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Amoklauf in Erfurt
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Liebe Emma, das von Mitgefühl und Angst geprägte Auftreten der Erfurter Bürgerschaft und hier besonders die intensiven Sympathiebekundungen von Schülerinnen und Schülern für ihre Lehrerinnen und Lehrer, sowie die Anteilnahme aus aller Welt, sind ein schönes Zeichen mitmenschlicher Gemeinschaft. Leider rückt man fast nur (noch) in Schockzuständen so nah zusammen. Dass diese bewusste, demonstrative Geschlossenheit nur von kurzer Dauer ist, lehrt uns der Alltag. Sie hat stets an der Stelle ihre Grenzen, wo sich in den unaussprechlichen und gerade darum so hautnah mitfühlbaren Schmerz und in die Angst vor dem Unbegreiflichen, das wegen dieser Unbegreiflichkeit unbesiegbar scheint, schrille Töne mischen. Diese wecken Zweifel und mit dem Zweifel auch das Selbstvertrauen neu. Rasch kann dann das kollektive angstvolle Mitgefühl in Antipathie umschlagen. Wie rasch, erfährt derzeit der Lehrer Rainer Heise. Er fühle sich bedroht und verfolgt, klagt er. Man habe ihn bespuckt und beschimpft. Er sei auf der Flucht. Ein tiefer Fall für ihn, der Anfangs zum untadelig vorbildlichen Helden erklärt worden war. Niemand möchte jedoch glauben wollen, dass das Umschlagen des Mitgefühls so weit führen könnte, den Tod der einen oder anderen Lehrkraft als gerechte Strafe anzusehen. Selbst dann nicht, wenn man davon ausgeht, dass es Schülerinnen und Schüler gibt, die sie zu Lebzeiten nicht mochten und ihnen früher vielleicht gern mal ein "Zeugnis für Lehrer" mit Noten zum Sitzenbleiben ausgestellt hätten. Selbst wenn junge Menschen sagen würden, dass es sich eine oder mehrere Lehrkräfte selbst zuzuschreiben hätten, dass Robert Steinhäuser sich an ihnen rächte, so denke ich doch, dass sie das - wie Sie, liebe Emma, ja auch schreiben - nicht wirklich auch so meinen. Gerade junge Menschen haben vom Tod andere Vorstellungen als Erwachsene, die sich ja auch nur näherungsweise denken können, wie das ist, tot zu sein. Deshalb glaube ich durchaus, dass man sich am Gutenberggymnasium manchmal gewünscht hat, dass diese oder jene Lehrkraft für immer verschwinden würde. Als Tod inm Sinne der absolut finalen Endlösung war dieser Wunsch aber gewiss nicht gemeint. Um nochmals auf Ihre Gedanken zur Geschlossenheit des Trauerauftritts zurück zu kommen: Menschen aus dem Osten schreiben mir - mit der Bitte, ihre Mitteilungen nicht zu veröffentlichen, - dass sie in der Geschlossenheit der Erfurter Trauerfeierlichkeiten ein Stück der alten DDR und Stasi-Methoden wiedererkannten. Damals waren ähnliche Massenkundgebungen aus gebotenem Anlass, ähnliche Hymnen-Reden "verordnet" worden, saß auch die gesamte politische Crème de la Crème auf den Rängen, wurden Spektakel der Macht zelebriert. Vielleicht ist ja tatsächlich etwas vom Abglanz dieser Zeiten zu Ehren der Opfer und Trauernden in Erfurt erwacht. Mir mit meinem aus dem Westen auf Erfurt gerichteten Blick sind diese Parallelen nicht aufgefallen. Ich habe sie ja niemals hautnah erlebt. Sie fehlen in meinem Erfahrungsschatz, so dass mein inneres Warnsystem sie nicht wahrnimmt. Mich hat es eher gefreut, dass sich in unserer als kalt und egoistisch behaupteten Gesellschaft so viel Solidarität und Mitgefühl zeigen kann. Und ich würde mir mehr davon wünschen. Vielen Dank für Ihre eMail, die neue Aspekte in die Diskussion trug, und schöne Grüße von Karin |
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