Amoklauf in Erfurt
Freitag 26.April 2002
Zuschrift von Anne

WARUM?

Ein junger Mensch erschießt 17 Menschen in der Schule und dann sich selbst. Eine schreckliche Tat. Schreckliches Geschehen für die Familien , die ihre Kinder verloren haben. Schrecklich für Kinder, die ihre Mütter oder auch ihre Väter verloren haben .
Schrecklich für alle Familienangehörigen.
Und schrecklich für die Schülerinnen und Schüler, die in dieser Schule alles mitansehen oder anhören mußten und über Stunden in der Angst des Ungewissen bleiben mußten.

Ihnen allen gilt ganz sicher mein Mitgefühl. Aber auch dem Jungen, dessen Leben mit 19 Jahren zuende ist, der nun keine Chance mehr hat, für sich und sein Leben zu kämpfen.

Und ich habe Fragen - ganz dringend - nach dem, was und wer einen solchen jungen Menschen so in die Enge gedrängt hat, daß er sein eigenes Leben für sinnlos hielt.

Warum hat er keine Hilfe bekommen, als er von der Schule gewiesen wurde? Warum gab es keine Schulkonferenz, ehe man ihm das antat?

Welche Hilfe bekam er von den Lehrern? Welche von den Eltern? Wo waren all die Erwachsenen, die jetzt so sprachlos dastehen?

Warum hat dieser Lehrer, der unser neuer Held ist oder uns - wie ich das kenne und hasse - "verordnet" wurde, dem Jungen, als der schon längst aufgegeben und die Pistole weggelegt hatte, befohlen, diese wieder zu nehmen?

Warum hat er ihn nicht in das Zimmer gestoßen und hinter ihm abgeschlossen, als der Junge die Pistole abgelegt hatte? Warum hat er nicht tatsächlich mit ihm dann geredet? Der Junge hatte ja freiwillig die Waffe weggelegt gehabt - er war in dem Moment doch wehrlos. Und er war einverstanden, dass der Lehrer mit ihm reden wollte. Der Lehrer sagte doch im Interview bei RTL, der Junge wäre schon in das Lehrerzimmer gegangen, und dann hätte er, der Lehrer, zum ihm gesagt, er kann nicht einfach so weggehen, er soll die Waffe mitnehmen, weil er die nicht so liegen lassen darf. Und der Junge hat das sofort eingesehen und die Waffe wieder an sich genommen.

Er hätte keine Angst gehabt, als der Junge ihm die Pistole auf die Brust gesetzt hatte, sagte der Lehrer. An der Stelle wäre er Profi.

Wenn er so ein Profi ist und keine Angst hatte, warum musste der Junge die Waffe dann wieder an sich nehmen, obwohl er schon aufgegeben hatte? Der Junge wollte in dem Moment keinen mehr umbringen. Er hatte die Waffe selbst weggelegt und gesagt, für heute wäre es genug.

Und warum ist er dann alleine mit der Waffe gelassen worden?

War das sehr heldenhaft?

Und warum habe ich all diese Fragen und keiner außer mir scheint sie zu stellen? Warum bekomme ich keine Antworten? Warum habe ich wieder mal das Gefühl, daß ich diese diese Fragen nicht stellen darf, weil sie nicht opportun sind? Daß mir die Medien und Politiker glaubhaft machen, daß diese Fragen nicht stellbar sind ohne selbst angeklagt zu werden?

Und warum habe ich das Gefühl, daß Zeiten, die ich dachte, seit einem guten Jahrzehnt überwunden zu haben, mich wieder eingeholt haben?

Anne
Potsdam