Elternkummer

Sechs Kinder, Vater krank -
Kinderbetreuung durch Mutter?
Behörde: "Nein! Kinder weg."

1. Zuschrift von Andrea B.

29. Oktober 2003

Sehr geehrte Frau Jäckel,

Ihr Buch "Im Stich gelassen - Warum Frauen sich von ihren Kndern lossagen", das ich kürzlich günstig kaufen konnte, hat mich so berührt, dass ich es nahezu in einem Stück gelesen habe.

Ich bin selber Mutter von 6 Kindern im Alter von 19, 19, 12, 11, 7 und 1 Jahr, und ich bin froh, sagen zu können, dass ich mit meinem Mann und unseren Kindern so harmonisch zusammenleben kann.

Doch ich muss auch sagen, dass wir, besonders die älteren Kinder, dafür einen hohen Preis zahlen müssen. Eine Geschichte wie die unsrige dürfte es gemäß den geltenden Gesetzen unseres Landes und nach einhelliger Meinung von Spitzenpolitikern und einfachen Bürgern eigentlich gar nicht geben, -- doch wie unser Sozialstaat zu sein vorgibt, und wie er wirklich ist, sind zweierlei.

Für den Fall, dass Sie sich also auch für unsere Geschichte interessieren sollten, möchte ich Sie Ihnen hier ganz knapp erzählen:

Unser Familieneinkommen liegt bereits seit knapp 4 Jahren deutlich, zeitweise sogar drastisch unterhalb der Sozialhilfe (Kindergeld, unregelmäßige Einkünfte aus VHS-Lehrtätigkeit), nachdem ich im November 1999 nach 14-monatiger Erwerbstätigkeit meinen Arbeitsplatz (4 Stunden täglich) aus familiären Gründen wieder kündigen musste.

Seither versucht der Sozialhilfeträger mich zum Schaden unserer Kinder zu einer Erwerbsarbeit (mein Mann ist erwerbsunfähig) und notfalls Fremdbetreuung unserer Kinder zu zwingen, indem er uns seit Jahren die beantragte Sozialhilfe verweigert, zunächst wegen angeblicher Arbeitsverweigerung (jedoch genannt "fehlende Mitwirkung", so dass in Folge auch der Sozialhilfeanspruch der Kinder verneint werden konnte), später wegen Zweifeln an der Hilfebedürftigkeit, denn es WIDERSPRÄCHE DER LEBENSERFAHRUNG, dass eine Familie über mehrere Monate von einem EINKOMMEN UNTERHALB DER SOZIALHILFE LEBEN KÖNNE, so dass VERBORGENE EINKÜNFTE ANZUNEHMEN seien!

Zwar haben wir seit Juli 2000 gegen die Ablehnungsbescheide immer wieder Klage erhoben, doch bisher ist, abgesehen von einem Erörterungstermin im Juli 2003, noch nicht einmal in der 1. Instanz verhandelt worden und dies, obwohl es doch gerade die Aufgabe der Sozialhilfe ist, eine GEGENWÄRTIGE Notlage zubeheben.

Um in der Wartezeit bis zur gerichtlichen Entscheidung unseren Lebensunterhalt auf einem menschenwürdigen Niveau zu sichern, habe ich zahlreiche einstweilige Anordnungen beantragt. Doch was bei einem Buch von Dieter Bohlen so leicht zu erreichen ist, funktioniert bei der Sozialhilfe überhaupt nicht:
Der VORLÄUFIGE RECHTSSCHUTZ ist derart PERVERTIERT, dass er sowohl vom Verwaltungsgericht als auch vom Oberverwaltungsgericht NRW nur noch dann gewährt wird, wenn es dem Hilfesuchenden bereits im Eilverhahren gelingt, nachzuweisen, dass er im Hauptverfahren siegen wird, freilich ohne die Beweismittel eines Hauptsacheverfahrens (z.B. Zeugenbefragung, ausreichende Zeit, bei Unklarheiten Nachfragen durch das Gericht usw.)zur Verfügung zu haben: nahezu aussichtslos, denn ich müsste zweifelsfrei glaubhaft machen (= physikalisch beweisen), dass wir NICHT über verborgene Einkünfte verfügen, was schon aus der Natur der Sache heraus gar nicht möglich ist!

Auch unsere Beschwerden beim Bundesverfassungsgericht wegen Verletzung der Menschenwürde, des Schutzes der Familie und insbesondere wegen Verletzung des Rechts auf gerichtlichen Rechtsschutz (während der Rechtsklärungsphase) blieben erfolglos - nicht zur Entscheidung angenommen!

Vielleicht findet sich irgendwann ein Verfassungsrechtler, der der Beschwerde aufgrund seiner Fachkenntnisse doch noch zum Erfolg verhelfen könnte (Ich befürchte, Fachanwälte des Sozialhilferechts sind hier schon ein wenig betriebsblind geworden).

Dies ist nur eine grobe Schilderung der Ereignisse. Es ist in Wirklichkeit natürlich alles etwas komplizierter. Wenn Sie gern mehr erfahren möchten, können Sie sich jederzeit am besten schriftlich oder telefonisch an mich wenden (mein Postfach wird nicht sehr regelmäßig nach Nachrichten durchforstet, denn wir müssen jedesmal erst ein Kabel vom PC zum Telefon verlegen).

Ich bedanke mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, diese Email zulesen.

Mit freundlichem Gruß
Andrea B.