Leserbrief von Karin Jäckel zum
Amoklauf in Erfurt vom 26.4.2002

"Kinder gehören in die Mitte der Gesellschaft"

Mittelbadische Presse, Oberkirch, am 6.Mai 2002

„Die Amokläufer werden immer jünger“, sagte der Polizei-Psychologe in Erfurt.

„Warum?“, frage ich mich da. Und gebe mir selbst Antworten:

Für Kinder und Kindsein ist in unserem von Leistung, Konsum, Karriere, Selbstverwirklichung und Reisen geprägtem Leben wenig Zeit und Raum. An die Stelle der drei großen Z für „Zärtlichkeit, Zuwendung und Zeit“, welche uns schon der berühmte Philosoph Pestalozzi als die drei wichtigsten Garanten des Kinderglücks auf den Lebensweg mitgab, sind käufliche Ersatzbefriedigungen in Form der drei großen L wie „Luxus, Lust und Labels“ gerückt.

Auch für Robert scheinen sie mitten in der Zehn der Zielscheibe seines Lebens gestanden zu haben. Keine Zärtlichkeit, keine Zuwendung, keine Zeit schienen wichtiger als das Abitur als Sprungbrett zum Erfolg und den drei großen L.

Als man ihm dieses Ziel nahm, blieb in Roberts Leben nichts zurück. Nur Angst, Verzweiflung, Panik und die tödliche Sehnsucht, dass dieser Alptraum der unerträglichen Schwäche aufhören müsse. Mit jedem seiner tödlichen Schüssen auf diejenigen, denen er in der Unreife seiner Jugend die Schuld an der Zerstörung seines Lebens gab, hat er auch sich selbst „verschossen“, seine Träume, seine Hoffnung, und am Ende sein Leben.

An uns Erwachsenen, die jetzt fassungslos um ein Verstehen dieser Bluttat und ihrer Ursprünge ringen, ist es, Kindern und Jugendlichen wieder den Platz zu geben, der ihnen gebührt, nämlich die Mitte des Lebens und der Gesellschaft.

An uns als Eltern ist es, unseren Kindern mit der Vermittlung von „Zärtlichkeit, Zuwendung und Zeit“ Wärme und Zuversicht in die eigene Kraft zu geben, so dass sie lernen, sich selbst zu vertrauen und innerlich anzunehmen, in welcher Lebenslage auch immer sie sich befinden. Es reicht nicht, Kindern Markenklamotten zu kaufen, sie alljährlich in die tollsten Urlaubsgebiete mitzunehmen, die Kinderzimmer in Spielzeugläden zu verwandeln und den kindlichen Verstand auf die höchsten Bildungsziele zu trimmen. Und es reicht auch nicht, Kinder mit virtuellen Abenteuern vor dem PC oder dem Fernseh- und Videogerät abzuspeisen.

Wenn wir Erwachsenen endlich begreifen, dass Kinder keine zu kurz geratenen Erwachsenen sind und dies auch nicht werden müssen, weil sie als Kinder das Recht haben, Kind zu sein und folglich anders, aber nicht weniger wert als Erwachsene, dann erst werden junge Menschen wie Robert erkennen, dass sie ihre Stärke nicht an äußeren Merkmalen der Macht wie Waffen, Drogen, Kampftechniken, Geld und Leistungsnachweisen auf Papier fest machen müssen, um in der Erwachsenenwelt etwas wert zu sein. Vielmehr werden sie wissen, dass „Das Wesentliche für die Augen unsichtbar“ ist, dass Leben Chancenvielfalt bedeutet und erst Tod und Gewalt das Ende aller Möglichkeiten zur Veränderung sind.

„Es muss immer erst etwas passieren“, sagt der Volksmund. Jetzt ist es passiert. Wieder einmal. Lernen wir Erwachsenen diesmal endlich daraus, dass die Tatsache, dass „die Amokläufer immer jünger werden“, vor allem mit uns Alten zu tun hat?

Karin Jäckel