Amoklauf in Erfurt
Freitag 26.April 2002
Zuschrift von Johannes

Sehr geehrte Frau Jäckel,

mit Interesse habe ich Ihre Stellungnahme zu den Ereignissen in Erfurt gelesen, die mir vom Pressedienst des Heidelberger Büros für Familienfragen übersandt wurde. Ich teile durchaus Ihre Ansicht, dass es sich hier um die Verzweiflungstat eines Jugendlichen handelte, der sein Lebenskonzept zusammenbrechen sah. Zur Verzweiflung muss aber noch ein erheblicher Hass gekommen sein auf die, die er für seine Situation verantwortlich machte.. Vermutlich war das das ganze Lehrerkollegium dieser Schule.

Ich kann auch nachvollziehen, wenn sie die Schuld für das Geschehen nicht einfach nur bei diesem Jungen sehen, sondern sogar in erster Linie in der Erwachsenenwelt.

Was ich aber nicht nachvollziehen kann, ist die Tendenz, den Eltern die Hauptverantwortung in solchen Fällen zuzuordnen. Zwar halte auch ich Ihre Sicht für richtig, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern die Zukunft der Kinder am stärksten bestimmt. Dieses Verhältnis sollte daher auch im Vordergrund des Interesses stehen. Aber das darf nicht dazu führen,dass ausgerechnet den Eltern alle möglichen Fehlentwicklungen von Kindern angelastet werden. Ein gutes Verhältnis zu den Kindern hängt nicht nur vom Willen der Eltern ab. Der ist in aller Regel vorhanden. Es gehört auch eine Zufriedenheit der Eltern dazu, die erschwert wird, wenn die Leistung der Kindererziehung gering geschätzt und gesellschaftlich nicht anerkannt wird, wie es heute schon von der Sozialgesetzgebung her vorgegeben wird. Unzufriedene Eltern werden in der Regel auch ihr Bestes zu tun versuchen, werden aber oft überfordert sein. Je mehr die Eltern durch gesellschaftliche Umstände belastet werden, desto eher werden oder müssen sie versagen, wenn individuelle Probleme dazu kommen, die sonst oft kompensierbar wären. Ich halte es daher für falsch, die Schuld für Fehlentwicklungen der Kinder in erster Linie bei den Eltern zu suchen, auch wenn das vordergründig oft zutreffen mag. Schließlich tun Eltern trotz der widrigen Bedingungen immer noch weit mehr für die Kinder als andere.

Eine Lösung kann ich nur darin sehen, dass die Erziehung von Kindern wieder den Stellenwert erhält, den sie verdient. Das darf sich aber nicht auf leere Worte beschränken, sondern muss eine volle Gleichberechtigung der Eltern auf allen Gebieten wie Sozialgesetzgebung, Steuerrecht usw. einschließen. Erst als gleichberechtigte Bürger werden Eltern ihre von Natur aus bestehende Liebe zu ihren Kindern wieder voll entfalten können. Sie werden dann auch weit mehr individuelle Belastungen meistern können, die nicht auf widrige gesellschaftliche Bedingungen zurückzuführen sind.

Wenn auch die Tat von Robert wohl nicht repräsentativ für unsere Jugendlichen war, so bin ich doch der Meinung, dass in der nachfolgenden Generation als Folge ihrer gesellschaftlichen Vernachlässigung bereits heute viel Aggressivität steckt, die sich zu einem späteren Zeitpunkt in größerm Umfang entladen kann, wenn nichts zur Besserung der Erziehungsbedingungen geschieht, was eigentlich nur in einer echten Wiederaufwertung der Erziehungsaufgabe bestehen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Johannes