"Nur ein "Amokläufer" ? - Sozialpsychologische Zeitdiagnose
"nach Erfurt"
von Richard Albrecht (Bonn)
dr@richard-albrecht.de

Kapitel VII und VIII

VII.

Götz Eisenberg hat in weiteren Annäherungsversuchen an “Erfurt” und die Hintergründe versucht, sowohl die Psychodynamik des Schullerermassenmords als “erweiterten” Suicide einerseits als auch die zeitgeschichtlichen Rahmenbedingungen für dieses neuste deutsche “Selbstmordattentat” [23] andererseits zu beschreiben und zu deuten [24]. Dabei geht es zu Recht um indirekte Folgen und vermittelte Wirkungen des bisher, von der Opferzahl her, zahlenmässig grössten und aktionistisch spektakulärsten “Amoklaufs” vom 11.September 2001 in New York (World Trade Center) und Washington/D.C. (Pentagon) mit seiner realen und symbolischen Bedeutsamkeit. Denk- und sprachanalog zum gegenwärtigen sicherheitspolizeilichen Ansatz betont Eisenberg, dass es auch innerhalb der deutschen Gesellschaft, gleichsam in ihrer Mitte und bisher unauffällig, “Amok-Schläfer” gibt: Äusserlich kaum auffällige menschliche Bomben voller “reinem Hass”, die bei geringstem Anlass explodieren können. Und auch Eisenbergs Hinweis auf die Rolle von Massenmedien trifft zu: Dass nämlich allein durch umfassende Medienverwertung des Ereignisses selbst dieses lange vorherrschendes Medienthema war und insofern zugleich bei “anomisch” Ausgegrenzten mit ihrem tödlich aufgestauten Hass als “Modell des Fehlverhaltens” gelernt wurde. Insofern war und ist “Erfurt” weder Beginn und Ende, sondern könnte selbst wiederum bisher zögerliche Imitationstäter und deren Grandiositätsphantasien anregen und auf ihrem praktischen Vernichtungsweg befördern (wie etwa auch “Nanterre” vier Wochen vorher den Erfurter Täter beeinflusst haben könnte: Dort erschoss am 27.3.2002 ein 33jähriger Mann im Rathaus acht Kommunalpolitiker und verletzte darüber hinaus neunzehn Menschen).

Bei allen psychologisch sensitiven Hinweisen zu Tatablauf, Täterpersönlichkeit und familiärem “Normalmilieu” von/um “Erfurt” verdeutlicht der Autor, dass die “traditionellen Formen sozialer Integration” auch hier nicht wirksam werden konnten, weil alle “Verletzungen im Lebenslauf” des Täters schon zu schwerwiegend waren und seine Entgemeinschaftlichung bereits zu weit fortgeschritten war. Zutreffend akzentuiert Eisenberg die (objektive) “anomische” Lage und den (subjektiven) “Sinnentzug” (Alexander Kluge) des Täters. Zugleich verallgemeinert er ein K e r n problem des gegenwärtigen Modernisierungsprozesses:

“Lebensprogramme und Orientierungen von Menschen zerfallen schneller als sie neue hervorbringen können.”

Und doch bleibt der Analytiker Götz Eisenberg vage und abstrakt, wenn er im Sinne einer schlechten Unmittelbarkeit aus ökonomischer Weltmarktbezogenheit, Globalisierung und Flexibilisierung seinen neuen allgemein-soziopathischen (“fragmentierten”) Identitätstyp als jüngeren -sozial “normalen”- Zeitgenossen herleitet - ohne zu bedenken, dass hier einige weitere Faktoren gerade auf der angesprochenen Ebene dichter Beschreibung und verstehender Deutung wesentlich sind: Etwa und als erstes Beispiel das Moment “plötzlicher Entwertung der Person” wie von Elias Canetti für die Inflation in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg betont [25] - was auch die reziproke zunehmende Opferzahl, die für Täter “zählt”, verdeutlichen kann. Oder als zweites Beispiel das Moment fehlender sozialer Handlungsfelder und institutioneller Kanalisierungen in einer Gegenwartsgesellschaft wie der deutschen ohne reale soziale Bewegungen für Gerechtigkeit zum Auffangen revoltischer Stimmungen gegen subjektive Ohmachtsgefühle infolge tiefempfundener sozialer Ungerechtigkeit/en und persönlicher Kränkung/en [26]. Oder als drittes Beispiel: Entsprechend dem Doppelcharakter von sozialer Lage und personaler Disposition gibt es tatsächlich Handlungsfallen und “Alternativen, vor die ein Mensch nicht gestellt werden sollte” [27]. Viertens und als letztes Beispiel zur Verdeutlichung eines Paradox´ unserer Moderne: Je weniger personale Zuwendung einerseits, soziale Gerechtigkeit anderseits empirisch erfahren wird, desto grösser die Sehsucht danach, desto mehr werden “Zuwendung” und “Gerechtigkeit” verklärt und desto bedeutsamer die Institution “Zuwendung” bzw. “Gerechtigkeit”.

Unabhängig von diesen -wenigen- kritischen Hinweisen verdeutlichen Götz Eisenbergs Hinweise zumindest richtungweisend dreierlei: Erstens, dass wie beim malayischen “Amoklauf” so auch bei zeitgenössischen “plötzlichen Massenmorden” einzelner Täter, wenn diese sich vorher unauffällig verhielten, eine zutreffende Prognose n i c h t möglich sein kann, weil das Merkmal “Unauffälligkeit”, selbst zu allgemein und damit nicht trennscharf genug ist. Zweitens, dass die allgegenwärtige Mediengesellschaft insofern Täter und Tathandlungen beeinflussen kann, dass trotz des eigenen Tods ein Stück schlagzeilenproduzierter Bedeutung geschaffen wird, die Tat also den Täter überlebt. Und drittens: Wenn denn derzeitige gesellschaftliche Lagen und soziale Bedingungen “Anomie” als nicht institutionell regelbare Zustände ebenso hervorbringen wie den neuen Tätertyp des privaten Massenmord-”Schläfer” - dann mag erstaunen, warum es bisher so w e n i g entsprechende Vernichtungshandlungen und Massenmordaktionen wie “Erfurt” - auch, aber nicht nur - in der deutschen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt.

VIII.

Als “gelernter” Sozialwissenschaftler der siebziger Jahre möchte ich jenseits aller Aufgeregtheiten und Aktualitäten von und um “Erfurt” auf einen gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang verweisen, ein Grundproblem unseres gegenwärtigen Zeitalters (“late modern age” [Anthony Giddens]) kennzeichnen und im Sinne einer Theorie des Sozialen auf mittlerem Niveau (“middle ranged” [Robert King Merton]) bleiben - also weder den grossen Bogen von Globalisierungsfolgen bis in die psychische Struktur Jüngerer schlagen noch die kleinen Lagen deutscher Familienmilieus nachzeichnen.

Wenn überhaupt das Gerede von der Moderne Sinn machen soll - dann soll hier bewusst ans Konzept von “abstract society” und “homo duplex” des niederländischen Soziologen Anton Zijderveld erinnert werden:

“Das Bedürfnis nach ´Entäusserung´, die Abhängigkeit von ihn sich selbst entfremdenden Institutionen, ist eine Grundbefindlichkeit des Menschen. Der Mensch muss - als auf Kommunikation angewiesenes Wesen - den Bereich seines Bewusstseins und Innenlebens und gleichzeitig damit auch in Richtung auf die Institutionen überschreiten,die sein Verhalten lenken und organisieren. Sobald er sich diesem Kommunikationsprozess versagt, ist er der Gefahr des Manipuliertwerdens ausgeliefert, und zwar nicht nur der Manipulation durch abstrakte Institutionen, sondern auch der Manipulation durch seine eigenen unkontrollierten Emotionen. Der Mensch ist konstitutionell darauf angewiesen, sich im Gleichgewicht zwischen beiden Pole zu halten, zwischen dem privaten Bereich seiner eigenen Leiblichkeit und seines persönlichen Bewusstseins und den traditionellen Strukturen sowie dem Kollektivbewusstsein seiner sozio-kulturellen Umwelt. Wenn der Mensch aufhört, ein homo duplex zu sein, und sich der Manipulation durch die entfremdeten Kontrollapparate der abstrakten Gesellschaft überlässt oder aber sich auf eine antisoziale, von romantischem Absolutheitsstreben erfüllte Individualität reduziert, ist seine Menschlichkeit aufs äusserste gefährdet. [...] Die Demokratie als eine Gesellschaftsform, in der jeder einzelne die Möglichkeit hat, seine Fähigkeiten zu realisieren und ein sinnvolles Leben zu führen, ist nur dort möglich, wo der Mensch homo duplex bleibt und die Kraft und den Willen hat, seine romantischen Sehnsüchte der Rationalität institutioneller Strukturen einzufügen. Die Exaltationen des Absolutheitsstrebens wird er aufgeben müssen, dafür aber die Fähigkeit zum gesellschaftlich schöpferischen Selbstausdruck gewinnen. Der homo duplex ist weder Rebell noch Konformist, sondern ein Wanderer zwischen Konsens und Unzufriedenheit (“Dissens”), der all die Unsicherheiten und Spannungen der demokratischen Gesellschaft auf sich nimmt.” [28]

Dies aktiv handelnd einzulösen ist in den letzten dreissig Jahren erheblich schwieriger geworden. Und zwar nicht wegen dieser oder jener Einzel- oder Besonderheit. Sondern weil sich sozials t r u k t u r e l l wenigstens zweierlei grundlegend verändert hat: Einmal ging jeder posttotalitäre Gesellschaftsentwurf [29] immer davon aus, dass die Vermittlung von Individuum und Gesellschaft, von Person und Sozialcharakter, grundsätzlich möglich ist und dass hier die wichtige Aufgabe von intermediären Gruppen (“intermerdiary organizations”) liegt -z.B. Freiwilligenorganisationen wie Vereinen-, damit der einzelne nicht wie etwa in totalitär verfassen Strukturen “atomisiert” wird [30], damit immer schon der Gefahr doppelter Entfremdung, nämlich zu sich selbst u n d zur ihn umgebenden sozialen Welt, ausgesetzt ist und als “vereinzelter einzelner” (allzu) leicht verzweifelt. Was Ende der fünfziger Jahre William Kornhauser, auch zur Begründung pluralistischer Gesellschaften, zur “Massengesellschaft” als “politics of mass society” beschrieb [31], mag heute zeitgemäss als “Zivilgesellschaft” (società civile) ausgedrückt werden. Dass nicht nur in der deutschen Gegenwartsgesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts alle herkömmlichen intermediären Gruppen empirisch geschwächt sind - und damit zugleich das allgemeine “institutional setting”-, bedarf nicht erneuten Plausibilitätsvortrags. Und dass bisher keine neuen gesellschaftlichen Einrichtungen (im Sinne von Funktionsäquivalenten), die deren Aufgaben wahrnehmen könnten, konzeptionell in Sicht und wenigstens ansatzweise praktisch erprobt sind, ist ebenso deutlich.

Hinzu kommt ein zweitens wesentliches Strukturelement, das alle entwickelten Gegenwartsgesellschaften bestimmt: soziale Asymmetrie. Der US-amerikanische Soziologe James Coleman hat bereits von zwanzig Jahren auf i n n e r gesellschaftliche Machtverschiebungen zugunsten anonymer Grossorganisationen (“impersonal corporative actors”), den entwickelten (Wohlfahrts-) Staat eingeschlossen, aufmerksam gemacht und damit Prozesse angesprochen, die allgemein alle Handlungsmöglichkeiten der lebenden Subjekte (“natural persons”) einschränken bis hin zur Bedeutungslosigkeit einzelner Individuen [32]. Dies aber meint vor allem auch E n t personalisierung des gesamten gesellschaftlichen Handlungssystems und betrifft besonders alle “Nachgeborenen”, die, wie jede nachrückende Generation, nichts Vorgefundenes blank akzeptieren können, sondern sich -als “Wechselwirkung zwischen dem fertig Gestalteten und dem Suchen nach eignem Ausdruck” (Peter Weiss)- ihre eigene soziale Welt immer erst handelnd erobern müssen.

 

Dank für das Essay
Kapitel I und II
Kapitel III und IV
Kapitel V und VI
Kapitel VII und VIII
Anhang