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Amoklauf in Erfurt
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Sehr geehrte Frau Jäckel, ich stimme Ihrer Antwort an die eMail von Johannes aus vollem Herzen zu. Aber es gibt vielleicht noch einen Aspekt, von dem in den Medien nur in ganz
wenigen Andeutungen die Rede war. Ich spreche hiermit den Verdacht aus, das Robert einige ADS-Eigenschaften hatte (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom). Die ist nach meiner Überzeugung keine Krankheit, sondern eher ein spezieller Charakterzuschnitt, womöglich ein evolutionär gewollter und ursprünglich sinnvoller, der aber in unserer Gesellschaft nicht so praktisch und glimpflich ist, weil insbesondere in der Schule lauter Dinge verlangt werden, die ADS-Menschen am schlechtesten beherrschen, z.B. das lange Stillsitzen, das ausdauernde Sich-Konzentrieren, und das beharrlich-konsequente Lernen verschiedener abstrakter Inhalte. Diese Menschen (ich gehöre selbst dazu und habe einen leicht und einen stark davon betroffenen Sohn) sind als Schüler und Erwachsene oft und klassischerweise sog. "underachiever", das heißt sie erreichen aufgrund ihrer starken Gefühlsausschläge und ihrer mangelnden Fähigkeit, sich auf fremdbestimmte Inhalte zu konzentrieren, oft nicht ganz die Leistung, den Schulabschluss, die Ausbildung, die man ihnen aufgrund ihrer formalen Intelligenz zugetraut hatte. Weiterhin haben sie manchmal besondere Stärken (insbesondere in kreativen Bereichen), aber auch besondere Lernschwierigkeiten, z.B. Legasthenie oder Dyskalkulie (Rechenschwäche). Und, was noch schwerwiegender ist, ADS-Menschen werden, weil sie durch entweder Umtriebigkeit (die hyperaktiven unter ihnen) oder Döseligkeit (die primär aufmerksamkeitsdefizienten unter ihnen), oder ihre mangelnde Impulskontrolle ("Reinquatschen statt Warten") Sand ins Getriebe von Elternschaft, Schulen und anderen gesellschaftlichen Kontexten bringen, oftmals gerade als junge Kinder schon mit Rückmeldungen konfrontiert, die in die Richtungen gehen: "Du bist nicht in Ordnung", "reiß Dich doch mal zusammen", "Du könntest, wenn Du nur wolltest", und dergleichen mehr. Aber die Verletzlichkeit und Kränkbarkeit von ADS-Mensch ist aufgrund der hohen Emotionalität eher größer als bei anderen, und man kann sich leicht ausrechnen, wohin das im Extremfalle führt. Eltern müssen lernen, dass sie nicht an jedem Verhaltenselement, an jeder Versagensleistung ihrer Kinder durch Erziehungsfehler schuld sind, aber sie können sich schuldig machen, wenn sie ihren aus ihre Sicht nicht idealen Kindern Liebe, Achtung, Aufmerksamkeit und Beistand entziehen. Und wenn die gemeinsame Zeit ohnehin spärlich ist, wirkt es sich fatal aus, wenn diese Zeit mit vorrangig negativen Rückmeldungen gefüllt wird. Der Selbstwert der ADS-Menschen leidet dadurch großen Schaden. Manche ziehen sich zurück, werden, wenn sie auffällig werden, z.B. Messies, Süchtige und Selbstmörder. Einige zum Glück wenige wollen zuvor noch Rache nehmen. Roberts Todesschüsse waren kein typischer Amoklauf mit wahllosem Umsich-Schießen. Robert hat sich bitter und fatal für alle Demütigungen und Kränkungen seines 19-Jährigen Lebens gerächt. Ich denke schon, dass diese grausame Geschichte wichtige Lerninhalte für uns alle enthält, die aber über das Nachdenken über PC-Spiele und den Zugang zu Waffen (alles auch wichtig, aber vielleicht trotz allem nicht der Kern des Ganzen) deutlich hinausgehen. Mit freundlichen Grüßen, |
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