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Amoklauf in Erfurt
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Sehr geehrte Frau B., haben Sie herzlichen Dank für Ihre ausführliche eMail, die "ein Jahr danach" einen weiteren Erklärungsversuch in diese schreckliche Tragödie trägt. Es ist gut möglich, dass Robert Steinhäuser ein Kind mit einem "Zappelphillip-Syndrom" war. Die mir zugänglichen Kinderfotos von ihm und die fragmentarischen Schilderungen seiner Persönlichkeit lassen auf einen eher ruhigen, schüchternen, gehemmt wirkenden Jungen schließen, der bei näherem Kennenlernen ein bisschen dick auftrug, um sich interessant zu machen. Nähe und Zuwendung scheint er vermisst zu haben. Und erkannt hat er wohl, dass er diese Zuwendung bekam, wenn er sich nicht den Erwartungen entsprechend benahm. Auch wenn es dann Tadel, Strafe war; man sah ihn, wandte sich ihm zu, beachtete ihn, durchbrach die Vernachlässigung und die Einsamkeit. Bis zur letzten Sekunde seines Lebens war es so. Ihre Schilderung der Verhaltensmuster und Leidenserfahrungen der Zappelphillip-Kinder sind lebensecht und aus dieser Binnensicht heraus überzeugend. Vielleicht war Robert Steinhäuser einer dieser Zappelphillips, die anders als der Namen vermuten lässt, gar nicht äußerlich hippelig und zappelig sind, sondern innerlich ständig unter Strom stehen. Sicher ist, dass er mit seiner Persönlichkeit aneckte. Aber selbst wenn sie ihn als Zappelphillip eingestuft hätten, - wäre mehr für ihn da gewesen als ein Medikament wie Ritalin? Hätte man tatsächlich nach den Ursachen für sein Anderssein gesucht? Hätte man seine Seelennöte erkannt? Oder hätte man sich nur erleichtert zurück gelehnt, weil Medikamente wie Ritalin höhere Aufmerksamkeitsfähigkeit und dadurch bessere Schulleistungen nach sich ziehen? Hätte man an der Leistung das Wohlergehen des Jungen festgemacht? Sie wie man an der Nichtleistung sein Versagen abstrafte? Diese Antwort werden wir für Robert Steinhäuser nicht erhalten. Für andere offen gebliebene Fragen auch nicht. Inzwischen sind diverse Fernsehsendungen mit der Schlagzeile "ein Jahr danach" gelaufen. Die einzelnen Sendeanstalten überbieten sich mit neuen Erkenntnissen, die sich letztlich doch als wenig neu erweisen. Manches Gesagte und Gezeigte hat mich mit dem flauen Gefühl zurück gelassen, via Bildschirm Zuschauerin im absurden Theater gewesen zu sein. Manches hat mich erschüttert wie vor einem Jahr. Fragen sind trotzdem geblieben. Robert Steinhäuser war in Not. Seine Lehrer empfanden diese Not als gerechte Strafe. Seine Eltern schauten weg. Seine Freunde konnten nicht helfen. Einsamkeit in Vollendung. Der Tod schlich langsam aus dieser Finsternis. Am Ende brach er sich gewaltsam Bahn ins Leben. Die Frage bleibt, warum niemand sehen, hören, ahnen, wissen wollte, was in diesem gequälten Kind und Jugendlichen vor sich ging. Warum die Kälte, mit der man ihn abstrafte und als ungenügend aussortierte, legitim erschien? Wie sich die Lehrerschaft heute damit wohl fühlt? Erkennen die Damen und Herren, erkennt die Direktorin die eigene Schuld, die Mitschuld an der Tragödie? Können diejenigen, die Robert Steinhäuser unterrichteten und unmittelbar an seinem Schulverweis beteiligt waren, heute gut schlafen? Fühlt sich Herr Heise, der durch Herrn Gorbatschow geehrte Mann des Jahres, wohl, wenn er an Robert Steinhäuser denkt? Er hat ihn unterrichtet. Er war der Letzte, der ihn lebend sah. Doch der junge Mann erschoss nicht ihn sondern sich selbst. Vielleicht ist Herr Heise wirklich ein Held. Unvergesslich, wie freudig er uns den Toten in seinem gelb-roten Blutbad und als den menschlichen Abschaum beschrieb, der Robert Steinhäuser als Lebender für das Kollegium gewesen war. Welch ein Hass in der Stimme des Herrn Heise, der Unordentlichkeit, Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit als die unverzeihlichen Sünden des Schülers Robert Steinhäuser aufzählt. Welche glühende Begeisterung in seinem gesamten Habitus, wie er dessen letzte Lebensminuten und die Farbnuancen des zerfallenden Blutes schildert. Es schaudert mich, wenn ich daran denke. Ein Jahr danach treibt die Direktorin der Schule geradezu Kult mit der Trauer und der eigenen Fixierung auf ihren Lebensraum Schule. Blumensträuße stehen zur Erinnerung an den Stellen, an denen die Opfer niedersanken, verbluteten, starben. Täglich besucht sie die leere Schule, die noch iummer renoviert wird, durchstreift die Räume, besucht die erinnerten Todesplätzen. Tägliche Wiedererweckung der Todesschreie, der letzten Seufzer, der erinnerten Bilder der toten Körper. Eine Schule wird zum Mausoleum gemacht. Allen Ernstes sagt diese Direktorin, die Schüler sehnten sich danach, "wieder nach Hause in ihre alte Schule gehen zu dürfen." Was für Schüler sind das, frage ich mich, die ihre Schule als ihr Zuhause ansehen? Heimweh nach ihren Klassenzimmern haben? Haben sie kein Elternhaus, kein Zuhause in ihrer Familie? Ich jedenfalls habe noch nie erlebt, dass Schüler die Schule als ihr Zuhause definierten und sich danach sehnten. Weit eher habe ich sie lärmend und jubelnd nach jedem Schultag und besonders zur Ferienzeit davon, tatsächlich nach Hause, stürmen sehen. Und selbst Lehrer wissen meiner Erfahrung nach sehr wohl zwischen ihrem Arbeitsplatz und ihrem Zuhause zu unterscheiden. Mir scheint, in solchen Äußerungen der Direktorin verrät sich das eigene Wunschdenken der Kinderlosen, die vor einem Jahr mehrfach öffentlich bekundete, diese Schule sei ihr Leben und die Schüler ihre Kinder. Und zugleich verrät sich darin dann auch, weshalb sie einen wie Robert Steinhäuser nicht ausstehen konnte: Er benahm sich nicht wie eines ihrer Traum-Kinder. War respektlos, undankbar, aufmüpfig. Folglich verstieß sie den missratenen Sohn, warf ihn aus dem Haus, sagte sich von ihm los. Nichts straft gnadenloser als enttäuschte Liebe und unerfüllte Dankbarkeitserwartung. Intensiv werden ein Jahr danach auch noch immer die Schülererinnerungen an die Toten wach gehalten. Blumenbilder werden für die toten Lehrer gemalt, Namen hinein geschrieben. Der Kunstunterricht wird damit gestaltet. Trauerunterricht? Erinnerungskult? "Warum machst du das?", wird in einer Fernsehsendung gefragt. "Was mochtest du besonders an ihr?" Was hatte er denn an ihr? An einer Frau, die er kaum kannte und deshalb auch nicht besonders gern hatte? Wenn man ehrlich ist, muss man sagen, dass er in der Rückschau gar nicht erkennen kann, etwas an ihr gehabt zu haben. De mortuis nihil nisi bene, - aber ich glaube, für die Lebenden wäre es besser, die Toten ruhen zu lassen anstatt posthum nie vorhandene Bindungen zu konstruieren und Erinnerungen zu beleben, die es real nicht gibt. Offen bleibt für mich auch die Frage nach dem zweiten Täter. So viele Augenzeugen können nicht irren. Noch dazu, wenn sie unmittelbar nach der Tat unabhängig von einander von einem zweiten Täter berichten. Und was ist mit demjenigen Unbekannten, der kurz nach der Tragödie Tagebuchseiten Robert Steinhäusers ins Internet stellte. Wer war es? Warum tat er es? Warum erfährt die Öffentlichkeit nichts davon? Oder die Aussagen dieses Tagebuchs? Trafen sie zu? Woher hatte Robert Steinhäuser die Informationen? Auch ein Jahr danach erfüllt mich tiefes Mitgefühl für die Trauernden und ihre Toten. Robert Steinhäuser gehört dazu. Die wahren Täter sind diejenigen, deren gnadenlose menschliche Härte und unzulänglichen Gesetze das Unheil in Gang setzten. Bezeichnend, dass ein weiteres Gesetz eine ähnliche Verzweiflungstat für die Zukunft verhindern soll. Dass die beste Vorbeugung nicht die Strafandrohung ist, sondern (nicht nur) Kinder lieb sind, weil sie geliebt werden und geliebt werden wollen, lässt sich leider nicht durch Gesetze vermitteln. Deshalb kann ich Ihnen nur voll und ganz zustimmen, liebe Frau B., das Leid (auch) der Kinder erwächst aus der Missachtung, die sie erfahren. Und wenn wir als Vorbild Gebende nicht von unserem Sieger-Drill und von der Schadenfreude als Lebensmaxime Abstand nehmen, kann Erfurt trotz des neuen Waffenschutzgesetzes überall sein. Mit besten Grüßen, Karin Jäckel |
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