Gelassenheit zu reagieren.

Diese Gelassenheit muss auf Robert St. wie ein Eimer kaltes Wasser gewirkt und ihn sofort zur Besinnung gebracht haben. Von einer Sekunde zur anderen hatte er plötzlich genug von der Schießerei und verwandelte sich vom Cyber-Killer in den "normalen" Jungen zurück, als den ihn seine Freunde gekannt hatten.

In diesem Moment hatte Robert St. - immer vorausgesetzt, Herr Heise schilderte sein Erlebnis in der Sendung, die ich bei RTL sah, völlig korrekt und ich habe alles völlig richtig verstanden, - nicht die Absicht, sich umzubringen. Im Gegenteil, er sagte: "Für heute reicht es, Herr Heise!", und legte die Pistole aus der Hand. Damit war der Amoklauf vorbei.

Dass Robert St. sich wenig später tötete, gehört meiner Meinung nach nicht mehr zu seinem Amoklauf dazu. Ich denke, er hat sich selbst gerichtet..

Deine Frage, Christine, ob ein Mörder seine Menschenrechte verliert, kann ich ganz klar mit "Nein" beantworten. Auch ein Mörder bleibt ein Mensch und im Besitz der Menschenrechte. Er wird nicht etwa "vogelfrei" wie einst im Mittelalter, so dass jeder ihn ungestraft töten darf, sondern wird vor ein ordentliches Gericht gestellt, welches über ihn zu Gericht sitzt und eine Strafe verhängt, die der Straftat angemessen ist.

Hätte Robert St. überlebt, wäre er inhaftiert, vor ein Gericht gestellt und nach dem Jugenstrafrecht abgeurteilt worden. Mit Sicherheit hätte ihn eine schwere Strafe erwartet. Und ob er je wieder glücklich geworden wäre, bezweifle ich.

Dir wünsche ich, dass du weiterhin so wach, aufmerksam bleibst wie bisher und dass du dir die eigene Meinung nie verbieten lässt.

Lieber Gruß,
Karin