Elternkummer

Hilfe, wir kriegen ein Kind,
und ich begehre eine Andere

Mike

14. Februar  2005

Selbstkritik ist der erste Schritt

2. Antwort von Karin Jäckel

16. Februar 2005

Hallo, Mike,

so generell kann das sicher niemand beantworten.

Ich meine, dass Sie mit xx Jahren ein junger Ehemann und Vater sind, dessen Lebenszeit ja tatsächlich noch am Anfang steht und der sicher nicht abgeklärt auf sein pralles, "abgelebtes" Leben zurück schaut. Das heißt, es ist nicht erstaunlich, dass Sie sich jung und neugierig aufs Leben fühlen und den Eindruck haben, etwas zu verpassen, wenn Sie sich jetzt schon freiwillig dieser oder jener Verlockung verweigern müssen.

Dass Ihnen diese Bedenken ausgerechnet jetzt bewusst werden, könnte durchaus mit der neuen Vaterschaft zusammen hängen. Viele und nicht nur sehr junge Väter neigen dazu, vor dieser Verantwortung flüchten zu wollen, welche aus ihnen binnen weniger Monate einen "Senior" macht und ihnen das Beispiel des eigenen Vaters vor Augen führt.

Vielleicht haben Sie Lust, sich meinen im Januar des Jahres erschienen Ratgeber "Vater werden" (Rowohlt) durchzulesen? Da finden Sie u.a. speziell zu diesem Thema viel Wissenswertes.

Dass Sie sich nicht die Augen verbinden müssen, wenn Sie verheiratet und Vater werden oder sind, ist ja wohl klar. Schließlich wird man nicht automatisch immun gegen Schönheit und das erotische Charisma anderer Menschen oder impotent, wenn es nicht die Ehefrau oder der Ehemann ist. Und eine selbstbewusste Frau wird sicher kein Problem damit haben, dass der Mann, den sie liebt, nicht blind neben ihr her stolpert, sondern trotz seiner Empfänglichkeit für weibliche Schönheit "ihr" Mann bleiben will. Welche Frau will denn schon einen Mann, den keine andere will?
Das ist auch heute noch trotz aller Emanzipation wie mit dem berühmten "Falken", den sich die Edelfrauen alter Zeiten zogen und gerade darum liebten, weil er ein wildes Tier blieb und den Himmel auf seinen Schwingen erstürmte und dennoch freiwillig zu ihnen kam, sobald sie ihm den Arm zum Geleit anboten.

Wenn Sie Ihrer Frau treu sein wollen, werden Sie ihr treu sein. Egal, wie viele Verlockungen und Versuchungen in Ihrem Leben auftauchen. Wollen Sie es nicht, werden Sie es nicht sein.

Und wenn Sie es wollten, aber trotzdem nicht zu sich selbst und Ihrem Willen standen, dann werden Sie vermutlich viele Erklärungen dafür (er)finden, warum Sie nicht treu waren. Man neigt ja dazu, sich Erlaubnisse selbst zu erteilen, indem man Gründe und Entschuldigungen (er)findet. Letztlich betrügen Sie sich mit einer solchen Willensschwäche jedoch nicht nur Ihre Frau, sondern sich selbst, denn wer seiner selbst nicht Meister ist, bleibt ein Narr sein Leben lang.

Bedenklich finde ich, dass Sie von vorn herein Ihre Treuefähigkeit in Frage stellen und sich selbst so wenig Vertrauen entgegen bringen, dass Sie sich grundsätzlich bei jeder Versuchung in Versuchung gebracht fühlen und fürchten, quasi triebgesteuert, ohne freie Willensentscheidung, verführbar zu sein und willenlos mitmachen zu müssen.

Grundsätzlich ist jeder Mensch mit der Fähigkeit zum festen Willen ausgestattet. Aber wie sagt doch schon die Bibel: Wenn der geistige Wille nicht fest ist, so bleibt das "Fleisch" willig und schwach.

Deshalb nochmals: Schauen Sie in sich selbst hinein. Hinterfragen Sie, was Sie denken und tun. Nicht nur jetzt, sondern generell. Es hilft, sich jeden Abend im Stillen Rechenschaft über den Tag abzulegen und sich dabei nicht auf (er)fundene Allgemeinplätze zu verlegen.

Da Sie nichts darüber schreiben, stellt sich die Frage, ob Sie Ihre Frau lieben. Darauf erwarte ich keine Antwort. Es ist sehr privat.

Interessant ist, dass sich bei dieser Frage stets die abenteuerlichsten Antworten und Facetten des Gefühls Liebe ergeben. Eine davon ist die Behauptung, Sex habe nichts mit Liebe zu tun. Es handele sich dabei lediglich um chemische Reaktionen und hormonelle Zwänge. Insofern bedeute ein Seitensprung keine Liebe und auch keine Untreue, denn Treue habe nichts mit dem Körper, sondern allein mit der Seele oder dem Herzen zu tun. Sex geschehe, weil der Körper es verlange. Liebe empfinde man für die Frau oder den Mann des Lebens.

Meiner Meinung nach ist das weiter nichts als eine dieser selbst erteilten Erlaubnisse zum Betrug durch das Erfinden mehr oder minder kreativer Berechtigungsgründe für das, was man tut, obwohl man es nicht getan haben sollte und das auch genau weiß.

Ich bin überzeugt, dass man einen Menschen, mit dem man unbedingt alt werden will, weil mit ihm zusammen zu sein, das Leben so viel schöner macht, in keiner Weise und zu keiner Zeit gegen einen anderen austauschen will und würde. Auch dann nicht, wenn man den Kitzel der Versuchung spürt. Nur einem solchen Menschen, den man weder verlieren, noch so sehr verletzen will, dass er für immer gehen könnte, ist man treu und hat dann auch kein Problem damit, diese Treue zu leben.

Wie Sie's diesbezüglich mit der Liebe zu Ihrer Frau halten, können nur Sie sich beantworten.

Ich frage mich momentan, warum Sie nicht zuverlässig eine Schwangerschaft verhütet und mit dem Heiraten nicht gewartet haben? Wäre es angesichts Ihrer Zweifel nicht klüger gewesen, sich mit Ehe und Kind(ern) noch etwas Zeit zu lassen und sich erst einmal selbst kennen zu lernen, um zu wissen, was man will und was nicht?

Sich selbst zu prüfen und kennen zu lernen, dazu ist es freilich nie zu spät. Das ist wieder so eine Frage des Willens.

Ich finde, schon mit Ihrem Nachdenken über Ihre Situation haben Sie einen großen Schritt zur Selbstfindung gewagt. Das gibt Anlass zur Annahme, dass Sie trotz aller Ihrer Verführbarkeit und Selbstzweifel - oder gerade deswegen - ein selbstkritischer Mensch sind, der nicht in jede Falle stolpern, sondern seinen Lebensweg erfolgreich gehen wird und mit dem Ihre Frau und Ihr Kind glücklich sein werden.

Zumindest ist das mein Wunsch für Sie und Ihre Familie,

Karin