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ElternkummerSechs Kinder, Vater krank -
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3. Antwort von Karin Jäckel |
25. Mai 2004 |
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Liebe Frau B., das Bundesverfassungsgericht macht es sich erstaunlich oft leicht, Klagen wegen Formfehlern oder aus anderen Gründen abzulehnen, die es dann nicht einmal erklärend ausführt. Eine unbegründete Ablehnung muss genügen. Wie ich Ihnen bereits in meiner letzten e-mail schrieb, kenne ich keinen Juristen, der sich Ihrer Sache kostenlos oder gegen PkH vor dem Europäischen Menschenrechtegerichtshof annehmen würde. Aber ich weise Sie nochmals auf die Internetseite www.orbation.de hin, deren Besitzer Sie eventuell beraten würde. Ja, ein Erziehungsgehalt befürworte ich allerdings. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses entscheidend dazu beitragen würde, dass wieder mehr Kinder geboren werden würden, denn Eltern wünschen sich Kinder, für die sie selbst Zeit haben und die sie selbst erziehen können. Sie wünschen sich aber keine Kinder, die von Anfang an in die professionelle Fremdbetreuung abgeschoben werden müssen, weil nur beide Eltern zusammen knapp das Geld verdienen, was sie zum Lebensunterhalt der Familie brauchen. Für die eigenen Kinder nur Zahlvater und Zahlmutter zu sein, ist nicht erstrebenswert. Würde Eltern bis mindestens zum neunten Lebensjahr des jüngsten Kindes ein Erziehungsgehalt gezahlt und danach eine Arbeitsplatzgarantie zustehen, wäre das allseits immer lauter beklagte Problem der elterlichen Vernachlässigung, Vereinsamung und Verwahrlosung von Kindern weitaus geringer als heute. Und ebenso würde sich die traurige schulische Bilanz all der Kinder, denen sich daheim niemand mit Geduld und Freude widmen kann, nach oben entwickeln. Kinder der Jetztzeit sind nämlich nicht dümmer als früher diejenigen es waren, die heute in Führungspositionen sitzen und unseren Kindern den Stempel der Hirnlosigkeit und des Faulenzes aufdrücken. Ich würde gern mal die Zeugnisse derer sehen wollen, die heutigen Kindern gute Noten, Versetzungen, Lehrstellen und Studienplätze verweigern. Ich bin sicher, viele der Damen und Herren würden bei heutigen Leistungsabfragen und Aufnahmeprüfungen mit ihren eigenen Noten ganz schön alt aussehen und zu denen gehören, welche sie heute so rigoros als "zu schlecht", "zu faul", "zu ungebildet" verwerfen. Mir sind jedenfalls nicht wenige Unternehmerinnen und Unternehmer bekannt, deren schulische Qualifikation mit Ach und Krach für einen Volksschulabschluss reichte, der sich heute noch mit "Fehlern wie Hasen" in ihren Geschäftsbriefen und Rechnungen bemerkbar machen würde, gäbe es kein Rechtschreibprogramm am PC. Ganz zu schweigen davon, dass sich die Damen und Herren ihre Reden von anderen schreiben lassen. Und wenn ich mich an eigene Schulzeiten und Studentenjahre erinnere, dann wurden am häufigsten diejenigen Lehrerinnen und Lehrer, die sonst nichts mehr wurden, weil sie den Numerus Clausus nicht schafften. Und weil man für die unübertrefflich langen Ferien und den Beamtenstatus die schon damals als "Schülermaterial" bezeichneten Kinder hinnahm. Es ist noch gar nicht so lange her, da sagte mir ein stellvertretender Kultusminister, wenn er alle unfähigen Lehrer entlassen müsse, habe er ja niemanden mehr im Unterricht. - Aber Pisa ist ja allein Schuld der dummen Kinder... Übrigens ist es auch kein Geheimnis, dass die meisten Politikerinnen und Politiker in ihrem früheren Berufsleben mal Lehrerinnen und Lehrer waren. Die Damen und Herren auf den zuständigen Ministersesseln vergessen bei all ihrer Abwertung heutiger Kinder eines, und zwar, dass sie selbst als Kinder noch überwiegend das Glück hatten, mit Eltern aufzuwachsen, die ihnen heile Familien boten; einen Vater, der vermutlich hart arbeitete, aber präsent war, und eine Mutter, die zu Hause ebenfalls hart arbeitete, doch einfach da war, wenn sie von ihren Kindern gebraucht wurde. Dieses warme Nest, aus dem die damaligen Kinder, in Beständigkeit und Liebe gefestigt, flügge werden konnten, - auch wenn sie vielleicht weniger laissez-faire und mehr erzieherische Strenge erfuhren - ist heutigen Kindern allzu oft entrissen. Man denke nur an Trennungs- und Scheidungskinder, die im weit überwiegenden Maße einen Elternteil, meist den Vater, verlieren. Allein aus Scheidungen kommen alljährlich rund 160 000 neue Kinder zu dieser elternamputierten Gruppe hinzu. Dass Kinder Nesthocker sind und wie kleine Vögel, die zu früh aus dem Nest fielen, nur selten ausreichend umsorgt und umhegt werden, wenn sie ihre Eltern täglich bloß kurz vor dem Schlafengehen im Feierabendstress erleben, wird von den verantwortlichen Alten verdrängt. Stattdessen geben sie den Kindern die Schuld, wenn diese durch den Zeitmangel der Eltern in ihrer Persönlichkeitsentwicklung geschwächt werden und an den Anforderungen des Lebens immer öfter scheitern. Aus diesem Grund spreche ich mich auch gegen flächendeckende Ganztagsschulen mit Zwangseinschulungen und gegen eine Einschulung von Vier- bis Fünfjährigen aus. Kinder sind nun mal keine zu kurz geratenen Erwachsenen. Sie verkraften keinen Leistungsdrill von mehr Arbeitsstunden als ihre erwachsenen Lehrkräfte im Schulleben aufbringen müssen. Und sie haben auch kein Bedürfnis nach wechselnden Bezugs- und beliebigen Betreuungspersonen, wie dies Erwachsenen gefallen mag, die heutzutage ja erschreckend nicht einmal in der Lage sind, eine monogam Lebensbeziehung zu pflegen und auf Dauer zu leben. Kinder wollen und brauchen ihre beiden Eltern und ihre eigene heile Familie, in der sie geliebt, beschützt und gefördert werden. Was immer ihnen die Politik mit Ganztagsbetreuungen anzubieten hat, ist ein trauriger, völlig unzureichender Ersatz. Aber was will man von ex-Lehrerinnen und ex-Lehrern anderes erwarten, als den Schrei nach mehr Lehrer fürs Kind? Welche Einbildung von diesen Damen und Herren oft ausgeht, habe ich in meiner eigenen Schulzeit, die mich quer durch Deutschlands Länder führte, sowie in meiner Studentenzeit und auch als Mutter dreier Kinder immer wieder erlebt. Ein besonders markanter Satz fiel zum Beispiel, als ich mich mal bei einem Grundschulrektor beschwerte, der meinem Kind allein deshalb, weil dieses nicht am freiwilligen Vorlesewettbewerb teilnehmen wollte: "Du soziales Schwein!" von der Schultreppe auf den Heimweg hinterher brüllte. Mit diesem Satz konfrontiert, überkam den Herrn Rektor keineswegs so etwas wie Scham. Im Gegenteil, sein Kommentar lautete: "Wenn Leute wie wir nicht wären, würden Leute wie Sie noch als Affen auf den Bäumen hocken." Sie sehen, liebe Frau B., beim Thema Kinder finde auch ich kein Ende ;-> Trotzdem genug für heute Karin Jäckel |