k Offener Brief von Karin Jäckel an den Ministerpräsidenten von Thüringen Bernhard Vogel zum Amoklauf in Erfurt am Freitag 26.April 2002

Amoklauf in Erfurt
Freitag 26.April 2002
Offener Brief von Karin Jäckel an den
Ministerpräsidenten von Thüringen
Bernhard Vogel

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

als Autorin zahlreicher Sachbücher, in denen ich mich mit Problemen von Kindern und Familien auseinandersetze, habe ich in über 20 Jahren viele Interviews mit Kindern und Jugendlichen geführt, die sich aus den verschiedensten Anlässen das Leben zu nehmen versuchten. Vergeblich, Gott sei Dank..

Was mich diese jungen Menschen lehrten, führt mich zu der Überzeugung, dass der junge Robert Steinhäuser aus Erfurt nicht der in den Medien präsentierte eiskalter Killer war. Vielmehr war er ein zutiefst verzweifeltes, mit seiner tödlichen Lebens- und Zukunftsangst "mausbeinallein" gelassenes und absolut hoffnungsloses Kind, welches durch das empathielose Fehlverhalten seiner Lehrerinnen und Lehrer in den "erweiterten Selbstmord" getrieben wurde.

Es ist folgenschwer falsch, die Augen vor der gnadenlosen Abstrafung seines unreifen Verhaltens zu verschließen, denn wenn man die wahren Gründe des Amoklaufs nicht erkundet und beseitigt, wird es Wiederholungstäterinnen und -täter geben.

Waffenschutzgesetze, PC-Spiele-Gewalt- und Gewalt-Video-Verbote stellen als Maßnahmen der Regierung vielleicht Symptome ab. Gegen die eigentliche Krankheit unserer Gesellschaft helfen sie nicht. Im Gegenteil, sie erwecken den Anschein der Abhilfe und bewirken dadurch, dass keine echte Hilfe geboten wird.

Hilfe, die zum Beispiel in einer Intensivierung der pädagogischen (nicht mehr nur der leistungszentrierten) Ausbildung junger Lehrerinnen und Lehrer und in einer gesetzlich verpflichtenden regelmäßigen Auffrischung der pädagogischen Fähigkeiten der gestandenen Lehrkräfte bestehen sollte.

Bisher kann jeder Mensch Lehrer werden, der einen bestimmten Notendurchschnitt im Abitur erreicht hat. Ob dieser Mensch zum Pädagogen geeignet ist und die nötige Charakterstärke, die nötige Empathiefähigkeit hat, mit Verständnis, Geduld und natürlicher Autorität sein Lehramt auszuüben, wird nicht geprüft. Nicht einmal während des Studiums spielt die Persönlichkeitsbildung des Studenten und seine Erziehungsfähigkeit eine heraus ragende Rolle. Im Gegenteil, das Studienfach Pädagogik ist seit jeder per "Sitz-Schein" und im Schnelldurchlauf zu absolvieren.

Nur zu oft kommen am Ende Lehrkräfte dabei heraus, die ihren Beruf vom ersten Tage an als Belastung empfinden, mit den Heranwachsenden nicht umgehen können und irgendwann nur noch Aversionen gegen die jungen Quälgeister aufbauen.

"Wenn ich gutes Material habe, kann ich auch gute Durchschnitte erzielen", sagte mir einmal ein Lehrer und meinte mit "Material" seine Schulkinder, die er unterrichtete.

Lehrerinnen und Lehrer mit einer solchen Einstellung zu den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen sind keine Pädagogen und keine Vorbilder. Sie haben ihren Beruf verfehlt.

Haben Sie sich einmal mit der Forschungsarbeit des Erziehungswissenschaftlers Herrn Prof. Dr. Volker Krumm befasst und seine Studien über das Ausmaß der von Lehrerinnen und Lehrern ausgehenden verbalen Gewalt gegen Schülerinnen und Schülern bearbeitet?

Die wahrhaft erschreckenden Ergebnisse dieser Studien sollten dringend bei der Erarbeitung neuer Richtlinien zur Pädagogenausbildung berücksichtigt werden und dazu führen, dass endlich eine auch psychologische, die menschliche Lehramtseignung der Kandidatinnen und Kandidaten testende Aufnahmeprüfung für ein Lehramtsstudium zum Obligo gehört.

Bisher werden mit mehr oder weniger profundem Wissen aufwartende Junglehrerinnen und Junglehrer von Hochschule und Universität direkt in den Schuldienst entlassen. Sie haben vielleicht gute Zeugnisse, aber ganz sicher kaum Erfahrung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Die meisten frisch gebackenen Lehrkräfte haben sogar Angst vor dem Schuldienst, weil sie nicht wissen, wie sie mit den "jungen Wilden" fertig werden sollen.

Hört man sich unter ihnen um, erfährt man allzu oft, dass sie im Kollegium der ihnen zugewiesenen Schule von gefrusteten, Dienst nach Vorschrift absolvierenden Damen und Herren gemobbt oder eindeutig im Stich gelassen werden, anstatt zum Unterrichten angeleitet zu werden.

Fragen Sie Lehrkräfte, die seit Jahren im Schuldienst stehen, ob sie darüber nachdenken, wie es Schülerinnen und Schülern mit schlechten Noten oder einem "Nicht-Versetzt" im Zeugnis geht! Sehr oft werden Sie zu hören bekommen: "Darüber denke ich nicht nach. Ich muss meinen Privatbereich schützen."

Aussagen, die sich mit denen der Erfurter Direktorin decken, die ausführte, dass sie Robert Steinhäuser zwar den Brief mit dem definitiven Schulverweis gegeben, sich aber schließlich nicht um jeden kümmern könne, den sie ausschließen müsse.

Nach diesen Worten könnte man meinen, dass Schulverweise an der Tagesordnung seien, so dass man einen gnadenlos ausgegrenzten jungen Menschen unter tausend anderen nicht erinnern könne. Tatsächlich sind Schulverweise aber sehr, sehr selten. Und eine Pädagogin, die ihre Schule als "mein Kind" bezeichnet, welches sie real nie hatte, sollte sich wohl eines einzelnen jungen Menschen erinnern, dem sie mit der Übergabe eines solchen Briefes die Zukunft abschneidet.

Sie sollte sich erinnern, weil es ihre berufliche Pflicht und mitmenschliche Ehrenaufgabe gewesen wäre, Robert Steinhäuser mit einem derartigen Brief nicht allein zu lassen. Anstatt sich, wie geschehen, von seinem Elend unberührt ab- und dem Tagesgeschäft zuzuwenden, hätte diese Profi-Pädagogin und Direktorin ihm helfen, ihn verständnisvoll beraten und ihm Perspektiven zur wirksamen Bewältigung der Krise aufzeigen müssen.

Als Eltern, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, haben wir keine andere Wahl, als unsere Kinder den Lehrkräften anzuvertrauen, die im staatlichen Schuldienst stehen.

Ganz ohne Zweifel gibt es an fast jeder Schule wunderbare Lehrerinnen und Lehrer, die ihre Aufgabe vortrefflich wahrnehmen. Für diese sind Eltern und Kinder gleichermaßen dankbar.

Jedoch haben wir kaum Möglichkeiten, uns im Interesse unserer Kinder gegen verbale Aggressionen, Ungerechtigkeit, Willkürakte oder Launen von weniger angenehmen Lehrerinnen und Lehrern zur Wehr zu setzen. Dagegen helfen meist weder das Verwaltungsgesetz noch die gewählten Elternbeiräte in den Landesverbänden.

Und genau deshalb, weil Sie als Regierung uns als Bügerinnen und Bürger dazu verpflichten, unsere Kinder den staatlich geprüften und für gut befundenen Lehrkräften zu überantworten, haben Sie auch die Pflicht, unseren Kindern die bestmöglichen Lehrkräfte zur Verfügung zu stellen. Nicht zuletzt dafür werden uns reichlich Steuern und Sozialabgaben abverlangt.

Wie die Realität aussieht, erfuhren wir als Familie mit drei Kindern in dem für uns zuständigen Kultusministerium, als uns der um Rat gebetene Minister lapidar sagte: "Ich komme selbst vom Fach und kenne meine Papenheimer. Wegen Unfähigkeit kann ich keinen Lehrer entlassen. Und selbst wenn, - würde ich jeden unfähigen Lehrer entlassen wollen, hätte ich fast keine mehr."

In Ihren Trauerbekundungen zum Amoklauf in Erfurt sagten Sie, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, dass man wohl niemals verstehen werde, was in Robert Steinmüller vorgegangen sei und was ihn zu der Tat getrieben habe.

Dem möchte ich entschieden widersprechen. Es gibt schon jetzt zahlreiche Kommentare von Psychologen, Seelsorgern, Sozialarbeitern, Pädagogen beiderlei Geschlechts, die öffentliche Analysen abgaben. Unter anderem prangerten sie das bundesweit einmalig ungerechte Thüringer Schulmodell sowie die an Robert Steinhäuser praktizierte erzieherische Maßnahme des Schulverweises und nicht zuletzt die ihm bezeigte Gleichgültigkeit als Auslöser des schrecklichen Unglücks an.

Dies alles mit der raschen Verabschiedung eines neues Waffengesetzes abzubügeln und in laute Lamenties über das Vorbild der Medien-Gewalt auszubrechen, ist der falsche Weg.

Warum, habe ich Ihnen in einem dem Anhang beigefügten Kommentar zum "Amoklauf in Erfurt" geschildert und hoffe, Sie nehmen sich etwas Zeit, ihn zu lesen.

Mein dringender Appell:

Gehen Sie als Führungselite des Landes, die alle Macht vom Volke hat, zum Wohl dieses Volkes mit dem Vorbild politischer Seriosität, Glaubhaftigkeit und Verfassungstreue voran.

Geben Sie mit diesem Beispiel den Kindern, Jugendlichen und Familien die schon im 68er Krawall verworfenen ideellen, moralischen und sittlichen Werte zurück, ohne die keine Mitmenschlichkeit gelingt.

Garantieren Sie durch den verfassungsmäßigen Schutz der traditionellen Ehe und Familie Fortbestand und Sicherheit und schaffen Sie dadurch ein gesellschaftliches Klima, in dem Kinder und Heranwachsende sich auch dann noch geliebt wissen, wenn sie Fehler machen.

Mit diesem Wunsch grüßt Sie

Dr. Karin Jäckel
www. karin-jaeckel-autorin.de

Anlage:

Aktueller Kommentar von Karin Jäckel zum Amoklauf in Erfurt am Freitag 26.April 2002

Siehe auch:

Die Direktorin und die Leere

Christiane Alt, die Leiterin des Erfurter Gutenberg- Gymnasiums, und ihre Sehnsucht nach der Rückkehr der Normalität
Von Marcus Jauer
Süddeutsche Zeitung,Erfurt, 1. Mai 2002

Rede von Bernhard Vogel am 3. Mai 2002

Worte von Schülerinnen und Schülern des Gutenberg Gymnasiums, vorgetragen von Constanze Krieg