Amoklauf in Erfurt
Freitag 26.April 2002
Antwort von Karin Jäckel an Johannes

Sehr geehrter Johannes,

herzlichen Dank für Ihre lange eMail, die ich gern beantworte.

Es freut mich, dass Sie meine Meinung über die Hintergründe des Erfurter Unglücks insofern teilen, als auch Sie die schwere seelische Verletzung des jungen Täters als die eigentliche Ursache ansehen.

Ganz sicher hat er im Lauf der Zeit einen tiefen, zerstörerischen Hass auf die entwickelt, von denen er sich um seine Zukunft und somit um seinen Lebenssinn betrogen fühlte.

Die Tat war letztlich der Vulkanausbruch dieses Bergs aus Angst, Not und Hass.

Über die innere Beziehung innerhalb der Familie Steinhäuser kann ich nur Mosaiksteine zusammen tragen, welche Presse und Medien bisher lieferten. Daraus leite ich ab:

Robert war als Grundschüler ein fröhliches, unbeschwertes Kind. Die in der Presse abgedruckten Fotos zeigen ihn auch so.

Bis zu diesem Zeitpunkt wuchs Robert in der Ex-DDR auf. Das heißt, da seine beiden Eltern berufstätig waren, wurde er professionell betreut und seine Freizeit "plansollmäßig" geregelt.

Lege ich die Ergebnisse meiner intensiven Recherchen über das Familienleben in der Ex-DDR an Robert und seine Familie an, so kommt dabei heraus, dass Familienbindungen zwar als hilfreich und nützlich in einer Zeit hochkonjunkturellen Misstrauens gehütet wurden, Eltern und Kinder sich aber nicht in dem Maße vertraut waren wie in Familien ohne umfassende Fremdbetreuung.

Mit der Wende kam auch für Robert die Wende. Vermutlich wurde er aus den bisherigen Betreuungseinrichtungen heraus genommen. Es gab ja Großeltern im Haus nebenan. Auch ein älterer Bruder war da, der sich um den jüngeren kümmern konnte. Die Eltern gingen weiterhin beide ihrer Erwerbstätigkeit nach und kamen erst nach einem langen, aufreibenden Arbeisttag nach Hause. Zeit hatte man also wenig für einander, dafür aber Geld.

Die Probleme Roberts scheinen mit dem Auszug des älteren Bruders massiver begonnen zu haben. Dieser ist knapp sechs Jahre älter. Robert war 19, der Bruder ist 25. Geht man davon aus, dass er mit 19, 20 das Abitur machte und anschließend entweder zum Wehr- oder Zivildienst eingezogen wurde oder gleich zu studieren begann, war Robert ab dem 13./14. Lebensjahr quasi Einzelkind. Nicht nur das, er war quasi allein.

Was tun Pubertierende, die keinen Ansprechpartner (mehr) Zuhause haben, sich allein fühlen, wenig Freunde haben und die Zeit irgendwie herum bringen wollen? Sie hängen vor dem Fernseher, vor dem Nintendo, mit dem Gamyboy, am Telefon und vor dem PC herum. Wenn sie etwas angeberisch veranlagt sind und reichlich Geld haben, prahlen sie vor den Gleichaltrigen mit ihren neusten Errungenschaften und fühlen sich "cool", wenn sie die härtesten Ballerspiele kaufen können und haben dürfen, die den Anderen daheim verboten werden.

Das alles wird für den jungen Robert kaum anders gewesen sein, zumal er in seinem Handballverein nicht die große Attraktion war und Dank seiner strengen Prinzipien - kein Alkohol, keine Drogen, keine unehelichen Kinder - auch nicht der begehrteste Kumpan seiner Gruppe.

Es bleibt nicht aus, dass übermäßiger Zeitverbrauch vor den "Glotz"-Medien nachlassende schulische Leistungen hervor bringt. Auch da machte Robert keine Ausnahme.

Absinkene schulische Leistungen erzeugen Versagensängste, besonders dann, wenn im Elternhaus Leistungsdruck ausgeübt wird und das Abitur schlicht und ergreifend selbstverständlich ist. Doch nicht nur das, wer schlechte Schulnoten hat, ist bei den Lehrkräften selten beliebt. Und wenn dies dann auch noch Lehrkräfte mit tradtionellen Erziehungsmethoden sind, so dass sie sich durch Widerspruch und "cooles" Gehabe provoziert fühlen, wird es gefährlich.

Und an an dieser Stelle sehe ich das Elternhaus in der Pflicht. Hier rächt sich, dass Robert Zuhause nicht mit "den drei großen Z" wie Zärtlichkeit, Zuwendung und Zeit, sondern zum Konsum der "drei großen L" wie Luxus, Lust und Labels erzogen wurde.

Robert Steinhäusers Eltern sagen, sie hätten nichts von seinen Schulproblemen gewusst. Objektiv betrachtet, hätten sie diese aber allerspätestens bemerken müssen, als ihr halbwüchsiger Sohn die 11. Klasse freiwillig wiederholte. Für eine solche folgenschwere Entscheidung müssen bei Minderjährigen die Eltern unterschreiben. Damals war Robert minderjährig, etwa 16, 17 Jahre.

Seine Eltern wussten auch nichts von seinem Schulausschluss. Sie hatten keine Ahnung von der seelischen Not, unter welcher der Junge mehrere Jahre lang litt. Sie bemerkten nichts von dem schwelenden Hass, den er jahrelang mit Hilfe von Gewaltphantasien per Video und Zombie-Musik im Zaume hielt.

Obwohl sie bemerkten, dass sich bei ihm "alles ums Schießen drehte", fanden sie es normal oder merkten nicht, dass er sich für mehrere tausend Euro eine Pistole sowie ein handlich Schnellfeuergewehr (pumpgun) kaufte und kistenweise Munition in seinem Kinderzimmer hortete.

Sie waren nur wütend, dass er so viel Zeit mit seinen Ballerspielen am PC verplemperte, anstatt für die Schule zu pauken und in den Klassenarbeiten endlich bessere Noten zu schreiben. Doch zu diesem Zeitpunkt war ihnen der Sohn bereits so weit entglitten, dass er keinen Rat und keine Anweisung mehr von ihnen annahm. Selbst bracchiale Gewalt wie das Herausreißen von Kabeln aus der Wand brachten nichts mehr.

Wobei ich mich frage, wie unbeherrscht, fast schon rasend wütend man/frau sein muss, um Kabel aus den Wänden zu reißen - und welches Vorbild diese eskalierende Wut dem Jungen gab.

Eltern, die so wenig von ihren Kindern wissen, interessieren sich langfristig nicht tiefgründig für sie, nehmen nicht wirklich emphatisch Anteil an ihrem Leben. In einem solchen Elternhaus wird wenig mehr als lapidar Alltägliches gesprochen, wenig aktive, gemeinsam geplante, gemeinsam erlebte Zeit verbracht. Vielmehr lebt man nebeneinander her, regelt die Versorgung, aber nicht die innere, die innige Verbundenheit miteinander.

Am letzten Morgen frühstückte Robert mit seinen Eltern, ehe er zur Schule ging. Es kann nur ein kurzes Frühstück gewesen sein, denn er wollte um 9 Uhr geweckt werden und ging wenig später erstmals aus dem Haus. Eine halbe Stunde später kehrte er in der Annahme zurück, die Eltern seien bereits fort. Da er sich geirrt hatte, erfand er eine Ausrede. Gleich darauf ging er erneut los. Obwohl es im Haus bereits einen älteren Bruder gab, der das Abitur gemacht hatte, wurden die Eltern nicht stutzig. Völlig unkritisch nahmen sie Roberts Verhalten hin.

Um 9:45 Uhr, als er sicher sein konnte, dass die Eltern nun definitiv zur Arbeit außer Haus waren, sah ihn die Großmutter ein zweites Mal zurück kommen. Auch sie fand dies nicht weiter bemerkenswert und registrierte lediglich, dass Robert, der doch angeblich Abitur machen und längst schon in der Schule sein sollte, zwei Stunden in der elterlichen Wohnung blieb und dann mit einem großen Rücksack aus dem Haus, in Richtung Schule ging.

In Wahrheit hatte er in diesen zwei Stunden wohl sein Zimmer so gut aufgeräumt wie sonst nie und als Hinweis auf seine Täterschaft die Waffenrechnungen sowie die Munition offen gelegt, welche er nicht mehr in die Schule mitnehmen konnte.

Sehr geehrter Johannes, ich teile Ihre Meinung, dass Eltern nicht zu den "Versagern der Nation" abgestempelt werden sollten. Sie haben Recht, es ist nicht immer und erstrangig die Alleinschuld der Eltern, wenn ein Kind Fehler begeht. Viele Fehler geschehen aus unreifen Spontanhandlungen Heranwachsender. Viele sind auch das Ergebnis aus Einflüssen von dritter Seite. Anderes passiert eher zufällig und nicht vorhersehbar.

In Robert Steinhäusers speziellem Fall aber bin ich überzeugt, dass eine innige, aufmerksame, geduldige und zuverlässige Zuwendung zu ihm schon als Kind seine Entwicklung weit eher zum Positiven beeinflusst hätte, als dies in einem Umfeld geschehen konnte, welches zwar monetär versorgend und "ordentlich" den guten Ruf verwaltete, ansonsten aber oberflächlich blieb.

Hätten Roberts Eltern mehr Zeit mit ihrem Sohn verbracht und ihn besser gekannt, würden sie die ihm in der Schule, im Sportverein, im Gleichaltrigenkreis zugefügten Demütigungen und Verletztheiten wahrgenommen haben.

Er seinerseits würde aus ihrer Liebe Vertrauen geschöpft und ihnen sein Leid anvertraut haben. Gefälschte Atteste und Entschuldigungen wären damit überflüsssig gewesen.

Letztlich wäre es den Eltern auf dieser Basis leicht möglich gewesen, ihrem Sohn zu vermitteln, dass seine Menschenwürde nicht in Geld aufzuwiegen ist. Ja, dass sie ihn auch dann lieben, wenn er keinen Erfolg hat, mit dem man angeben kann.
Statt dessen lehrten sie ihn die tiefe Scham vor dem Versagen und die Wertlosgkeit dessen, der versagt. Jenseits des Abiturs schien es in dieser Familie kein menschwürdiges Leben zu geben.

Last not least aber hätten Eltern, die ihr Kind verstehen und diesem komme, was da wolle, immer ihre zuverlässige Liebe zeigen, für ihn gekämpft. Sie hätten seinen Lehrerinnen und Lehrern in der Schule Paroli geboten, als diese ihn schikanierten, ihn ohne offizielle Schulkonferenz der Schule verwiesen und dem sozialen Abstieg anheim gaben. Ich bin überzeugt, dass Robert bei einem derartig massiven Formfehler der Schulleitung und Schulbehörde zum Abitur hätte zugelassen werden müssen.

Kinder, sehr geehrter Johannes, werden nicht als Gewalttäter geboren. Sie sind nicht von Natur aus Mörder. Sie werden dazu gemacht und zwar durch Fehler zunächst ihrer Hauptbezugspersonen, den Eltern, und später durch Fehler im sozialen Gefüge des gesamten Lebensumfeldes.

Viel zu viele Eltern meinen immer noch, Kinder seien als "Bauchprodukt Marke Eigenbau" ihr elterlicher Besitz. Wie oft verletzen Eltern Kinderrechte ganz massiv. Wie oft wird zwar sichtbare Gewalt verpönt; doch seelische Grausamkeiten, Vernachlässigungen und körperliche Misshandlungen scheinen höchstens ein Kavaliersdelikt, wenn keine äußerlichen Verletzungen sichtbar werden. Und alle schauen weg.

Auch bei Robert Steinhäuser schauten alle weg. Bis er sie zwang hin zu schauen. Leider!

Mit einem schönen Gruß aus dem Schwarzwald
grüßt Sie herzlich

Karin Jäckel