Das große Schulgeschichtenbuch

Fundevogel

Um zehn macht Davids Klasse zum erstenmal Rast. So ein Wandertag ist anstrengend. Da tut es gut, wenn man im weichen Gras sitzen und die Beine ausstrecken kann.
Nur David mag sich nicht setzen. Er trippelt von einem Bein aufs andere und nimmt nicht einmal sein Vesperbrot aus dem Rucksack. Dabei hat er Hunger, Bärenhunger sogar.

"Ist etwas, David?" fragt Frau Schiller, die Lehrerin.

David wird ein bischen rot.
"Ich muß mal", sagt er.
"Und hier ist kein Klo."

Frau Schiller blinzelt vergnügt.
"Tiere haben auch keins", flüstert sie.
"Du brauchst dich nicht zu genieren. Such dir einen dicken Busch. Dahinter sieht dich niemand. Aber lauf nicht zu weit."

David läuft erleichtert los.
Erst auf dem Rückweg schaut er sich neugierig im Wald um.
Wieviele Blumen zwischen den Bäumen blühen! Lichtnelken erkennt er, Gänseblümchen und Margeriten.
Wie eine weiße Wattewolke sehen die Blütenköpfe auf der kleinen Lichtung aus. Vielleicht freut sich Frau Schiller, wenn ich ihr eine Margerite schenke, denkt David und bückt sich.

Da sieht er sie sitzen. schwarzes Gefieder, schwarze Augen, eine junge Krähe. Den linken Flügel hält sie merkwürdig zur Seite gebogen.

"Du Arme!" flüstert David.
"Hast wohl Sturzflug geübt?"

Vorsichtig wölbt er die Hände um die Krähe und hebt sie auf. Ihr Herz schlägt so heftig, daß David das Pochen deutlich fühlt.
"Ich tu´dir nichts!" sagt er.

Frau Schiller macht große Augen, als David ihr die Krähe zeigt.
"Du kannst sie nicht mitnehmen" sagt sie.
"Wir sind noch Stunden unterwegs."

"Doch", widerspricht David.
"Doch, ich kann."

Er setzt die Krähe auf seine große Stoffserviette, die ihm die Mutter mitgegeben hat.
Ines und die anderen Kinder passen auf, daß nichts passiert.
David aber springt zum Bach hinunter und schneidet Binsengras mit seinem Taschenmesser.
Geschickt beginnt er, ein Körbchen daraus zu flechten. das hat ihn die Mutter gelehrt, damit er Waldbeeeren darin sammeln kann, wenn sie spazierengehen.
Bald ist das Körbchen fertig.

"Paßt genau!",
lobt Ines und faltet die Serviette hinein, damit David die Krähe bequem betten kann.
Den Flügel schient Frau Schiller mit einem Stöckchen und etwas Schnur. David und die anderen schauen zu. Vielleicht müssen sie es ja einmal selber können.

Immer abwechselnd tragen die Kinder das Binsenkörbchen mit der Krähe. Auch Frau Schiller kommt an die Reihe.
Zuerst hat die Krähe noch Angst vor ihren eifrigen Helfern. Endlich aber fallen ihr die Augen zu.
"Pst!" flüstert David.
"Sie schläft!"

Und Ines, die immer zu Späßen aufgelegt ist, stimmt ein Schlaflied an. Da singen alle so laut mit, daß der Wald schallt.
Die Krähe wacht nicht auf.

"Sicher hat sie schon lange nichts mehr gefressen",
meint Frau Schiller besorgt.
"Wahrscheinlich ist sie zu schwach. Was meint ihr, wollen wir unseren Ausflug nicht mit einem Besuch beim Tierarzt beenden?"

"Ja! Prima! Klar!" stimmen alle eifrig zu.
Und Peter ruft:
"Ich weiß, wo einer ist. Gleich am Marktplatz, neben der Kirche."

Der Heimweg kommt allen viel kürzer vor als der Hinweg.
Zum Glück hat der Tierarzt Sprechstunde. Das Wartezimmer ist schon besetzt. Nur Frau Schiller und David passen noch hinein.
Da spendiert Frau Schiller ein Eis an der Eisdiele gegenüber.

"Seid brav!" sagt sie.
"Ich verlass´mich auf euch!"

Die Kinder nicken.
"Wir bleiben alle hier, bis Sie fertig sind!" sagt Ines.
"Und wir stellen nichts an."

Frau Schiller eilt beruhigt hinter David her, der schon im Wartezimmer verschwunden ist.

"Ah, ein Notfall!"
ruft der Tierarzt, als er die Krähe sieht, und bittet Frau Schiller und David mit ihrem Schützling gleich ins Sprechzimmer. Fachmännisch untersucht er den Flügel und schient ihn neu.

"Gut gemacht"
lobt er Frau Schiller dabei.
"Nur das Hölzchen war etwas zu dick."

"Wird sie wieder gesund?" will David wissen.
"Kann sie wieder fliegen?"

Der Tierarzt nickt.
"Wenn sie sorgfältig gepflegt wird, bestimmt. Sie braucht regelmäßig Futter und etwas Bewegung. Habt ihr ein Vogelbauer daheim?"

David schüttelt den Kopf.

"Ich leihe dir eines", sagt der Tierarzt.
"Wenn die Krähe gesund ist, bringst du es mir wieder."

Jeder in der Klasse möchte Fundevogel, wie sie die Krähe getauft haben, pflegen. Aber Frau Schiller wählt David aus.

"Ihr könnt ihn ja besuchen", meint sie.
"So ein kranker Vogel braucht viel Ruhe, sonst kann er vor Angst nicht gesund werden."

Das sehen alle ein. Nur Frank hat noch eine Frage.
"Was ist, wenn seine Eltern dagegen sind?"

"Dann", sagt frau Schiller,
"knobeln wir, wer an die Reihe kommt."

David und Ines wohnen in derselben Straße.
Den ganzen Heimweg reden sie über Mehlwürmer und Regenwürmer und gebrochene Flügel.
Und David sagt mindestens zwanzigmal:
"Hoffentlich sind meine Eltern einverstanden! Hoffentlich!"

Natürlich darf die Krähe bleiben.
Die Mutter streicht ihr mit der Fingerspitze über das Köpfchen.
"In ein paar Wochen fliegst du wieder", sagt sie.

Das Vogelbauer bekommt einen schönen Balkonplatz,
nicht zu sonnig, nicht zu schattig.
Und täglich hat die Krähe Besuch. Jeder bringt ihr etwas mit. Meistens sind es ein paar fette Mehlwürmer.
Aber das schönste Geschenk ist ein Puppenspiegel.
Wenn die Sonne darin funkelt, gerät der Fundevogel außer sich vor Begeisterung und krächst.

Auch die schlimmste Krankheit ist einmal vorüber,
und endlich kann Fundevogels Flügelschiene abgenommen werden.
"Nun laßt sie fliegen, Kinder!"
bittet der Tierarzt und sieht vor allem David an.
"Vögel baruchen den Himmel zum Glücklichsein."

David nickt.
Auch ein paar andere aus der Klasse haben feuchte Augen. Noch am selben Tag radeln sie zusammen in den Park.
"Flieg, Fundevogel! Viel Glück!"
rufen sie, als David das Bauer öffnet und die Krähe hoch über sich in den Himmel wirft.

Ein wenig unsicher breitet Fundevogel die Flügel aus und krächst vor Schreck. Aber schon spürt die Krähe, daß die Luft sie trägt und fliegt davon.

Die Kinder haben keine Lust zu reden.
Es ist traurig, wenn man einen Freund verliert. Still fahren sie den Weg zurück, den sie gekommen sind. Sie wollen das Vogelbauer noch zurückbringen.

David bemerkt den schwarzen Verfolger zuerst.
Krächsend und flügelschlagend saust er heran.

"Fundevogel!",
ruft David und fällt beinahe mit dem Fahrrad um. Es kommt schließlich nicht alle Tage vor, daß eine Krähe auf seinem Kopf landet.

"Fundevogel, komm hierher! Komm zu mir!"
locken die anderen ein wenig neidisch.

Doch die Krähe bleibt.
Vorsichtig zupft sie Davids Haar. Sie hat ihn gern, jeder kann es sehen.
Erst vor dem Haus schwingt sich die Krähe in den Himmel hinauf.
Zwei, drei Kreise zieht sie über den Kindern, ehe sie endgültig in Richtung Park abdreht.
Einmal krächst sie laut. Es hört sich an wie "auf Wiedersehen":