Amoklauf in Erfurt
Freitag 26.April 2002
Zuschrift von Christine W.

Subject: Zuschrift von Robert

Liebe Karin,

ich sitze hier in aller Ruhe vor dem Computer, lese den Beitrag von Dir in Jörgs 'Gleichberechtigungsforum', obwohl ich den Thread gar nicht mehr zu Ende lesen wollte und stosse auf Deinen Link. Als ich Roberts Brief las, war ich total erschüttert und die Tränen flossen mir, was selten genug vorkommt, da mir das Weinen von meiner Mutter ausgeprügelt wurde.

Mir gehen tausend Dinge durch den Kopf, was ich mit den Lehrern meiner Kinder erlebt habe und auch, was mein Sohn aktuell durchmacht. Zwei Beispiele möchte ich kurz nennen, die stellvertretend für viele tausend Lehrer stehen:

Meine Tochter war gerade in die 9. Klasse gewechselt, als sie eine neue Schuldirektorin bekam. Einige Schüler meinten ab diesem Zeitpunkt wohl, sie könnten sich jetzt einiges leisten und vielleicht sogar die neue Schuldirektorin testen. Es wurde auf Videorecorder gepinkelt u.ä. Leider wurde keiner von diesen Schülern ermittelt. Als meine Tochter an einer Unterrichtsstunde teilnahm, die unter dem Dach stattfand, kam irgendeiner auf die Idee, die Schule mit Toilettenpapier zu 'verschönern', aber keiner traute sich. Also hat das meine Tochter gemacht und dafür wurde sie sogar noch verpetzt. Sie wurde natürlich zu der Schuldirektorin eingeladen und gekam zu hören, das die Direktorin sie nach diesem Vorfall besonders gut beobachten würde. Gesagt, getan.
Leider hatte meine Tochter die Schwäche, nicht immer pünktlich in der Schule zu erscheinen und dann stand die Direktorin dort am Eingang. Die ersten beiden Male entschuldigte meine Tochter sich, aber danach viel ihr einfach nichts mehr ein, also ging sie an der Direktorin einfach vorbei. Daraufhin bekam ich eine Einladung und die Direktorin besprach mit mir zunächst die schulischen Leistungen. Der eigentliche Punkt ihrer Einladung aber war folgender: Meine Tochter wäre eine überhebliche, arrogante Göre, die jeglichen Respekt ihr gegenüber vermissen lasse. Zunächst einmal war ich platt und es bedurfte einiger Zeit, bis mir das richtige Argument einfiel. Daraufhin fragte ich sie, ob Sie auch Psychologie studiert habe. Sie bejahte das mit einem halben Jahr. Daraufhin meinte ich dann, das sie doch wissen müsse, das das einzig und allein die Verunsicherung und Hilflosigkeit ausdrücken würde, die meine Tochter wohl empfinden würde, wenn sie tagtäglich am Schuleingang stehen würde. Daraufhin fiel der Direktorin nichts ein und das Gespräch wurde beendet. Im übrigen hat die Direktorin alles getan, weil sie meine Tochter von der Schule haben wollte. Gott sei Dank hatte meine Tochter aber starke Fürsprecher und so haben einige Lehrer, meine Tochter und ich eine gemeinsame Lösung gefunden: Sie ging danach auf ein privates Gymnasium. Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich gerade meine Arbeit verloren und obwohl ich von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe lebte, haben wir es geschafft, das erforderliche Schulgeld zu bezahlen. Meine Tochter hat trotzdem oder vielleicht gerade deshalb das Abitur geschafft und steht kurz vor dem Diplom.

Bei meinem Sohn sieht die Situation gänzlich anders aus, wofür ich eine große Verantwortung trage, die ich teilweise auch nicht richtig wahrgenommen habe. Die Gründe, warum mein Sohn und ich voriges Jahr nach Karlsruhe gezogen sind, sind wie immer sehr vielfältig, aber die Entscheidung wurde von uns beiden getroffen. Ich meldete ihn also in der Schule an und an dem ersten Tag nach den Schulferien im Sommer ging er noch zur Schule, danach schwänzte er 5 Tage, bis der Klassenlehrer sich bei mir meldete. Am nächsten Tag ging ich zum Gespräch in die Schule und der Lehrer wollte mehr von den Hintergründen wissen. Diese erzählte ich ihm und daraufhin meinte er, das mein Sohn keine Chance hätte, das aus ihm was werden würde bzw. er wohl irgendwann in der Gosse landen würde. (Na ja, Gosse hat er nicht direkt gesagt, ist meine Interpretation). Daraufhin meinte ich mehr oder weniger fassungslos, nach seiner Analyse könnte ich mir dann ja direkt einen Strick kaufen und uns beide erhängen.. Klar, war das nicht ernst gemeint, aber mir fiel wirklich keine bessere Antwort ein. Ich meinte weiter zu dem Lehrer, wenn ich die Hoffnung aufgeben würde, dann wäre mein Sohn in der Tat verloren. Daraufhin relativierte der Lehrer seine Prognose und meinte, natürlich dürfe ich meine Hoffnung nicht aufgeben. Mein Sohn ist öfters von der Schule total frustriert nach Hause gekommen und erzählte mir, wie 'bösartig' dieser Lehrer seiner Meinung nach ist. Ständig würde er die Kinder hänseln, die Worte fallen mir im Moment nicht ein und er hätte überhaupt keinen Bock mehr, zur Schule zu gehen. Es kam, wie es kommen mußte und er hat wieder die Schule geschwänzt, was ich wiederum erst nach knapp 2 Wochen erfuhr. Es folgte wieder ein Gespräch, einmal mit und einmal ohne meinen Sohn und ich saß wiederum mehr oder weniger hilflos da. Kurz nach dem Vorfall in Erfurt hatte ich ein vereinbartes Telefongespräch mit dem Lehrer und siehe da, auf einmal sprach er ganz anders. Plötzlich hat er noch Hoffnung, hat Wege aufgezeigt, die wir gehen können und das er tatsächlich eine realistische Chance sieht.

So sehr ich den Vorfall von Erfurt auch bedauere, so hat er anscheinend doch stattfinden müssen. Es wird mit Sicherheit nicht bei allen ein Umdenken stattfinden, aber wenn doch ein Teil der Bevölkerung sich besinnt, dann können wir etwas verändern und wenn es nur im näheren Umkreis ist.

Als ich die ganzen Zuschriften las, ist mir vieles bewußt geworden. Zwar waren etliche Erkenntnisse latent vorhanden, aber wie das ganze umsetzen? Diese Frage stelle ich mir schon seit langem. Ich habe sehr, sehr viele Fehler in meiner Erziehung gemacht, das wußte ich immer, aber heute hat es einfach klick gemacht. Ich weiß jetzt, ich werde einen Weg finden, um zumindest die schulischen Probleme zu lösen. Alles andere werden wir schon auf die Reihe bekommen, denn Gott sei Dank können wir uns ansonsten gut unterhalten, wobei ich leider nicht immer Antworten auf die Fragen meines Sohnes habe. Es gab in der Vergangenheit Zeiten, wo ich mich restlos überfordert gefühlt habe. Aber nachdem ich heute die Briefe gelesen habe, kommt bei mir ein Gefühl hoch, das wir es gemeinsam schaffen werden.

Liebe Grüße -
Christine