Amoklauf in Erfurt
Freitag 26.April 2002
Zuschrift von Vera

Liebe Karin,

die Diskussion auf deiner HP über den "Amoklauf" ist sehr umfangreich. Da ich ja erst am Sonntag richtig zu Hause war, habe ich leider noch nicht alles gelesen - werde ich aber in den nächsten Tagen nachholen.

Deine Einschätzung dieser Tragödie teile ich uneingeschränkt. Besonders suspekt ist mir der Lehrer, der in meinen Augen ziemlich unglaubwürdig ist. Ich möchte ihm nichts unterstellen, aber je häufiger ich ihn im Fernsehen gesehen habe, desto mehr beschlich mich die Ahnung, dass er die "Gunst der Stunde" nutzen wollte, um als Held gefeiert zu werden. Doch das ist eigentlich im Gegensatz zu dem Leid, das dieser Tag gebracht hat, nebensächlich. An dem Tag, als es passiert ist, erzählte mir D. davon, als ich nach Hause kam. Bei der Arbeit ist man ja weit weg von Fernsehen oder Radio ....

Es ist schon seltsam - als ich dann die Berichte sah, habe ich fast spontan an dich gedacht. Ein paar Tage vorher hattest du mir die Geschichte von dem Jungen erzählt, der sein Abitur wegen eines einzigen Punktes nicht bestanden hat. Der darum gekämpft und dafür gearbeitet hat und der es bestimmt sehr schwer gehabt hat. Dieser Junge hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Hätte er nicht auch ähnlich wie der Junge in Erfurt reagieren können? (Mich würde interessieren, wie es ihm inzwischen geht. Er hatte doch auch noch die Chance auf die mündliche Prüfung, oder?)

Als wir dann in den nächsten Tagen im Familien- und auch im Kollegenkreis darüber gesprochen haben, habe ich einiges Unverständnis zu spüren bekommen, wenn ich auch die Seite des Täters und seiner Familie "bedauert" habe.

Sicher, es ist für die Opfer und deren Familien einfach grauenhaft - ich finde kaum Worte dafür und es fällt mir schwer, mich in diese Situation hineinzudenken - aber dieser Junge und seine Familie, sind die nicht auch Opfer dieser Sache?

Ich bin keine Psychologin und ich kann mich in diesen Jungen nicht hineinversetzen, aber ich bin sicher, dass er verzweifelt war und keinen Ausweg mehr gesehen hat. Aber zusätzlich muss er so voller Hass gewesen sein, dass er nicht nur sein Leben beenden wollte, sondern auch das seiner Lehrer, die wohl für ihn das Feindbild schlechthin geworden sind.

Ich kann mich hineinversetzen in die Eltern und ich habe lange darüber nachgedacht. Bei diesem Nachdenken habe ich manchmal auch Angst bekommen und hatte mehrere Male ein verdammt schlechtes Gewissen meinem Sohn gegenüber.. D. hat in der Zeit vom 11. bis zum 14. Lebensjahr die Krise meiner ersten Ehe hautnah miterlebt - bis zur Trennung und Scheidung. Leider vergisst man in dieser Zeit als Betroffene selber zu oft, dass das Kind auch leidet. Man ist so sehr mit seinen Problemen beschäftigt.

Ich habe damals versucht, die Situation so erträglich wie möglich für ihn zu machen - aber ist mir das gelungen? Wie stark hat diese Phase sein Leben geprägt?

Relativ schnell nach der Scheidung habe ich dann N.N. kennen gelernt und er ist damals - auch relativ schnell - bei uns eingezogen. Auch das haben wir versucht, behutsam umzusetzen, aber ist uns das in D's Augen auch gelungen?

Ich - bzw. wir haben oft mit ihm gesprochen, ihn gefragt, ob er sich wohl fühlt. Eigentlich fällt mir nur eine Sache ein, die er damals "angemeckert" hat: N.N's Rasierwasser und Rasierapparat standen genau an der Stelle, an der die Sachen von D's Vater gestanden haben. Wir haben dann sofort umgeräumt - aber ging es D. wirklich nur um diese Dinge?

Kurze Zeit später kamen dann auch noch regelmäßig N.N's Kinder zu uns - damals 4 und 5 Jahre. Wir haben uns an den Wochenenden, wenn sie da waren, natürlich ziemlich intensiv um sie gekümmert. Hat D. sich da wohl "abgeschoben" gefühlt?

So viele Fragen und sooooo viele Fehler, die man machen kann. Wenn ich Fehler gemacht habe, dann habe ich das damals bestimmt nicht gemerkt.

D. spielt auch "diese" Computerspiele, genau wie die Mehrzahl seiner Freunde. Er interessiert sich auch für Waffen. Hätte ich nicht auch zu einer Mutter werden können, deren Sohn plötzlich ausrastet? Wie hoch ist die Schwelle? Wie groß oder wie klein ist der Schritt dorthin?
Haben D. und ich vielleicht nur Glück gehabt, dass die Fehler, die ich gemacht habe, nicht so schwerwiegend waren???

Diese Gedanken sind mir durch den Kopf gegangen und dabei habe ich gemerkt, wie schnell man bei Kindern Fehler machen kann ohne es zu merken. Ich denke, auch die Eltern von Robert haben ihren Sohn geliebt und wollten das Beste für ihn. Wie mögen sie sich jetzt fühlen? Sie werden sich Vorwürfe machen und machen lassen müssen, dass sie Schuld daran haben, dass ihr Sohn zum "Monster" geworden ist.

Wir als Eltern prägen ganz entscheidend das Leben unserer Kinder. Das ist, glaube ich inzwischen, die wichtigste und schwierigste Aufgabe, die es gibt. Und das alles ohne Schule, Ausbildung, Lehrgänge und Prüfungen. Wir setzen Kinder in die Welt und dann haben wir eine Aufgabe, auf die wir kaum vorbereitet sind.

Deine Ausführungen von den drei "Z" und den drei "L" fand ich ausgesprochen gut und wichtig. Wenn Kinder in die Welt gesetzt werden, dann muss man sich darüber im Klaren sein, dass vor allem die "Z" immer präsent sind.

Es ist ein so schwieriges Thema und dieser Tag in Erfurt hat so furchtbar viel Leid über so viele Menschen gebracht. Es ist viel diskutiert worden und es werden jetzt wieder ganz schnell ein paar Gesetze mit der heißen Nadel gestrickt werden. Und in ein paar Wochen ist schon fast alles wieder vergessen.

Frau Bergmann wird irgendwelche Dinge von der Weltkinderkonferenz umsetzen wollen - die Politiker streiten sich um die Wähler, indem sie die Familie zum Thema machen. Nach der Wahl wird kaum etwas davon realisiert werden. Das Geld wird mal wieder fehlen.

Für heute mache ich jetzt Schluss, ich melde mich aber bestimmt in den nächsten Tagen. Ich werde noch etwas auf deiner HP lesen, mit B. gehen und dann ganz langsam auch wieder an meinen wohlverdienten Schlaf denken.

Deine Vera