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Das Leselöwenjahr |
Mutmachgeschichte |
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Cornelias Mutter ist die liebste Mutter, die Cornelia sich denken kann. Und Cornelia ist die liebste Tochter, die ihre Mutter sich denken kann. Vor lauter Liebe hat die Mutter immer große Angst um Cornelia. Wenn es draußen regnet, mahnt sie: "Liebes, zieh deinen Regenmantel an, sonst erkältest du dich." Wenn die Sonne scheint, sagt sie: "Beib am besten im Haus, sonst bekommst du einen Sonnenbrand." Wenn die anderen Kinder an der Haustür klingeln, um Cornelia zum Spielen abzuholen, meint die Mutter: "Ach, kommt doch lieber ins Haus und spielt drinnen, sonst werdet ihr noch überfahren." Sogar wenn Cornalia mit ihrem Teddy schmusen will, warnt die Mutter: "Er hat sicher Drahtstäbe in den Armen. Drück ihn nicht so fest, sonst stichst du dich." Vor lauter Mutter-Angst ist Cornelia selbst schon ganz ängstlich. Sie traut sich nicht, die Treppe hinunter zu hüpfen, sondern hält sich immer ganz brav am Geländer fest. Sie traut sich nicht, mit den anderen Kindern Gummitwist zu spielen, sondern bleibt lieber daneben stehen und guckt zu. Sie traut sich nicht, einen Startsprung vom Ein-Meter-Block zu versuchen, sondern steigt vorsichtig von der Leiter ins Schwimmbecken hinein. Sie traut sich nicht, mit ihren Puppen oder dem Teddy oder Legosteinen zu spielen, sondern liegt lieber auf dem Bett und hört Musik. Und selbst das traut sie sich nicht mehr, weil die Mutter gesagt hat, dass man an der Steckdose einen Stromschlag bekommen kann, wenn man den Stecker falsch hinein steckt. Im Winter ist es immer am schlimmsten. Die Mutter hat solche Angst, dass Cornelia auf dem Glatteis ausrutschen und sich ein Bein brechen, oder dass sie in den Schneematsch fallen, oder eine Schneeflocke in den Mund bekommen, oder dass sie sich im rauhen Wind erkälten könnte. Keinen Schritt lässt sie Cornelia allein gehen und pummelt sie so dick in Thermohosen, Mützen, Schals, Kapuzen, Pelzstiefel, Daunenjacken und Handschuhen ein, dass Cornelia wie ein Yeti aussieht. Und Cornelia traut sich kaum zur Schule. Niemals würde sie wie die anderen Kinder auf einer Eispfütze glitschen oder den Schlittenhang am Stadtrand hinunter sausen. Doch eines Tages passiert etwas Merkwürdiges. "Conny, Conny, komm raus, wir machen eine Schneeballschlacht!" rufen die Schulfreundinnen und klopfen mit beiden Fäusten an Cornelias Fenster. Da es zu ebener Erde liegt, können sie es leicht erreichen. Aber Cornelia traut sich nicht. Sie öffnet das Fenster nur zur Hälfte und schüttelt den Kopf. "Meine Mutter sagt, dass ich keinen Schnee im Gesicht vertrage." "Angsthase, Pfeffernase!" lachen die Mädchen und raffen mit beiden Händen Schnee zusammen. Wie sie lachen und kreischen, wenn sie sich getroffen haben! Cornelia spürt einen Schmerz in der Brust, als wäre sie fest gestochen worden. Genau in dem Moment, als sie das Fenster schließen will, fliegt ein Schneeball zu ihr ins Zimmer. Wie ein dicker weißer Wattebausch fällt er auf das Bett und zerbröselt in tausend Sternchen, die sofort zu Wassertropfen schmelzen. Cornelia weiß nicht, was sie tun soll. Die Bettdecke wird nass. Der Schneeball sollte schnell nach draußen zurück geworfen werden. Aber die Mutter hat gesagt, dass Cornelia von Schnee einen bösen Ausschlag an den Händen bekommt. "He, du da, Stubenhockerin!" hört sie jemanden vor dem Fenster rufen. Immer noch erschrocken schaut Cornelia hinaus. Ein Junge mit einer Zipfelmütze steht davor. "Gehst du eigentlich nie raus?" fragt er. "Doch, schon, zur Schule und zum Einkaufen, manchmal, mit meiner Mutter", sagt Cornelia. "Dann hast du garantiert ziemlich viel Zeit, oder?" will der Junge wissen. "Na ja", meint Cornelia und lauscht ins Haus zurück. Ob die Mutter etwas bemerkt hat? Ob sie schon kommt? "Wieso fragst du?" "Ach", sagt der Junge und zieht etwas Rotes unter seiner Jacke hervor, "wegen meiner Katze. Ich kann sie nicht behalten, weißt du. Ich hab zu wenig Zeit für sie. Wegen Fußball und so. Sie soll ins Tierheim. Aber das ist nichts für sie. Sie braucht einfach jemanden, der Zeit hat. So jemand wie dich." Cornelia weiß nicht, was sie antworten soll. Sie hätte gern eine Katze gehabt. Aber was würde die Mutter dazu sagen? Der Junge grinst. "Hier!" sagt er und drückt Cornelia die Katze in den Arm. "Da hast du sie! Sie heißt Drops." Die Katze zappelt und maunzt. Auf der Treppe hört man den Schritt der Mutter näher kommen. Die Katze faucht. Sie spürt, wie aufgeregt und ängstlich Cornelia ist. Das macht ihr Angst. "Wie schnell ihr Herz schlägt!", denkt Cornelia. Sie kann das Pochen unter dem Bauchpelz fühlen. Und plötzlich wird sie irgendwie ganz stark. "Schnell unters Bett", flüstert sie und schiebt die Katze ganz weit unter die überhängende Tagesdecke. Aber Drops hat keine Lust, in der fremden Umgebung zu bleiben. Ausgerechnet in dem Augenblick, als die Mutter eintritt, krabbelt Drops hervor. "Was ist das, Cornelia?" fragt die Mutter entgeistert. "Du willst dieses Tier doch nicht etwa behalten?" "Doch", sagt Cornelia und staunt, dass sie sich getraut hat. Rasch bückt sie sich nach der Katze. "Nur das nicht, Liebes!" ruft die Mutter. "Sie wird dich kratzen. Womöglich bekommst du sogar eine Allergie. Wirf sie aus dem Fenster. Katzen tun sich nicht weh, wenn sie fallen. Sie landen immer auf den Füßen. Schnell, Liebes, tu, was deine Mutti sagt. Tiere im Haus sind ungesund." Doch Cornelia wünscht sich die Katze so sehr, dass sie der Mutter gar nicht richtig zuhört und alle Angst vergisst. Mit beiden Armen nimmt sie die Katze vom Boden auf und krault ihr sanft ein Ohr. "Siehst du, Mutti", strahlt sie. "Sie kratzt mich nicht. Willst du sie auch mal streicheln? Sie tut dir nichts. Du brauchst keine Angst zu haben. Trau dich einfach mal." Die Mutter schaut Cornelia verwundert an. Ihre Wangen glühen ja nur so vor Freude. Und wie gut sie mit der Katze umgehen kann. Wer hätte das gedacht? Zaghaft berührt die Mutter das linke rote Katzenohr mit einem Finger und streichelt es ein wenig. "Grrrrr", schnurrt die Katze, " Grrrr, Grrrr, Grrrrrrrr." "Sie weiß schon, dass sie jetzt hier zu Hause ist", meint Cornelia und lacht die Mutter so strahlend an, dass diese nicht Nein sagen kann. "Ich lauf schnell Katzenfutter kaufen." Und dabei hat sie ganz vergessen, dass sie sich eigentlich nicht vor die Tür traut, weil draußen Schnee liegt und Glatteis sein könnte. |
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