Elternkummer

Schon mal geschlagen worden, weil du ein Kind bist?

Antwort von Karin Jäckel

28. Februar   2005

Der Wille zur Veränderung

Hallo, Kathy,

es ist schwer, Ihnen zu antworten, weil ich Ihnen ganz sicher nicht weh tun will, Ihnen aber voraussichtlich dennoch weh tun werde, denn ich kann Ihnen nicht in dem Maße zustimmen, wie Sie dies wahrscheinlich erwarten. Manches, von dem, was ich Ihnen antworte, wird Sie vermutlich in Ihrer Enttäuschung bestätigen und Ihnen den Eindruck vermitteln, abermals nicht verstanden und nicht akzeptiert worden zu sein.

Dass meine Antwort bei Ihnen so ankommen könnte, nehme ich auf Grund langjähriger Erfahrungen im direkten Umgang mit Menschen aller Altersgruppen an, die Kindesmissbrauch und andere Gewalt erlitten und noch keine therapeutische Hilfe gefunden haben.

Ich hatte die Wahl, Ihnen gar nicht zu antworten und damit das Risiko auszuschalten, dass meine Worte Sie verletzen könnten. Dann aber hätte mein Schweigen Sie verletzt. Oder Ihnen Larifari zu schreiben, anstatt Sie ernst zu nehmen. Damit hätte ich Ihnen vielleicht etwas vorgemacht, aber genau dadurch Ihre Würde verletzt.
Da ich weder dies noch das will, entschließe ich mich, Ihnen trotz des Risikos, von Ihnen missverstanden zu werden, zu schreiben, was mir einfällt, wenn ich über Ihre Nachricht nachdenke.

Ihren Satz: "Es steckt viel mehr dahinter, als sie in der Öffentlichket wahrnehmen." unterstreiche ich. Genau so ist es. Jeder von uns schottet sein Privatleben so gut wie möglich ab und versucht, nach außen hin optimal zu funktionieren und sich nicht beim Blick durch fremde Schlüssellöcher erwischen zu lassen. Leider passiert hinter den Türen nicht nur Angenehmes.

Im Gegensatz zu Ihren Vermutungen, weiß ich sehr genau, wovon Sie mir schreiben. Man muss nicht selbst gestorben sein, um einen Sterbenden zu trösten und zu trauern.

Und wenn es auch schwer ist, erlittene Gewalt zu verwinden, so ist es doch möglich. Mit und auch ohne Therapie. Eine der Voraussetzungen dafür ist der eigene Wille, etwas zu verändern und diese Veränderung trotz aller damit verbundenen Ängste und Schwächen herbei zu führen und auszuhalten.

Ihren Anklagen entnehme ich, dass es Ihnen nicht gelungen ist, einen sofort freien Therapieplatz zu finden. Leider sind Therapieplätze für alle Menschen Mangelware, nicht nur für Sozialhilfeempfänger/innen. Der Bedarf an kostenlosen Therapieplätzen wächst schneller als das Geld aus den Taschen der Sozialabgabenzahler fließen kann.

Das Warten kann man jedoch überbrücken, indem man sich beispielsweise einer Selbsthilfegruppe anschließt, die von zahlreichen gemeinnützigen Vereinen getragen werden, welche sich mit Opferschutz befassen. Vereine, die gegen sexuellen Kindesmissbrauch und häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder agieren, finden sich in nahezu jeder Stadt. Oftmals werden die Gruppen therapeutisch betreut.
Auch Sie könnten in einer solchen Gruppe Unterstützung zur Lösung Ihrer Probleme finden.

Sie schreiben, dass und welche sehr persönlichen Gründe Sie haben, den Mann nicht zu verlassen, der Ihnen das Leben zur Hölle und Ihr Kind wohl auch nicht glücklich macht. Zuerst war es Liebe, schreiben Sie, dann Ihre Mutterfürsorge für das Kind, übrig blieb nun das Geld. 200 Euro monatlich, die Sie von seinem Einkommen brauchen, um Ihren Lebensunterhalt zu finanzieren und Ihr Studium zu Ende zu bringen. 200 Euro für die Sie bezahlen, indem Sie sich vergewaltigen, misshandeln, demütigen und mitsamt deinem Kind in Lebensgefahr bringen lassen.

Sie schreien - ich höre und verstehe den Aufschrei in Ihrer E-Mail - nach dem Sozialstaat, nach der besseren Krankenkassenversorgung, nach mehr Geld, nach mehr Versorgung, nach der Emanzipation, nach irgendjemandem, der den Mann an Ihrer Seite für seine Straftaten zur Rechenschaft zieht und der Ihre Probleme löst. Letztlich schreien Sie nach Liebe.

Es tut mir Leid, dass Ihre Eltern in ihrer Elternaufgabe versagt und Ihnen die Liebe nicht geschenkt haben, die Sie als Kind brauchten. In diesem Mangel liegt, wie Sie richtig erkennen, das Leid Ihrer Gegenwart.

Trotzdem kann Ihnen niemand helfen, wenn Sie selbst sich nicht helfen wollen, sondern in der Agonie des verlassenen Kindes und seinen Hilfeschreien stehen bleiben.

Ich kann Ihnen nur raten, allen Mut und Überlebenswillen zu sammeln, der in Ihnen ist, Ihr Kind zu nehmen und den Mann zu verlassen, der Ihnen all das antut, was Sie mir schildern. Der Gesetzgeber unseres Sozialstaates bietet Ihnen jeden Schutz an, wenn es um häusliche Gewalt geht. Rufen Sie die Polizei, wenn Sie Angst haben oder misshandelt werden. Die Beamten werden kommen und den Mann aus der Wohnung entfernen. Oder suchen Sie Schutz in einem Frauenhaus. Man wird Sie dort mitsamt Ihrem Kind aufnehmen und Lösungen für die Fortsetzung Ihres Studiums mit Ihnen suchen.

Emanzipation gibt es nicht von außen; die muss in Ihnen selbst passieren. Dazu gehört auch, sich den eigenen Wert bewusst zu machen. 200 Euro sind viel Geld. Aber meines Erachtens ist kein Geld der Welt es wert, dass man sich dafür Gewalt antun lassen muss oder antun lässt. Und "Hartz IV", was Ihnen offensichtlich perverser vorkommt als Gewalt für 200 Euro, ist meiner Meinung nach zwar kein Luxus, aber garantiert die angenehmere Alternative.

Sie prangern den Sozialstaat an, dessen soziale Leistungen Ihnen zu gering erscheinen. Mit dieser Meinung stehen Sie nicht allein. Und einfach ist es nicht, wenn man ein Kind hat und studieren will. Dennoch ist es eine objektiv richtige Tatsache, dass man Schwangerschaften weitestgehend sicher verhüten kann und leider keine Reichtümer aus leeren Kassen zu vergeben sind, aus denen man nichts nehmen kann, was man nicht zuvor hinein gezahlt hat. Ebenso objektiv richtig ist, dass die sozialen Leistungen, die Sie bisher empfangen konnten, ausgereicht haben, sowohl Ihren arbeitsscheuen Partner als auch Sie selbst, Ihr Kind und Ihr Studium zu finanzieren, welches Sie an einer aus Steuermitteln finanzierten Universität an einem ebenfalls aus Steuermitteln finanzierten Studienplatz absolvieren.
Ich finde, das ist gar nicht so wenig. Und vermutlich hätten Sie wohl ohne diese sozialen Leistungen gar nicht studieren können, nicht wahr?

Wahrscheinlich denken Sie jetzt, ich hätte Sie nicht im Geringsten verstanden und wolle Sie zur Dankbarkeit anregen. Das trifft jedoch nicht zu. Ich möchte Sie dazu motivieren, Ihre persönliche Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten und auf diese Weise neu zu durchdenken, weil ich hoffe, dass Sie dann die Kraft haben werden, sich aus Ihrer miserablen Lage zu befreien und einen Neustart in Ihr eigenes Leben zu wagen.

Ich wünsche Ihnen sehr, dass dies gelingt.

Karin