"Nur ein "Amokläufer" ? - Sozialpsychologische Zeitdiagnose
"nach Erfurt"
von Richard Albrecht (Bonn)
dr@richard-albrecht.de

Kapitel III und IV

III.

Sicherlich hatte der Kolummnist Robert Leicht in einer entscheidenden Hinsicht Recht, wenn er in einem ZEIT-Satz betonte: “Eines gab es in Erfurt nicht: einen Amoklauf” [5] - jedenfalls nicht im hier eingangs skizzierten Sinn. Denn auch wenn die Chiffren Amok - Amoklauf - Amokläufer nicht zuletzt deshalb so eingängig und suggestiv wirken, weil immer ein archaischer Rest an Unerklärbarkeit, Geheimnivollem und Rätselhaften aufscheint und das Signalwort: Amok vermutlich aus diesen Gründen immer wieder verwandt werden mag - es fehlten zumindestens zwei entscheinde und konstitutive Momente von Amoktätern: Einmal das ungeplant-rauschafte Element der Tat selbst und zum anderen die überwiegende Zufälligkeit der Opfer. Und wenn wir auch nicht alles wissen (können) über den 19jährigen Erfurter und das, was ihn zu seiner Tat am 26.April 2002 antrieb (und vermutlich auch im kriminologischen Sinn weder das Tatgeschehen selbst noch die Beweggründe des Täters jemals vollständig rational werden aufklären können): Ein A m o k l a u f war´s sicherlich nicht.

Das trifft ebenso zu auf eine weitere Chiffre, die immer öfter zur Kennzeichnung dieses und vergleichbarer Ereignisse/s benutzt wird: M a s s a k e r. Dieses Konzept ist aus politisch-militärischen Handlungsfeldern vor allem der letztbeiden Jahrhunderte entlehnt und meint meist ideologisch -typischerweise rassisch-ethnisch oder biopolitisch- begründete, politisch begünstigte und militärisch durchgeführte Massentötungen an vorher eindeutig definierten Opfern bzw. Opfergruppen. Deshalb können “kleine” Massaker von Historikern auch als Vorformen späterer “grosser” Völkermorde angesehen werden [6].

Demgegenüber bietet sich zur angemessenen Kennzeichnung auch des Erfurter Ereignisses vom 26.April 2002 die Verbindung zweier weiterer und durchaus geschichtlich neuer Formen individuellen Vernichtungshandelns einzelner Täter, die zunehmend planvoll ihre Opfer wählen und gezielt töten, an: Einmal der unvorhergesehe - vielleicht sogar unvorhersehbare- plötzliche Mord an zahlreichen Opfern -insofern: “plötzlicher Massenmord”. Und zum anderen die zunehmende jugendliche und Schülergewalt im und um den Handlungsort Schule -insofern: “Schulmord”.

Wobei es (wie gleich an wenigen Beispielen zu veranschaulichen sein wird) nicht um inzwischen zunehmende schul- bzw. schüleralltägliche Gewaltphantasien und latente Drohungen -auch und insbesondere gegen Lehrer/innen-, die meist durch körperliche Gesten und verbalen Schmäh ausgedrückt werden, geht. Vielmehr geht es um sich gleichfalls häufende wirkliche Zerstörungs- und Vernichtungshandlungen. Dies waren nach einer (vermutlich nicht alle Fälle erfassenden, also unvollständigen) Zusammenstellung des “Kölner Stadt-Anzeiger” im Zweijahreszeitraum von Ende April 2000 bis Ende April 2002 in Köln fünf Fälle exzessiver Gewaltanwendung von Schülern mit Waffeneinsatz - geplante, jedoch vor Tatausführung entdeckte, “Schulmorde” eingeschlossen.

Zum Zusammenhang des “plötzlichen Massenmords” hat der Saarbrücker Kriminalpsychologe Christoph Paulus [7] 1997/78 ausgeführt, dass diese “privaten” Massenmorde an zumeist Unbeteiligten sinnnvoll zu unterscheiden sind von “Amoklauf” und Serienmorden. Paulus führt als ersten Tatfall die Bluttat eines Ex-Marinesoldaten und Studenten in Austin (Texas) an. Dieser ermordete am 31.7.1966 zunächst seine Mutter und seine Frau und setzte dann zu einem Sturmlauf mit Waffe auf dem Campus an, bei dem sechzehn Personen getötet und dreissig weitere, teilweise schwer, verletzt wurden.

Das erste -vom Autor als “Schulmassaker” bezeichnete- Vernichtungsereignis der hier letztinteressierenden Ereignisgruppe berichtet Rudolf H. Weiß [8] aus Levistown (Montana) 1986. Hier war der Mörder 16 Jahre alt. Als der bis um 26.April 2002 in Erfurt opferreichste “Schulmord” gilt die Tat in Littleton (Denver) aus dem Frühjahr 1999 mit fünfzehn Toten. Und als das grauenhafteste Schulereignis in Deutschland wird die Ermordung von acht Schulkindern und zwei Lehrerinnen -darüber hinaus wurden weitere zwanzig Schüler/innen teilweise schwer verletzt- in Volkhoven (Rheinland) angesehen: Ein 42jähriger Frührentner drang am 11.Juni 1964 in eine Hauptschule ein und mordete mit seinem selbst zusammengebauten Flammenwerfer zuerst die Kinder und dann die beiden Lehrerinnen (mit einer Lanze), bevor er sich durch Pflanzengift selbst richtete.

Im übrigen gilt bei diesen unfassbar erscheinenden Taten wie bei allen Verbrechen: Ist die Tat erst einmal begangen, wird sie damit unwiderrufbar und irreversibel. Und ihr erneutes Vorkommen wird künftig wahrscheinlicher als die Eintrittswahrscheinlichkeit der ersten Tat je war. Nicht zuletzt deshalb müssen “nach Erfurt” gesellschaftliche Bedingungen und soziale Ursachen mehr als bisher interessieren, wenn und weil es darum gehen soll, diese Taten angemessen zu beschreiben, rational zu erklären und wo und wie immer möglich zu verhindern. Es ist dies ein konkreter Versuch, sowohl Unsichtbares sichtbar zu machen als auch Undenkbares zu denken und, mehr noch: typischerweise Unaussprechbares auszusprechen [9].

IV.

Zunächst aber kommen sie alle, die Hinweise, besonders derer, die seis die Antworten kennen bevor die Fragen überhaupt gestellt sind, sei´s immer schon alles gewusst haben wollen oder sei´s auch schon immer die ganz einfachen Antworten auf schwierige Fragen kannten. Und wie die hochentwickelte Medienmaschinerie, gleichsam wie geölt, “nach Erfurt” anlief so kursierten denn flugs jene “monokausalen” Deutungen aller “terribles simplificateurs”: Etwa in der Hauptrichtung, dass nicht nur ´die Medien´ Schuld seien an der allgemeinen Vorrohung ´unserer Jugend´ - sondern dass im besonderen jene modernen computerisierten Spiele mit ihrem Suchtcharakter, etwa das fiktiv-tödliche “counterstrike-game”, entscheidend zur Erfurter Bluttat beitrugen...eingängig bestätigt vom Vater des Erfurter Lehrermörders, der zugestand: “Es ging [Robert] immer ums Schiessen, es ging ihm immer um Gewalt.” Insofern nicht verwunderlich, dass der amtierende bayrische Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber als ´Kanzlerkandidat´, vermutlich wider besseres Wissen, öffentlichkeitswirksam in diese populistische Kerbe haute und ein konsequentes Ausleihverbot gewaltbezogener Videos und Computerspiele forderte; wobei sicherlich auch alle verantwortlichen Mitarbeiter/innen der bayrischen Staatskanzlei und des CSU-Medienreferats wissen: Wenn und insofern (welche) Medien (auch immer), die neuen im “world wide web” des Internet eingeschlossen, überhaupt wirken können, dann nur, wenn bei den Menschen, die sie nutzen, auch den jungen, wenigstens gewisse Grundvoraussetzungen dafür als ähnlich gerichtete (also z.B. rachebezogen-gewaltbereite) Voreinstellungen oder “Dispositionen” schon vorhanden sind. Insofern können Medien einstellungsverstärkend wirken. Aber nie selbst neue Einstellungen schaffen. Das gilt auch und insbesondere etwa für “killing games”, nach deren Regeln im Computer bei Verfolgungsjagden vorher bestimmte Opfer zu ermorden sind.

Sowenig das Schüren neuerlicher “German Angst” (Friedrich Ani) angebracht ist - so sehr verwirrt auch die andere Seite derselben Medaille: Vor allem die gutmenschig-sozialpädagogische Verkoppelung der Stichworte “Pisa” und “Erfurt” führt in eine weitere Sackgasse. Denn sicherlich geht es auch im deutschen Schulsystem um ausweisbare Leistungen und um (spätere) Lebenschancenzuweisungen über Auswahlprozesse im (Aus-) Bildungsbereich. Nun soll nachdem der “Pisa”-Schock (zu) rasch abklang “Erfurt” als Anschub zur -sicherlich erforderlichen- bildungspolitischen Diskussion herhalten. Dies jedoch meint sowohl die instrumentelle Vernutzung des Schullehrermassenmord vom 26.April 2002 als auch seine thematische Überfrachtung. Insofern verhält sich dieser “aufgeklärte” öffentliche Diskussionsstrang antipodisch zum “traditionellen” law & order-Populismus: Beide ziehen als politische Positionen, wenn auch in je anderer Weise, von den gesellschaftlichen Ursachen der bedrückenden Vernichtungshandlungen durch jugendliche Täter ab; wobei mir dreierlei unbestreitbar erscheint: Erstens die Bedeutung theoretisch leicht eingeforderter und paktisch schwer verwirklichbarer nachhaltiger “Kultur des Hinschauens” (Dieter Lenzen). Zweitens, dass, wie die unmittelbare schulkarrierische Vorgeschichte der Erfurter Morde zeigt, perspektivloses Aussortieren (des späteren Täters durch Schulverweis im Herbst 2001) das Gegenteil aller Zuwendung/en ist. Und drittens, dass jede Schuldzuweisung an einzelne Handlungszusammenhänge, Institutionen, Rollenakteure im Insgesamt des Bildungs-, Sozialisations- und Erziehungsprozesses -typischerweise und wechselseitig von/an Lehrer(schaft) oder Eltern(schaft) als hauptsächliche “Sozialisisationsagenten”- angesichts der Dringlichkeit der nur consensual lösbaren schweren Aufgabe, nämlich Verhinderung dieser und ähnlicher Taten, so grundfalsch wie konterproduktiv wirken kann.

 

Dank für das Essay
Kapitel I und II
Kapitel III und IV
Kapitel V und VI
Kapitel VII und VIII
Anhang