copyright by http://www.karin-jaeckel-autorin.de |
"Nur ein "Amokläufer" ? - Sozialpsychologische Zeitdiagnose
|
V.Wenn auch auf anderer Ebene, der wissenschaftlichen, angesiedelt, so wirkt der Deutungsansatz des bekannten Göttinger Soziologen und Gewaltforschers Wolfgang Sofsky ähnlich verwirrend. Hatte Sofsky bereits 1996 in seinem Essay “Traktat über die Gewalt” [10] diese als auch die Moderne bestimmtendes, gleichsam unentrinnbar-endloses soziales Schicksal der Menschheit ausgemacht -so hält der Autor jetzt die Erfurter Bluttat tatsächlich für einen prototypischen “Amoklauf” und damit für weder vorherseh- noch für verhinderbar [11]. Und auch wenn der Soziologe Sofsky einen psychologisch wichtigen Hinweis aus der Welt des Täters gibt, nämlich auf die “Maskierung des Täters” als “Schlüsselelement” der Tat, so verkennt er doch den Charakter der Erfurter Mordtat grundlegend. Denn es handelte sich nicht um einen “Amoklauf”. Sondern um einen strategisch g e p l a n t e n, also nicht spontanen, Schullehrer(innen)massenmord, bei dem die Maskierung für den Täter insofern nötig war, um sich über die auch bei ihm vorhandene Hemmschwelle der Tötung anderer Menschen hinwegsetzen zu können, um folgend so strategisch wie fachkundig mit Waffengewalt Macht, hier gegen die verhasste Lehrergruppe als Aggressionsobjekte, ausüben und sich für dieser zugeschriebene Ohnmachtserfahrungen rächen zu können: Unter den Ninjamaske wurde das real vollzogen, was vermutlich in der Täterphantasie schon monatelang und immer wieder durchgespielt worden war: die Ermordung der als übermächtig wahrgenommenen vermeintlichen Todfeinde am Ort der Demütigungen und Kränkungen. Dort werden die Lehrer/innen im Angesicht ihres Todes einen Moment lang so ohnmächtig wie es der Täter jahrelang war. (Das Maskentragen ist im übrigen dem “blinden” Amokläufer fremd und verweist im hier von Sofsky angesprochenen Zusammenhang auf etwas ganz Anderes: Nämlich die relative Wirkungslosigkeit sowohl medialer Gewaltspiele als auch praktischer Schiessübungen. Wäre es nicht so, hätte sich der Täter mittels Maske nicht verwandeln müssen, um sich selbst in Tötungsbereitschaft zu versetzen).- Ist die entscheidende (Hemm-) Schwelle, die Bereitschaft zur Tat -nämlich innerhalb der menschlichen Gattung die eigenen “Artgenossen” planvoll zu töten- erst einmal mit welchem (Masken-) Vehikel auch immer überschritten, wird´s bodenlos bis zum Blutbad ohne Ende... Wenn auch keineswegs so verwirrend, aber doch vereinseitigt, hat der noch bekanntere Hannoveraner Kriminologe und derzeitige Landesjustizminister Christian Pfeiffer unter der eingängigen Überschrift “warum männer amok laufen” [12] seine Deutung der Erfurter Mordtat vorgestellt. Hatte Pfeiffer schon früher betont, dass “der seit Mitte der achtziger Jahre zu beobachtende Anstieg der Gewaltkriminalität sowohl in Deutschland als auch in den anderen europäischen Ländern zu 80 bis 90 Prozent den Männern” zuzurechnen ist [13] und dies als machokulturelle “männliche Dominanz” gekennzeichnet, die auch unter kriminalpräventiven Aspekten dringlich aufzuheben ist, so überakzentuiert er in seinem aktuellen Deutungsversuch zum Erfurter 26.April 2002 diese Einzelheit, indem er sich auf die Risikotätergruppe der “jungen Männer” und deren biographische Zusammenhänge konzentriert. Und so wohlmeinend sich Pfeiffers auf langfristige Prävention angelegten Hinweise von der Wurschtigkeit eines Sofsky, der meint, diese Massenmorde liessen sich generell eh nicht verhindern, abgrenzen - so wenig lassen sich seine Forschungsergebnisse in möglichst wirksame Präventionsmassnahmen übertragen.-. Im übrigen würde der Kriminologe dann wissenschaftlich falsifiziert und öffentlich blamiert werden, sobald in e i n e r der von ihm untersuchten europäischen Gesellschaften auch nur e i n e Jugendliche oder e i n e junge Frau eine “Erfurt” vergleichbare Tat seis planen (und wie ich hoffe: rechtzeitig an der Ausführung gehindert) seis ausführen würde. Das für mich Bedenkliche an diesen beiden zitierten aktuellen soziologisch-kriminologischen Deutungsversuchen von Sofsky und Pfeiffer zum “Amoklauf” von Erfurt ist, dass beide letztlich ideologisch argumentieren und das Vernichtungsereignis lediglich als Illustrationsmaterial eigener schon jahrelang publizierter wissenschaftlicher bzw. politischer Positionen benutzen. Insofern sind beide im Wortsinn: voreingenommen und stellen sich letztlich nur erneut entsprechend ihrer Positionierungen in einer so funktionierenden Medienmaschinerie öffentlich selbst dar. VI.Schaut man sich um im bunten Reigen von Erklärungsansätzen, die weitgehender als beide vorgenannten “Erfurt” sozial- und handlungswissenschaftlich erklären wollen und auf “Gesellschaft” als System ausgerichtet sind, dann sind sicherlich zwei bemerkenswert: Einmal der “konservativ”-erziehungswissenschaftliche des Münsteraner Pädagogen Johannes Schwarte und zum anderen der “progressiv”-psychologische von Götz Eisenberg. Schwartes Grundthese zum gegenwärtigen gesellschaftlichen Milieu und sozialen Klima, in denen sich alle speziellen Erziehungs- und allgemeinen Sozialisationsprozesse bewegen (müssen), lautet [14]: Seit etwa zweiundhalb Jahrzehnten gibt es in Deutschland (hier vor allem gemeint der ehemaligen Bundesrepublik) eine so durchgreifende “gesellschaftliche Erziehungsvergessenheit”, dass Kinder sich selbst überlassen sind, durch Erziehung namentlich in Familien [15] und durch Eltern [16] und Sozialisation namentlich durch Lehrer/innen und (Massen-) Medien kaum noch Grenzen erfahren, so dass Entzivilisierung und Rebarbarisierung von Jugendlichen, Heranwachsenden und jungen Erwachsenen mit geringen Scham- und Hemmschwellen bzw. weitgehend ohne diese eine einsichtige Folge gesellschaftlich-allgemeiner Sozialisationsdefizite sind [17]. So versucht dieser Autor auch den empirisch zunehmend auftretenen neuen Tätertyp bei den uns “Nachgeborenen” zu deuten und durch gleichsam eruptiv auftretende Gewalt bis hin zum plötzlich ausrastenden Mord “ohne Motiv und Gewissen” zu kennzeichnen.- So bedenkenswert wie empirisch zutreffend Johannes Schwartes Hinweise auch sein mögen: Aus allen Tendenzen zur sei´s Individualisierung von Kindheit, seis familiärer (“familialer”) Verinselung, seis kindlicher Vereinsamung im Zusammenhang mit Individualisierung von “Nachgeborenen”aufzucht in Deutschland seit Mitte der siebziger Jahre folgt “ableitungspädagogisch” nicht, dass Rebarbarisierung und Enzivilisierung der folgenden Generationen notwendige Folge dieser Mängellagen sein müssen. Ähnlich wie Johannes Schwarte schliesst der Butzbacher Gefängnispsychologe Götz Eisenberg zunächst sowohl an Kulturtheorie und Sublimierungsthese Sigmund Freuds [18] als auch an Hinweise Alexander Mitscherlichs zur “vaterlosen Gesellschaft” (1963) und zur “Momentpersönlichkeit” (1966) im allgemeinen an, versucht jedoch in den letzten Jahren zunehmend, diese zu einer umfassenden politisch-psychologischen “Diagnose unserer Zeit” auch mithilfe seiner Schlüsselmetapher “Kälte”, welche juventile Gewalt hervorbringt, weiterzuführen [19]. Wie alle Globalisierungskritiker geht Eisenberg davon aus, dass wirtschaftliche Globalisierung und soziale Modernisierung auch in Deutschland in den letztbeiden Jahrzehnten solche Umbrüche schuf und auch die psychische Ausstattung der jungen Generation so nachhaltig veränderte, dass immer weniger Kinder, Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsene mit ihren Lebenserfordernissen fertig werden, also auch ihr je eignes Leben persönlich-praktisch nicht bewältigen können. Dabei gilt dem Psychologen Eisenberg e i n bestimmtes Merkmal auffälliger Persönlichkeiten (das sog. “Borderline-Syndrom”) als “sozialpsychologische Signatur” unseres Zeitalters und jeder “Amoklauf” als nach aussen gebrachter Ausdruck ungebändigter Wut und Hassausbrüche männlicher Jugendlicher/junger Männer (nach innen gewendete Selbstzerstörungen -etwa als sog. “Magersucht”- wertet er idealtypisch als entsprechende Destruktionshandlungen junger Mädchen/Frauen). Bevor sich dieser Autor speziell mit dem von ihm als “Amoklauf” gewertenen Schullehrer-Massenmord des 26.April 2002 auseinandersetzt, hat er seine Thesen zu den ihn interessierenden besonderen Formen “extremer Emotionen” (Klaus Wahl) knapp und prägnant zusammengefasst: Dabei deutet Eisenberg den in den letzten Jahren herausgebildeten Gewalttyp und seine vor allem in Deutschlands westlichen Bundesländern zunehmenden “amokartigen Formen” psychologisch als vagabundierenden “Hass des nazistisch gestörten oder des Menschen mit einer Borderline-Störung”, der “neuartige Formen von weitgehend objektloser Erziehungsverwahrlosung” ausdrückt und “auch in seiner Entladung anonym, individualisiert und objektlos ist”: Psychologisch gesehen ein “Ich-Erhaltungsmechanismus” und Selbstschutz “gegen eine ständig drohende psychische Fragmentierung, die wie ein seelischer Tod erlebt wird”; genauer: “Eine archaische Wut hält sich dicht unter der Oberfläche auf und bricht bei der kleinsten Zurückweisung und Kränkung durch. Die Deregulierung von Wirtschaft und Gesellschaft geht mit einer psychischen Deregulierung einher, die inhaltslose Flexibilität und Ich-Schwäche zur kollektiven Tugend erhebt und Kollateralschäden in Gestalt von rapsusartigen Gewaltdurchbrüchen nach sich zieht. Wer psychische Strukturen und charakterliche Prägungen verflüssigt, um die Menschen für die gewandelten Funktionsimperative des flexiblen Kapitalismus herzurichten, zerstört jene inneren Zwangsapparaturen gleich mit, die bislang dafür sorgten, dass Aggressionen sich in gesellschaftlich lizensierten Formen entäusserten [...] Unter den Realitätseinbrüchen der Gegenwart ist der familiäre Binnenraum zusammengebrochen, die Eltern verblassen zu Statisten. Was wir gegenwärtig gehäuft antreffen, sind psychisch vermittelte soziogene Erkankungen, die unmittelbar die Pathologie des gesellschaftlichen Ganzen widerspiegeln und weniger Ausdruck einer familiär vermittelten Störung der Kindheitsentwicklung sind.” [20] Und speziell zum “Amoklauf” betont Götz Eisenberg nach dem 26.April 2002 in einem online-Interview mit ZEIT-wissen anschaulich die destruktive Seite dessen, was schon ein Jahrzehnt vorher als “defizitäre Vergemeinschaftung” und “verstörte Vergesellschaftung” [21] im allgemeinen erkannt wurde: “Dem Amoklauf scheint der soziale Tod vorauszugehen. Ein Mensch fällt aus seiner Ordnung der Dinge und brütet im Privaten und im Innern über seinen Unglücksvorräten. Die Erfahrung von Unglück, Demütigung, Kränkung sind dann am explosivsten, wenn sie nur noch in sich kreisen. Gesellschaftliche Konflikte stauen sich in einem seelischen Innenraum, der zu eng ist - bis sich die im Innern tobende Schlacht nach aussen verlagert. Die Vorstellung, andere Menschen in Furcht und Schrecken versetzen zu können, wird zu einer Quelle von Macht und Überlegenheitsgefühlen. Um dem unerträglichen Gefühl von Angst und Ohnmacht zu entgehen, wird das Innere selbstmörderisch und mörderisch aussen in Szene gesetzt [...] In einem von Verwöhnung bestimmten Klima kann die Versagung eines vergleichsweise läppischen Wunsches dazu führen, dass ein archaischer Racheimpuls ausgelöst wird.” [22] |
|
|