Amoklauf in Erfurt
Freitag 26.April 2002
Antwort von Karin Jäckel an Rocco

Hallo, Rocco,

das genau ist es: die das Volk entrechtende Willkür der "Obrigkeit", die bei Platon als Ergebnis einer Überdemokratie beschrieben wird.

Wie in Zeiten des Feudalismus' erleben wir Bürger*innen heute ganz massiv die eigene Ohnmacht gegenüber dieser sich allmächtig gebärdenden, Gesetze neu interpretierenden oder erlassenden Staats-Beamten-Elite des Regierungsapparates und seiner Helferorganisationen.

Sträuben sich nicht die Nackenhaare, wenn sich in dieser Elite einer präsentiert, der Widerstand öffentlich mit "Basta" abbügelt, geäußerte Zweifel an der Echtheit seiner Haarfarbe als Autoritätsbeleidigung juristisch abstraft, Firmenpleiten in einem einsamen Spontan-Gnadenakt beeinflusst, politische Entscheidungen durch kommunale Geschenke in die gewünschte Richtung steuern lässt, Gesetze mit Versprechen wie "Ich werde ein neues Waffengesetz erlassen" im Blitzverfahren einführt und im übrigen medienwirksam die Abkehr von der traditionellen Parteienwahl verkündet, indem er zur Entscheidung aufruft, "ob ihr mich als Kanzler wollt oder den Anderen." ?

Grauenhafte Auswüchse der Verzweiflung wie die des Jungen in Erfurt sind das Ergebnis des Machtmissbrauchs irgendeiner Obrigkeit und der daraus resultierenden hochgradigen Verzweiflung des Ohnmächtigen.

Bei Tieren führt ein solches In-die-Ecke-Treiben zur instinktiven Hochleistung des Selbsterhaltungstriebes, was sich in Angriff und Angstbissen entlädt. Und trotz aller angeblichen Kultiviertheit des Menschen, ist auch bei uns der Selbsterhaltungstrieb, der eng mit dem Verständnis der eigenen Würde verknüpft ist, der stärkste Trieb.

Bei ausgegrenzten oder verlassenen Vätern führt dies immer öfter zu "erweiterten Selbstmorden", indem sie ihre Kinder und sich selbst, oft auch die zugehörigen Mütter töten. In noch viel mehr Fällen führt es zur Ablösung vom angestrebten Lebensplan, indem Arbeitsplatz, Besitz und sozialer Stand verloren gehen und ein Dasein jenseits all dessen, was man sich erträumte, hingenommen werden muss.

Wie oft folgt diesem als Verlust der Würde empfundenen Abstieg ein geistiger Selbstmord durch das Absinken in Drogen und/oder die Obdachlosigkeit? Wie oft folgt der ohnmächtig erduldeten Aggression von außen die Gegenaggression in Form der gegen sich selbst gerichteten inneren Aggression eines Selbstmords? Studien zur Frage, ob kleine Mädchen in andere Richtungen urinieren als kleine Jungen, scheinen wichtiger...

Letztlich war die Reaktion des Erfurter Jungen kaum anders. Wenn du, Rocco, schreibst, er sei Opfer gewesen, so teile ich diese Meinung. Meines Erachtens wurde er zum Opfer gemacht und weil er das nicht ertrug, wurde er zum Täter, der 16 Menschen mit sich in den Tod riss. Die berühmte Spirale der Gewalt: "Schlägst du mich, schlage ich dich doppelt."

Und was wird dagegen gesetzt?

Nur ja kein Eingeständnis, dass die Politik und Justiz der 68er Familienfeinde eine international kaum zu überbietende Kinderfeindlichkeit erzeugt hat! Dass alles, was Kinder betrifft, immer wieder mit dem Sparmaßnahmen-Rotstift gestrichen wurde. Ob für die Erforschung von kindgerechten Medikamenten der Geldhahn zugedreht wird, ob es um Kinderbetreuung oder Erziehungsgeld geht, oder ob man an die Schulen denkt, die bundesweit in desolatem Zustand sind, oftmals nicht einmal mehr Putzfrauen bezahlt werden können, überall Lehrermangel herrscht und das Durchschnittsalter der aktiven Lehrkräfte nahe dem Großelternbereich liegt, - Kinder haben die schlechteste Lobby.

Wie viel einfacher als das Bekenntnis falscher Familien-, Kinder- und Bildungspolitik ist es doch, den Eltern, den Schützenvereinen, der "Wirtschaft" und "den Medien" den Schwarzen Peter zuzuschieben und nebenbei einmal mehr die Frauen aus der Verantwortung zu nehmen, da ja der Mann als Träger des Gewalt-Gens bereits erkannt und politisch gebrandmarkt wurde.

Die Folge sind hitzige Debatten über eine weitere Verschärfung der Gesetze zur Reglementierung speziell junger Heranwachsender, vor denen sich immer mehr Erwachsene fürchten, weil sie jede innere Beziehung zu Kindern längst verloren haben und intuitiv fürchten, was ihnen fremd ist.

Letztlich werden Kinder und Jugendliche noch mehr ins ihnen viel zu enge Gewand der Erwachsenen gepresst werden, damit sie in dieser Zwangsjacke endlich ähnlich funktionieren wie Erwachsene und in unserer kinderfeindlichen Gesellschaft "weniger störend im Ablauf" sind.

Helfen wird das nichts. Im Gegenteil, es wird die bereits aktive Spirale der Gewalt immer enger schrauben, noch mehr Opfer und noch mehr "Angstbisse" der Verzweiflung erzeugen.

Schon lange stürzen sich immer mehr Kinder und Jugendliche von Brücken und steilen Abhängen in den Tod, vor den fahrenden Zug, aus dem Fenster, hängen sich auf oder mixen sich den letzten Cocktail aus dem häuslichen Medizinschrank zusammen. "Warum nicht?", sagen mir viele, die's überlebt haben. "Uns brauchte doch keiner. Ich wollte, dass meine Eltern an meinem Grab stehen und wenigstens einmal um mich weinen müssen, damit sie wissen, was sie davon haben, dass sie mich nicht geliebt haben."

Immer mehr zu Tode verzweifelte, inmitten des Wohlstands allein gelassene junge Menschen eignen sich Satan zu, weil sie an Gott nicht mehr glauben können, nachdem wir als Erwachsene ihnen die Gottlosigkeit vorgelebt haben. Auch das ist ein schleichender Selbstmordversuch, der, wie wir jüngst aus der Presse erfuhren, in brutalste Morde münden kann.

Immer mehr Kinder und Jugendliche werden skrupellos kriminell, weil ihnen niemand beigebracht hat, in einer Erwachsenenwelt, in der es scheinbar nur "mein gutes Recht" und keine andere Autorität als den eigenen Willen gibt, ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle haben zu müssen.

Die große Kindersehnsucht nach der eigenen heilen Familie aus Mutter-Vater-Kind/ern scheitert viel zu oft an der Realität, die das Scheitern oder nie Zustandekommen einer solchen Familie als Alltag präsentiert.

Für immer mehr Kinder und Jugendliche wird deshalb der Freundeskreis, die Clique, zum Familienersatz. Statt bei den Eltern, die mit sich selbst beschäftigt sind und keine Antennen für ihre Kinder (mehr) haben, Geborgenheit, Aufmerksamkeit und menschliche Wärme zu finden, müssen diese besonders für Heranwachsende unverzichtbaren "drei großen Z der Zärtlichkeit, Zuwendung und Zeit" bei Ersatz-Bezugs-Personen gesucht und gefunden werden. Deren Werte und Maßstäbe sind es dann, die Gegenwart und Zukunft prägen.

Anders ausgedrückt: es erziehen immer mehr unreif gebliebene Eltern unreife Kinder, die sich in Ermangelung reifer Eltern an andere unreife Kinder anschließen und sich in diesen Kindergruppen stark fühlen, sich aber letzlich nur in gegenseitiger Unreife erziehen.

Immer mehr jungen Menschen knallen sich den Kopf mit Drogen zu, weil die Tatsache, dass es ihnen niemand wirklich verbieten kann, ein anderweitig nie erlebtes Siegergefühl auslöst.

Immer mehr tauchen suchtartig in virtuelle Computer-Welten ab, weil sie dort im Gegensatz zum realen Leben endlich auch mal die Gewinner sind.

"Die Amokläufer, die Täter werden immer jünger" - richtig.

Immer öfter rasten viel zu früh allein Gelassene völlig aus und geraten nach der vergeblicher Flucht in Ersatzbeziehungen, Ersatzbefriedigungen und Ersatzwelten in immer unerträglichere Lebensängste. Zuletzt, wenn keines ihrer körpersprachlichen Hilfe-Schrei-Symbole verstanden wurde, wenden sie in ihrer Todesangst vor dem Verlust der Chance auf ein "Super-Leben" die einzigen Mittel an, die sie in ihrer jugendlichen Unreife als Gewinner-Mittel kennengelernt haben, nämlich Waffen.

Und vielleicht glauben sie sogar, dass die Toten anschließend wieder aufstehen und das Spiel für alle Beteiligten endlich wieder neu beginnt. Denn die Wenigsten unter ihnen wollen wirklich sterben. Sie wollen, das das unerträgliche Leben aufhört und etwas Neues beginnt. Und sie führen diese verzweifelt ersehnte Wende selbst und radikal herbei, weil es keiner für sie getan hat und es das Einzige und Letzte ist, was sie tun zu können glauben.

Ich habe mich in meinem Buch "Furcht vor dem Leben" mit Kindern und Jugendlichen beschäftigt, die sich das Leben nehmen wollten. Sie alle fühlten sich im Stich gelassen und wollten mit ihrem Akt der Gewalt weiter nichts erreichen, als dass sie endlich wahrgenommen werden. Dieser Satz des Jungen aus Erfurt "Einmal sollen mich alle kennen" ist für mich wie ein Schlüssel zur seiner Seele. Und ich frage mich, wie die damit weiter leben, die dafür verantwortlich sind, dass die Tür für immer zugefallen ist.
Vermutlich ganz gut. Das Wasser des Pilatus fließt ja überall.

Karin