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Amoklauf in Erfurt
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Liebe Vera, deine sehr persönlichen Überlegungen und Spiegelungen der Situation der Eltern von Robert Steinhäuser an deiner eigenen, finde ich äußerst bemerkenswert. Es stimmt ja, wir Eltern machen alle endlos viele Fehler im Umgang mit unseren Kindern. Selbst dann, wenn wir es herzlich gut mit ihnen meinen und mit allen unseren Vor- und Fürsorgen nur immer "dein Bestes" wollen. Aber ist es denn ein Wunder, dass wir so oft Fehler machen? Menschen machen Fehler. Wir sind ja nicht der Papst, der die Unfehlbarkeit personifiziert. Doch diese eher lapidare Alltsgerklärung gilt hier nicht. Du schreibst es selbst, als Eltern muss man autodidaktisch sein und sich auf Instinkte verlassen. Aber genau da liegt das Problem. Plötzlich, von dem Augenblick an, an dem wir ein Kind gezeugt, oder spätestens wenn wir es geboren haben, sollen wir uns auf Instinkte und Intuitionen berufen. Ausgerechnet auf jeder Messregeltechnik fremde innere Stimmen, die ansonsten in unserer verroboterisierten, computerisierten, maschinenlastigen und auf Beweisbares fixierten Ego-Gesellschaft müde belächelt oder für unsinnig erklärt werden. Plötzlich sollen wir uns problemlos von unserem in den Jahren zuvor auf das eigene Ich zentrierten Interesse lösen und ein Du in den Mittelpunkt stellen können. Wohlgemerkt, ohne diesen gravierenden Wandel zunächst mal ein paar Jahre lang folgenlos üben zu können. Vielmehr muss diese Veränderung vom ersten Moment an erfolgreich funktionieren. Wie schwierig es ist, ad hoc perfekt zu sein, wird nahezu jeder Mutter bereits klar, wenn sie ihr erstes Kind zu stillen versucht, oder wenn Papa an scheinbar endlosem Babygeschrei verzweifelt, für das es keinen direkt ersichtlichen und folglich auch keinen sofort abstellbaren Auslöser gibt. Wie viel Angst Eltern haben zu versagen, Fehler zu machen, dem Kind zu schaden, kann man an der Fülle der entsprechenden Ratgeber ablesen, die in jeder Buchhandlung abrufbereit liegen. Diese Bücher werden ja nicht hauptsächlich aus Spaß gelesen, sondern weil man auf Rat hofft und etwas lernen will. Wobei hier wie wohl sonst nirgends gilt: "Und erstens kommt es anders und zweitens als man denkt." Instinkte, Intuitionen - Fähigkeiten, die man nicht trainiert, verkümmern. Nervenverknüpfungen, die man nicht nutzt, sterben ab. Das ist mit Instinkten und Intuitionen nicht anders. Doch wer bekennt sich denn in der heutigen Zeit freiwillig dazu, seinen Instinkten zu folgen? Allenfalls eine Handvoll Astrologen und Kartenleger oder weiße Hexen und andere Esoteriker, denen ich übrigens wenn nicht im Detail so doch im Prinzip durchaus gewogen bin. Der Rest der Bevölkerung hält es mit der Schulweisheit: "Instinkte steuern Tiere, den Menschen steuert Verstand" oder "Tiere gehorchen dem Trieb, dem Menschen gehorcht der Trieb." Trotzdem, - plötzlich, wenn wir ein Kind bekommen, sollen wir diese verpönten Fähigkeiten aktivieren und Instinktmenschen sein, die "aus dem Bauch heraus" das Richtige zu tun wissen. Als Kinder noch alltäglich in nahezu jede Familie gehörten, als Familien noch "bis dass der Tod uns scheidet" zusammen blieben, als die Großeltern noch in der Nähe lebten und der Generationenstreit nicht mal als Wort bekannt war, fiel es leichter, Eltern zu sein. Die lebendigen Vorbilder von damals werden heute durch Mediengestalten ersetzt. Heute sind Popstars wie Madonna oder Schauspielerinnen wie Jodie Foster oder Mutter Beimer aus der Fernseh-Soap-Opera die Vorbilder für Super-Mütter mit Super-Familien. Und Kinder stellt man sich so clever, so keck, so niedlich, so zum Knuddeln süß vor wie zum Beispiel in "Kevin allein zu Haus" oder in der Fernseh-Kaffee-Werbung. Wenn du schreibst, dass auch die Eltern Robert Steinhäusers ihren Sohn geliebt haben, muss ich an die neusten Pressenachrichten denken. Es sei ein eiskaltes Familienklima gewesen, heißt es da. Es habe ein rigoroser Abi-Druck geherrscht. Man habe nach außen hin die intakte Familie gegeben, nach innen habe man sich nichts zu sagen gewusst. Die Härte und Kälte der Eltern hätten den Jungen in den Tod getrieben. Was meinst du, war es so? Oder ist dies auch nur eine der vielen Erklärungen, mit der heißen Nadel gestrickt, um nur ja von der Tatsache abzulenken, dass da nicht bloß ein einzelner durchgeknallter Typ eine private Tragödie inszenierte, sondern dass er Teil eines gesellschaftlichen, schulischen und politischen Dramas mit mörderischem Ausgang war, welches mit mehreren Hauptdarstellern auf verschiedenen Bühnen lief? Robert Steinhäuser ist tot, begraben an einem anonymen Platz. Er wird uns nie mehr sagen, ob die Presse Recht hat, dass ihn der "Erfolgsdruck der Eltern" zum Massenmörder gemacht habe. Wenn es stimmt, hat ihr Sohn durch Schlagzeilen wie diese auch an ihnen grausame Rache genommen. Wie froh und dankbar bin ich doch, dass sich der gelegentliche Frust meiner Kinder durch Türenknallen und Knotterlaune abreagieren lässt. Bis demnächst mit schönen Grüßen, Karin |
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