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"Nur ein "Amokläufer" ? - Sozialpsychologische Zeitdiagnose
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I.“Wissen Sie, was Amok ist ?” - “Amok ?...eine Art Trunkenheit bei den Malaien..” - “Es ist mehr als Trunkenheit...es ist Tollheit, eine Art menschlicher Hundswut...ein Anfall mörderischer, sinnloser Monomanie [...] Amok, das ist so: Ein Malaie [...] trinkt sein Gebräu in sich hinein...und plötzlich springt er auf, fasst den Dolch und rennt auf die Strasse...rennt gradeaus...ohne zu wissen wohin...Was ihm in den Weg tritt, Mensch oder Tier, das stösst er nieder, und der Blutrausch macht ihn nur noch hitziger...Schaum tritt dem Laufenden vor die Lippen, er heult wie ein Rasender...aber er rennt, rennt, rennt, sieht nicht mehr nach rechts, sieht nicht nach links, rennt nur mit seinem gellen Schrei [...] Die Leute in den Dörfern wissen, dass keine Macht einen Amokläufer aufhalten kann...so brüllen sie warnend voraus, wenn er kommt: “Amok ! Amok !”, und alles flüchtet...er aber rennt, ohne zu hören, rennt, ohne zu sehen, stösst nieder, was ihm begegnet...bis man ihn totschiesst wie einen tollen Hund oder er selbst schäumend zusammenbricht...” “ [1] Literarisch hier von Stefan Zweig verdichtet: Das unerklärliche Element des Blindwütigen beim Amoklauf; der Begriff “Amok” entstammt dem malayischen “meng-amok” und meint, dass ein Mann in rasender Enthemmung, gleichsam in blinder Wut, alle, auf die er zufällig trifft, ohne dass sie sich ihm sichtbar entgegenstellen, wie im Rausch angreift oder/und tötet, solange, bis der Täter selbst aufgibt, zusammenbricht, sich selbst tötet oder von anderen getötet wird. Soweit -weitgehend übereinstimmend- allgemeine Lexika und ethymologische Wörterbücher. Und wie ein aktueller kritischer Kommentar liest sich diese vor etwa drei Jahren veröffentlichte psychologische Zeitdiagnose: “Das Wort “Amok” stammt aus dem Malayischen und bedeutet “blindwütiges Verrichten”: Amokläufer sind in Malaysia und Java ein uraltes kulturelles Phänomen. Bei den Insulanern gilt der Amoklauf als Zeichen dafür, dass die gesellschaftliche Harmonie nicht mehr vorhanden ist. Amokläufer treten dann nicht auf, wenn eine gute Regierung an der Macht ist und im Lande Wohlstand herrscht. [...] Immer häufiger setzen Menschen, darunter viele Kinder und Jugendliche, zu einem Amoklauf an, und es ist damit zu rechnen, dass es mehr werden [...] Amokläufer töten und richten sich nach ihren Taten typischerweise selbst. Von Anfang an begleitet der Suizid ihre Tat. Welche Motivation die Täter antreibt [...] bleibt verborgen. Als ultima ratio [...] wird der Gesetzgeber aufgefordert, Waffengesetze zu verschärfen. Der Ruf nach immer schärferen Gesetzen, nach erhöhten Bussgeldern, nach mehr Richern und Sozialarbeitern, nach verstärkten Polizei- und Soldatenaufgeboten bleibt auf Dauer völlig wirkungslos, weil die sozialen Bedingungen und die gesellschaftliche Ausgeglichenheit unaufhörlich destabilisiert werden.” [2] II.Unabhängig davon, ob es je einen dauerhaften Zustand sozialer Harmonie gegeben hat oder überhaupt geben kann - Nikolaus Wenzels zitiertem Hinweis auf Amoklauf als soziale Institution ist in einer Hinsicht nachzugehen: Gerade bei dem, was hierzulande so umstandslos als Amok oder Amoklauf oder Amokläufer bezeichnet - auch etikettiert - wird, geht es um gesellschaftliche Umstände. Weshalb ihre (nüchterne) Beschreibung als Voraussetzung für (sozialwissenschaftliche) Erklärung/en notwendig und noch lange keine Rechtfertigung etwa des Erfurter Blutbads vom 26.April 2002 ist...jenseits aller bloss moralisierenden Kritik und der sich in ihr ausdrückenden kritisierenden Moral. Insofern geht es auch nicht vordringlich um die Persönlichkeit des 19-jährigen Täters und “Amokläufers” Robert Steinhäuser, der als relegierter Schüler des Erfurter Gutenberg-Gymnasium ebendort maskiert eindrang und mit 71 Schüssen aus seiner Pistole insgesamt 16 Menschen -darunter 13 Lehrer/innen- tötete und sich, nachdem ihn ein Lehrer erkannte, stellte, ansprach, demaskierte und mutig abdrängte, anschliessend selbst erschoss...vielmehr geht es um sich auch in dieser Tat destruktiv ausdrückende Wirksamkeiten bekannter gesellschaftlicher Prozesse von Enttraditionalisierung, Bindungslosigkeit und Sinnverlust im Prozess beschleunigter Modernisierung. Diese gesellschaftlichen Vorgänge wurden schon Ende der achtziger Jahre als bedeutsame Umbruchsprozesse mit den Stichworten: Differenzierung - Pluralisierung - Individualisierung beschrieben [3]. Sie lassen sich als “Zustände mangelnder sozialer Regelungen” -von Sozialwissenschaftlern seit Emile Durkheims Suicide-Studie (1897) im Fachjargon als Anomie bezeichnet - auffassen, genauer: “Mit Norm- und Werteverlust einhergehende Bindungslosigkeit vieler einzelner ist auch Ausdruck zeittypischher Individualisierung, Differenzierung und Pluralisierung und damit als Hintergrund in die moderne Sozialwelt strukturell eingelagert: Als ´jeder für sich´ (“Individualisierung”), als so undurchschaubar wie unveränderbar erscheinendes Sozialgefüge (“Differenzierung”) und als Iss-eh-egal-Gefühl der neuen Wurschtigkeit im alltagsweltlichen Relativismus (“Pluralismus”).” [4] |
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