Die schönsten Ostergeschichten
zum Vorlesen

Von Osterhasen und Weihnachtsmännern

Sechs Wochen vor Ostern füllten sich die Regale in den Supermärkten mit Schokoladenhasen, Schokoladen- und Marzipaneiern, mit Hasen aus rotem Zucker oder braunem Karamell, mit Tüten voll Gelee- und Schaumeiern und vielen anderen Ostersüßigkeiten. Man stellte sie genau in die richtige Höhe für Kinderaugen und -hände. Von nun an gab es in den Geschäften häufig Kindertränen. Die in bunt bedrucktes Goldpapier verpackten Osterhasen zogen kleine Hände ganz unwiderstehlich an.

"Papa, den will ich!"

"Mama, kauf mir doch einen, nur einen, nur den hier, nur den ganz kleinen. Mama! Bitte!"

"Nein, es ist ja noch gar nicht Ostern."

"Der ist doch viel zu teuer."

So ging es zwischen den Kindern und Eltern hin und her. Den ganzen Tag und jeden Tag aufs Neue.

Ein besonders schön verpackter und großer Osterhase stand besonders gut sichtbar in der Nähe der Kasse auf einem Regal. Jeden Tag griffen viele Kinderhände nach ihm und ebenso viele Mütter- oder Väterhände stellten ihn wieder zurück. Allmählich wurde das Goldpapier an den Stellen, wo die Hände es berührten, unansehnlich. Selbst die Farben verblassten. Und wenn jemand den Schokoladenhasen genauer abtastete, spürte er ganz genau, dass der Hase im Rücken schon leicht eingedrückt war. Trotzdem blieb er der schönste Osterhase in dem Geschäft. Und um keinen anderen wurden mehr Tränen vergossen als um ihn.

Eines Tages kippte der Osterhase um und stürzte kopfüber aus dem Regal zu Boden.

"Das musste ja passieren", meinte eine Frau, die neben dem Osterhasen in den Auslagen gekramt hatte. "Die Regale sind einfach zu voll."

"Er war so traurig, weil ihn keiner gekauft hat", sagte ein Kind. "Darum ist er umgefallen. Jetzt kann meine Mama ihn mir gar nicht mehr zu Ostern schenken. Und dabei hatte sie es mir doch versprochen."

"Nun weine nicht", tröstete ein Verkäufer, der gerade den zerbrochenen Osterhasen aufhob, das Kind. "Du siehst den Hasen ganz bestimmt einmal wieder."

"Wirklich?" Das Kind sah den Verkäufer erstaunt an. "Wann denn?"

Der Verkäufer schmunzelte. ,"Spätestens zu Weihnachten. Dann sieht er nur ein bisschen anders aus."

"Und wie?", fragte das Kind.

"Na, wie ein Schokoladenweihnachtsmann", sagte der Verkäufer. "Alle Osterhasen, die nicht verkauft werden, kommen nämlich in die Schokoladenfabrik zurück. Dort schmilzt man sie ein und macht neue Sachen daraus."

"Bestimmt?", wollte das Kind wissen und streichelte dem Osterhasen über die zersplitterte Nase.

"Bestimmt!", antwortete der Verkäufer und freute sich, als das Kind mit fröhlichen Hüpfschritten zur Ladentür sprang.

"Tschüs!", winkte er.

"Bis Weihnachten!", rief das Kind und winkte zurück. Und dann lachten sie beide.