Elternkummer

Die Lehrerin ist nervös und mein Kind soll Beruhigungspillen kriegen

Andrea

12. März  2005

Liebe Frau Jäckel,

mit Begeisterung habe ich auf Ihrer HP gestöbert. Das nahm ich zum Anlaß, sie hier anzuschreiben, um evtl. einen Tipp zu bekommen. Denn ich weiß nicht mehr ein und aus.

Meine Tochter wurde im Jahr 2002 eingeschult und schon bald stellte sich heraus, dass sie keinen Draht zu ihrer Lehrkraft fand. Was sie in den kommenden beiden Jahren bitter büßen mußte.

Ich rannte mit ihr zur schulpsychologischen Beratungsstelle, weil die Lehrkraft der Meinung war, meine Tochter leide an ADHS und müßte therapiert werden. Nach einem Besuch einer Schulpsychologin im Unterricht, stellte diese dann fest, dass meine Tochter auch nicht auffälliger wäre, wie alle anderen Kinder. Das gab mir erstmal ein gutes Gefühl.

Dieses Gefühl hielt mich aber nicht davon ab, beim Kinderarzt vorstellig zu werden, welcher meine Tochter zwar als aufgeschlossen, sehr mitteilungsbedürftig und temperamentvoll bezeichnete. Aber auf keinen Fall als ADHS-Fall einzustufen wäre.

In Gesprächen mit anderen Müttern stellte sich heraus, dass nicht nur wir diese Probleme haben, sondern eine Vielzahl anderer Eltern auch. Auch denen wurde oben erwähntes empfohlen, mit zumeist dem selben Ergebnis. Der Tipp der Lehrkraft, meiner Tochter Psychopharmaka zur Ruhigstellung verordnen zu lassen, stieß bei meinem Mann und mir auf taube Ohren. Denn wir sind der Meinung, dass es nicht immer notwendig ist, Kinder auf diese Art und Weise ruhig zu stellen, nur um einen reibungslosen Unterrichtsablauf zu garantieren.

Meine Tochter brachte dann die ersten beiden Grundschuljahre mehr recht als schlecht hinter sich. Nun geht das ganze Theater in der 3. Klasse weiter. Mittlerweile hat sie keine Lust mehr auf Schule, lernen und alles was damit zusammen hängt. Auch fand ich heraus, dass die beiden Lehrkräfte, um die es sich handelt, dicke Freundinnen sind. Und somit gemauert wird.

Mir persönlich wird zum Vorwurf gemacht, mich nicht um die zuverlässige Erledigung der Hausaufgaben zu kümmern, sowie die Konzentrationsfähigkeit nicht zu fördern. Nur, wie soll ich Hausaufgaben auf Vollständigkeit kontrollieren, wenn meine Tochter alle Aufgaben, die sie in ihrem Heft notiert hat, erledigt hat. Auf meine Bemerkung hin, ich säße im Unterricht nicht an der Seite meiner Tochter, um dies kontrollieren zu können, erntete ich nur vorwurfsvolle Blicke. Nun ist es schon soweit, dass ich Briefe der Schulleitung erhalte, in denen genau dieses Thema angesprochen wird.

Ich bat die Lehrkraft bereits des öfteren darum, zu kontrollieren, ob meine Tochter alles notiert hätte. Aber das ist anscheinend zu viel Aufwand.

Jetzt ist es auch schon so weit, dass die Versetzung in die nächste Klasse gefährdet ist, weil meine Tochter die Leistung, die erwartet wird nicht bringt. Mit einer Nichtversetzung hätte ich persönlich kein Problem, aber ich habe hier den Eindruck, dass irgend etwas fürchterlich schief läuft. Denn kurz vor den Weihnachtsferien machte ich der Lehrkraft den Vorschlag, meine Tochter zurück zu stellen, wovon sie mir mit der Begründung, dass meine Tochter aufgrund ihrer Intelligenz den Stoff schaffen würde, abriet. Jedoch mich damals schon darauf hinwies, dass im Zwischenzeugnis der Satz stehen würde, dass das Vorrücken gefährdet wäre. Irgendwie paßt das doch nicht?

Leider habe ich inzwischen den Eindruck, dass der Lehrberuf kein Beruf aus Berufung mehr ist, sondern schlicht und einfach ein Job wie jeder andere, nur mit mehr Urlaub.

Ich selbst habe aufgrund meiner Selbständigkeit schon mehrfach von studentischen Aushilfskräften die Aussage gehört, dass das Abitur nicht so prickelnd war und sie nun eben planen Lehrer zu werden, denn dafür würde es ja ausreichen.

Früher war es so, dass Lehrkräfte den Schülern anboten, nach Schulschluß noch da zu bleiben um evtl. Punkte aus dem Unterricht noch mal zu erklären, auch hatten wir die Telefonnummern unserer Lehrer immer zur Verfügung und konnten diese auch am nachmittag anrufen, wenn etwas nicht klar war.
Mittlerweile ist es so, dass die Lehrkräfte nicht mal mehr im Telefonbuch eingetragen sind und man als Mutter oder Vater keine Möglichkeit hat, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen. Man sollte sich an die wöchentliche Sprechstunde, die um 11 Uhr vormittags stattfindet, halten. Wie soll das gehen, wenn man ganztags berufstätig ist und nicht gerade um die Ecke arbeitet?

Heute ist es schon bald so, dass die Lehrer die Schule vor den Schülern verlassen.

Ich sehe es inzwischen auch als Nachteil, dass meine Tochter an der betreffenden Schule Gastschülerin ist. Das war aufgrund des angschlossenen Hortes notwendig. Ich glaube auch, dass sie dadurch wie ein Exot betrachtet wird. Dass sie Hortgeherin ist, ist den Lehrkräften ebenfalls ein Dorn im Auge. Aber was will man machen, wenn man zur Arbeit gezwungen ist? Ich persönlich verstehe die Welt nicht mehr und weiß mich auch nicht zu wehren.

In den nächsten 2 Wochen habe ich mit meiner Tochter einen Termin bei einer Heilpraktikerin, vielleicht hat die ja eine Möglichkeit, irgend wie zu helfen und die Lehrkraft ist dann auch wieder beruhigter, weil ich sie wieder mal zu einer Untersuchung geschleppt habe.

So, jetzt habe ich Sie als seelischen Mülleimer für meine Probleme benutzt, ich hoffe, dass Sie mir das nachsehen, aber vielleicht haben Sie einen Rat für mich. Ich glaube auch, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und ein schönes Wochenende
Andrea