Leseprobe

"Betrug in der Partnerschaft"

Betrogene Liebe -
Das Aus einer Partnerschaft?

Die Mehrheit aller >Tandem<-Beziehungen, in denen Untreue gleich Vertrauensbruch das Gleichgewicht und die Fahrtüchtigkeit des gemeinsamen Lebensfahrzeugs beeinträchtigen, endet sozusagen auf dem Schrott. Jede zweite Ehe bröckelt und jede dritte Ehe wird geschieden. Wieviel freie Lebensgemeinschaften schwerwiegende Probleme nicht überstehen, bleibt zudem im dunkeln.

Fest steht, daß die Vorstellung von Monogamie, Einehe also, unser Denken und Fühlen prägt, ungeachtet aller möglichen Ursachen oder Traditionen dieser Idee. Selbst regelmäßige Treuebrecher/innen gaben in Interviews an, fest von der Monogamie überzeugt zu sein. Ehe, so meinten sie, habe mit Liebe zu tun, Liebe aber nicht unbedingt etwas mit Sex. Sex, das sei nur Sache des Unterleibs, Liebe umfasse den ganzen Menschen, nicht nur Teile von ihm, nicht nur das Äußere, sondern vor allem die Seele.

Fest steht auch, daß eben dieser Monogamie-Gedanke dazu führt, daß weder Männer noch Frauen gewillt sind, Treuebruch und Seitensprung als Schicksal anzunehmen, sondern stattdessen sehr aktiv werden. Sei es, um die Partnerschaft zu retten, sei es, um die eigenen Unversehrtheit zu erneuern und der Partnerschaft ein Ende zu setzen.

Ebenso fest steht jedoch auch, daß diese Aktivität in den seltensten Fällen vorbeugend eingesetzt wird. Sie greift meist erst dann, wenn die Zweisamkeit ohnehin in Frage gestellt ist. Treuebruch bzw. Seitensprung ist stets nur die Spitze des Eisberges. So gut wie jedes betroffene Paar weiß, daß sich unter der schönen Fassade der scheinbar intakten Bindung im Laufe der Zeit ungeklärte Probleme, Ängste, Bitterkeiten, Unverständnis, Schmerz, Verletzenwollen und Verletztsein türmten. Innere Schutzräume wurden errichtet, um weiterem, künftigen Schmerz vorzubeugen. Und irgendwann waren diese Barrieren zu hoch, um darüber wegspringen zu können, ja, oft sogar zu hoch, den Partner jenseits überhaupt noch wahrnehmen zu können.

Liebe ist letztendlich das, was wir alle von unserem Partner fürs Leben erwarten. Wir haben einander geliebt, als wir uns an den anderen banden, einander Treue und Beständigkeit versprachen. Und wir waren sicher, dieses Gefühl werde das gegebene Wort bis ans Lebensende auf Flügeln tragen.

Doch die Euphorie des Glücks, in der Liebe des Partners geborgen, sicher und vollkommen angenommen zu sein, überspült nur eine Zeitlang alle Belange unseres Daseins. Fast unmerklich stumpfen unsere Sinne, unser Bewußtsein und auch die Fähigkeit ab, dieses Glück zu erkennen. Es ergeht uns mit der Liebe wie dem Bergbauern, der seine herrliche Alpenwelt nicht mit den Märchenaugen der Touristen sieht, oder wie dem Fischer, der die Schönheit des Meeres längst nicht mehr als Wunder erlebt. Fast unmerklich entwickeln wir uns weiter und auch weiter voneinander fort. Die Selbstverständlichkeit der Zweisamkeit und die nicht mehr bezweifelte Gewißheit, als Zentrum im Leben des Partners wichtig zu sein, scheint uns der Notwendigkeit zu entheben, an uns zu arbeiten, uns liebens- und begehrenswert, uns konkurrenzfähig zu erhalten.

Eine meiner Gesprächspartnerinnen faßte ihre Erfahrung in einen bitteren Satz:
"Als er mich erst mal rumgekriegt hatte, ich mit ihm geschlafen und mich irgendwie zu seinem Besitz hatte machen lassen, ließ er alle Hemmungen fallen und benahm sich vollkommen ungeniert, als wäre ich als eigene Person überhaupt nicht mehr vorhanden."

Ulrich, den ich in Goslar traf, hatte ähnliches erlebt. "Als ich sie kennenlernte, warf mich ihre Ausstrahlung innerlich total um. An ihr stimmte einfach alles:
Gesicht, Haare, Figur, Stimme, sogar ihr Verstand. Ich verliebte mich sofort, wußte sofort, die ist es, die will ich, jetzt und immer. Schon im ersten Ehejahr fing der Knatsch an. Sie sparte am Frisör, kaufte stattdessen Schokolade. Statt mit mir etwas zu unternehmen, wollte sie lieber schlafen. Sie hatte keine Lust auf Theater, höchstens auf Kino oder TV, hatte keine Lust zu lesen, sich in Kursen fortzubilden schon gar nicht. Sie ließ sich einfach hängen. Ich denke, sie hatte so etwas im Hinterkopf wie >Ich hab' ja einen eingefangen, jetzt kann ich mir's ruhig gemütlich machen. < Zuerst habe ich ihr noch höfliche Andeutungen gemacht von wegen Körner-Kur, Frisör oder so. Als ich dann merkte, daß sie das alles kalt ließ, habe ich auch nichts mehr gesagt. Sie ist schließlich erwachsen, muß wissen, was sie will. Aber ich konnte dann irgendwie nichts mehr mit ihr anfangen. Und dann war alles bloß noch Routine."

Spüren wir denn den Zeitpunkt wirklich nicht, an dem wir noch rettend eingreifen, die dünner werdende Gemeinsamkeit erneuern und festigen hätten können?

Oftmals vehement bestritten, bekannten sich viele meiner Interviewpartner zu ihrer besseren Erkenntnis. Sie gaben zu, aus innerer Trägheit, aus Gewohnheit und bewußter Verdrängung nichts unternommen zu haben.

"Es ist ja so verdammt schwer, aus deinem Trott auszubrechen", sagte Inge aus Worms. "Du bildest dir eben einfach ein, da wäre nichts. Und wenn du tausendmal weißt, da ist doch was. Solange du nichts anrührst, ist Ruhe. Und wenn du dir auch noch so viel vormachst. Du kannst immer noch damit leben. Besser vielleicht als mit der Wahrheit. Und dann machst du dir eben deine eigene Wahrheit und beißt jeden weg, der sie dir nehmen will."

Die Last des Alltags schützt uns alle vor einem Nachdenken in Richtungen, die uns schmerzen. Man kann sich nur zu gut hinter Pflichten, Arbeit, Geselligkeiten oder dem neuesten Fernsehfilm verstecken. Einfach so tun, als gäbe es nichts Wichtigeres. Dennoch prägt die Erwartungshaltung eines notwendig hereinbrechenden Unheils beide Partner über lange Zeiträume hinweg, vergleichbar mit der seelischen Angststarre des Kaninchens unter den Augen der Schlange.

Liebe, das Ja zueinander. Ehe mit oder Ohne Trauschein ist allen Enttäuschungen zum Trotz nichts, was übers Knie gebrochen, unbeschwerten Sinnes ad acta gelegt werden könnte. Die Betroffenen machen es sich nicht leicht, wobei einzuschränken bleibt, daß der betrogene Partner im Regelfall bedeutend engagierter um den Erhalt der Zweierbeziehung kämpft als der betrügende. Steht am Ende dieses Kampfes im Bewußtsein mindestens eines beider Partner die Erkenntnis fest, daß man nicht mehr geliebt wird, bzw. nicht mehr lieben kann, ist das Ende der Beziehung eingeläutet.

Britta

Ich bin 32 Jahre, geschieden, keine Kinder. Mein Beruf: Sekretärin.
Ich arbeite in einer kleinen Firma im Dienstleistungsbereich. Wir sind dort zwanzig Mitarbeiter plus Chef. Der Chef ist mein Liebhaber.

Zuerst war Werner nicht so mein Typ. Ich mag große blonde Typen mit Athletenfigur. Er ist ziemlich klein, ziemlich dick, ziemlich kahl. Auf den ersten Eindruck nichts für mich.

Von Anfang an behandelte er mich wie etwas Besonderes. Er veranlaßte zum Beispiel, daß immer frische Blumen bei mir standen. Ich bekam einen anatomisch geformten Stuhl, durfte Pause machen, wann ich wollte und wurde für Überstunden extra bezahlt.

Werner hat eine sehr nette, aufmerksame Art, mit Leuten umzugehen. Man kommt sich richtig beachtet und persönlich bekannt vor.

Ganz allmählich legte ich meine Hemmungen ab. Ich lernte >frisch gewagt< am Telefon zu sprechen, lernte mich modischer als zuvor zu kleiden, suchte regelmäßig Kosmetikerin, Masseur und Friseur auf, investierte in meine Person. Wenig später erfuhr ich, daß Werner nur Frauen mit sorgfältiger Aussprache in seinem Vorzimmer wollte. Meine Aussprache war eine Katastrophe. Ich sah ein, daß eine Zusatzausbildung unerläßlich war. Werner bewilligte einen Bildungsurlaub.

Damals war ich noch verheiratet. Mein Mann wollte nie, daß ich so in meinem Beruf aufginge. In seinen Augen ist ein Beruf für Frauen Luxus. Kinder, Küche, Kochtopf, die drei großen >Ks< bestimmen das Leben einer richtigen Frau.

Ich setzte mich über meine ehelichen Verpflichtungen hinweg, erhielt eine Kuradresse und fuhr los. Werner besuchte mich oft, mein Mann kam nie.

Ich gab seinem Werben nach. Die erste Nacht war so schön, wie ich Sex nie für möglich gehalten hatte. Mein Mann war ein ichbezogener Mensch. Werner macht es für uns beide schön. Von da an war ich Werner verfallen. Mein Mann merkte bald, was los war. Er ließ sich scheiden.

Werner, der auch verheiratet ist, vier Kinder hat, ordentliche Verhältnisse also, richtete mir eine kleine Wohnung ein. Ich wurde seine Dauergeliebte. Seine Frau weiß alles, gibt ihn aber nicht frei. Sie ist drei Jahre älter als er und glaubt, er findet zu ihr zurück.

Ich möchte oft Schluß machen, schaffe es aber nicht. Es ist eine total bescheuerte Situation.

Wenn Werner mit mir gesehen wird, schiebt er den Betrieb vor. Ich muß immer einen Block und Stift neben mich legen zur Tarnung. Nie kann ich Hand in Hand mit ihm gehen, immer nur heimlich, heimlich. Wissen Sie, wie das ist, wenn Sie mit dem, den Sie lieben, zusammen sind und plötzlich greift er nach dem Telefon und ruft seine Frau an, weil sie nicht mit dem Essen auf ihn warten soll? Mich macht das oft fast verrückt. Oder der Gedanke, er macht das, was er mit mir macht, mit ihr auch. Werner sagt zwar nein, es wäre schon lange nichts mehr zwischen ihnen. Aber ich muß trotzdem daran denken, wenn ich nachts oder am Wochenende ohne ihn rumhängen muß. Ich habe seine Frau schon mal anrufen wollen und so. Aber Werner sagt, nein, wenn ich das mache, sei alles aus. Er kann sie nicht verlassen. Die Firma gehört ihr zur Hälfte, das Haus ganz. Er wäre ruiniert. Wir könnten ja neu anfangen. Aber Werner sagt, nein, er sei zu alt. Mit 45 kann man nichts mehr aufbauen. Ich hätte gern ein Kind, aber Werner sagt, nein, das wolle er nicht. Er hätte seinen vier Kindern gegenüber ein dummes Gefühl. Und unser Kind dürfte ja nicht mal wissen, daß er der Vater ist. Ich überlege immer, ob ich die Pille absetzen soll. Es wäre ja mein Kind. Ich müßte ja damit zurecht kommen. Geld hätte ich schon genug für uns. Ich habe ein Mietshaus geerbt. Davon kann ich zur Not leben. Auch mit Kind. Werners Frau tut mir oft leid. Ich wollte nicht wie sie leben. Aber Werner sagt, sie würde nichts vermissen, so kalt und verständnislos und nur an Geld interessiert wie sie ist. Ich habe sie schon heimlich beobachtet. Sie ruft mich auch an und schaut im Büro vorbei. Sie kann sicher böse werden.

Mit meinem Mann habe ich keinen Kontakt mehr. Ich weiß nicht, ob mir alles leid tut. Oft schon.

Ich hatte es gut, eine schöne Wohnung, Urlaub. Im Bett naja, aber das ist ja nicht alles. Bestimmt hätten wir schon Kinder. Ich glaube, ich hätte Werner besser nie gesehen.

Sarah

Was ist das, Betrug in der Partnerschaft? Wo beginnt es für mich? Was habe ich damit zu tun? Fragen, die vorher und nachher gestellt werden. Mit dem Unterschied, daß sie vorher kopfmäßig und danach hautnah sind, sozusagen auf körperlicher Ebene spürbar. Wie das brennt und bohrt in einem! Wie die Panik den Kopf umhüllt, in tiefe Nebel taucht, keinen Schimmer Klarheit mehr zuläßt! Eines ist für mich klar: Das gehört mit zu einem der schlimmsten Gefühle. Manchmal glaube ich, so muß es gewesen sein früher, als sie nicht kamen, mich einfach schreien ließen. Dieser Schmerz ist mir irgendwo in meinem Innern bekannt. Klar ist auch, daß es nicht damit beginnt, daß mein Partner mit jemand anderem schläft. Was nicht heißt, daß dies nicht auch weh tut. Doch ich glaube, daß vor diesem Ereignis Dinge in der Beziehung passieren, die bis dahin führen und die nicht genügend geklärt sind. Wenn es soweit kommt, wie es bei uns der Fall war, daß aus diesem einmal häufiger wird und immer mit der gleichen Person, dann ist für mich die Unaufrichtigkeit so groß geworden, daß ich mich betroffen fühle. Was dazu kam, wir beide wußten, daß unsere Beziehung nicht mehr intakt ist. Aber wir haben es trotz dieses Wissens nicht geschafft, uns daran zu geben und etwas zur Besserung zu tun, an uns zu arbeiten. Wir haben es schleifen lassen, wobei mein Mann der größere Schleifer war. Er ist bequem. Jetzt im nachhinein ist uns klar geworden, daß er derjenige war oder ist, der wegläuft und ich diejenige, die verfolgt. Und vor lauter Laufen, bis einem die Zunge heraushängt, sind uns die wesentlichen Dinge verborgen geblieben. Dieser Tropfen auf den heißen Stein, der sogenannte Seitensprung, geschah vor etwa sieben Monaten. Aber die Kluft zwischen uns riß schon sehr viel früher auf.

Ich hatte schon vor zwei Jahren eine Eheberatungsstelle aufgesucht. (Wir hatten fast schon immer sexuelle Probleme, wobei ich sagen muß, daß ich die auch mit den Männern vor meinem Mann hatte.) Damals wollte mein Mann das nicht. Vor ein paar Monaten war er damit einverstanden, und wir waren einige Male zu Gesprächen bei einem Psychologen. Doch ich glaube, daß wir schon zu lange gewartet haben. In mir ist so wahnsinnig viel kaputt gegangen.

Die Lügereien! Ich bekam es zufällig raus. Und die Geschehnisse, die sich ereignet haben, stellten sich, nachdem ich davon erfahren hatte, in einem ganz anderen Licht dar. Auf einmal konnte ich Dinge, die passiert waren, viel besser nachvollziehen, weil ich nun den Hintergrund dazu wußte.

Wenn ich ein Fazit ziehe, stellt sich für mich der Betrug insofern dar, daß mein Mann mir vorgemacht hat, es wird schon alles, wir müssen nur Geduld haben, sich aber nicht aufraffen konnte, die Defizite in unserer Partnerschaft mit mir gemeinsam aufzuspüren und wenn möglich zu ändern. Er hat sich einfach nach außen orientiert und davongeschlichen. Er hat mich dabei immer auflaufen lassen, wenn ich mit meinem schlechten Gefühl der Distanz, dem Wunsch nach Nähe ankam und darüber reden wollte. Er hat alles lieber laufen lassen. Wir waren auch in einer sehr schwierigen Situation. Unser zweites Kind ist Anfang letzten Jahres geboren. Das hat viel Kraft gekostet. Die Arbeit meines Mannes war zu diesem Zeitpunkt besonders anstrengend; viele Überstunden etc. Wir hatten sehr wenig Zeit für uns und waren immer ausgepowert. Ich habe heute das Gefühl, wir haben versagt. In einer Lebenssituation, in der wir uns beide hätten helfen sollen, uns gegenseitig stützen, haben wir für uns nichts anderes tun können, als uns auseinander zu leben. Wir hatten füreinander wenig Verständnis; ich für seine Arbeitssituation, er für meine zu Hause mit den Kindern.

Seit etwa viereinhalb Jahren nehme ich regelmäßig an einer körperorientierten Selbsterfahrungsgruppe teil. Dazu bin ich aufgrund meiner sexuellen Probleme gekommen. In mir hat sich in dieser Zeit sehr viel geändert, doch habe ich es selten geschafft, dies in unsere Beziehung hineinzutragen. Auch sexuell ist vieles anders geworden bei mir. Das habe ich in den letzten Monaten gemerkt; mit anderen, nicht mit meinem Mann.

Nachdem unser zweites Kind ein halbes Jahr alt war, es war im Herbst '87, habe ich wieder mit der Gruppe angefangen und habe dort zwei-, dreimal intensiv gespürt, wie mies es bei uns zu Hause eigentlich war. Wieviel fehlt. Ich habe zum erstenmal richtig gespürt, wie tief die Kluft zwischen meinem Mann und mir war. Ich habe auch irgendwie ein Gespür für Heimlichkeiten entwickelt, die ab da immer häufiger auftraten. Wenn ich ihn darauf ansprach, nahm er mir meistens den Wind aus den Segeln, und ich fiel wieder in mich zusammen. Aber eine gewisse Stärke und Wut über unsere Situation wuchs doch immer mehr in mir, und es wurde mir auch immer klarer, daß es nicht mehr sehr viel länger tragbar war für mich. Als ich dann meinen Mann telefonisch in der Arbeit sprechen wollte und hörte, daß er einen Tag Urlaub genommen hatte - er war aber morgens ganz normal mit dem Hinweis gegangen, abends würde er noch einen Freund, den ich nicht kannte, besuchen und eventuell die Nacht da verbringen - hatte ich genug. Spontan kam mir erst mal die Idee, die Kinder einzupacken und abzuhauen. Doch bin ich in der sehr glücklichen Situation, daß ich gute Freundinnen habe, Menschen, die zuhören, mitdenken, kritisieren und auch Rat geben können. Das Telefon lief an diesem Tag bei mir heiß. Nach einem langen Gespräch wich die erste Panik, und ich fing an zu überlegen. Wäre ich meiner Spontanität gefolgt, dann wäre ich Gefahr gelaufen, als hysterische Alte zu gelten, die rumspinnt und gleich abhaut. Ich wußte ja definitiv noch nichts von einer anderen Frau. Ein Gespräch mit meinem Mann hätte sich dadurch auch erst mal hinausgezögert. Also entschloß ich mich, den Tag, die folgende Nacht, in der er tatsächlich nicht kam, und die Stunden bis zum Nachmittag irgendwie rumzubringen. Mir war der Gedanke, wenn er gegen 16.30 Uhr von der Arbeit kommt und wir hier nicht reden können, weil die Kinder hier rumspringen, so unerträglich, daß ich froh war, auf die Idee gekommen zu sein, in die Stadt zu fahren, bis die Kinder im Bett sind. Dazu kam ja auch, daß er morgens auf der Arbeit von meinem Anruf erfahren haben mußte und er somit ja den ganzen Tag Zeit hatte, sich zu überlegen, was er mir nun da erzählen könne. Seine Ankunft war dann auch recht typisch für ihn. Mit den Worten:
"Was war denn bei Dir gestern los? Was wolltest Du denn?" kam er die Tür rein; Strahlemann höchstpersönlich. Ich bin gar nicht darauf eingegangen, habe meine Jacke angezogen und gesagt: "Ich muß noch einkaufen." Und weg war ich. Da zitterten mir ganz schön die Knie. Ich hatte das Gefühl, nie mehr wird er so von der Arbeit nach Hause kommen. Er wird nie mehr dazu gehören.

Als ich dann gegen 20 Uhr nach Hause kam, die Kinder schliefen schon, war unser Gespräch eigentlich kurz und sachlich. Ich sagte, daß ich diese Heimlichkeiten und die Distanz nicht mehr wolle und aushaken könne und wir eine räumliche Trennung schaffen müßten. Wenn er nicht ausziehen würde, dann würd' ich das tun. Er ließ sich nach kurzem Zögern darauf ein. Außer, daß er meinte, daß es nicht gut war mit dem Urlaub, hatte er mir nichts erzählt. Klar war, da ist eine Frau, aber die war es ja nicht einzig und alleine. Im Grunde genommen war ich trotz meiner Verletztheit und Wut ein wenig froh darüber, daß es so gekommen war, sonst hätte ich vielleicht noch sehr viel länger gebraucht, um in unserer aus den Fugen geratenen Ehe Konsequenzen zu ziehen. Mein Mann ist Konflikten schon immer gerne aus dem Weg gegangen.

Das war kurz vor Weihnachten. Wir haben es dann auch noch geschafft, mit den Kindern das Fest zu verbringen. Anfang Januar zog mein Mann dann in ein möbliertes Zimmer. Neben dem Schmerz in meinem Bauch und dieser Dumpfheit in meinem Kopf, war ich trotz allem froh, ihn jetzt erst mal nicht mehr so oft sehen zu müssen. Wir mußten den Auszug ja auch unserer damals vierjährigen Tochter, die sehr an ihrem Vater hing, erklären. Das ist uns, für mein Empfinden, relativ gut gelungen.

Mein Mann wohnte dann im Personalwohnheim der Klinik, in der er arbeitete, und für meine Tochter war das alles so mit seiner Arbeit verbunden, daß sie das gar nicht so als Weggehen empfand. Für sie war's toll, daß ihr Vater jetzt von seinem Fenster die Klinik sehen konnte.

Bis heute - er wohnt mittlerweise wieder in der alten Wohngemeinschaft, in der wir mal zusammen gewohnt haben - ist es uns gelungen, nichts über die Kinder laufen zu lassen. Und es war mir nie daran gelegen, ihnen den Vater zu nehmen. Dazu habe ich nicht das Recht. Die drei lieben sich sehr, und er ist auch ein guter Vater. In dieser Beziehung konnte ich mich immer auf ihn verlassen. Und ich kann die Kinder gerne zu ihm gehen lassen. Ich habe Gott sei Dank nicht diesen Mutter-Exklusiv-Anspruch. Diese Klarheit, die da zwischen uns herrscht, hat meiner Ansicht nach viel dazu beigetragen, das Chaos und den Schaden für die Kinder möglichst gering zu halten. Sie haben bis heute keine Verhaltensänderung gezeigt und sind nach wie vor normale, aufgeweckte >Blagen<. Wobei ich natürlich nicht weiß, wieviel an Verborgenem da drinnen bei ihnen ruht.

Nun lebe ich ja schon seit einigen Monaten mit den Kindern alleine, und es hat verschiedene Phasen in diesem Zusammenleben gegeben. Aber wenn ich ein Fazit ziehe, muß ich feststellen, daß es sehr viel besser geht, als ich es mir je hätte träumen lassen.

Seit einiger Zeit ist es bei mir so, daß sich die Frage aufgetan hat, was schwerer ist, von einem Menschen Abschied zu nehmen oder von den Träumen und Illusionen, die man mit ihm hatte. Und ich habe mittlerweile schon sehr viel Abschied genommen. Ich merke, daß ich meinen Mann nicht mehr vermisse, daß mir nicht mehr fehlt, als was mir vorher auch schon gefehlt hätte. Ich habe gleichzeitig das Gefühl, die Energie, die ich früher dafür verwendet habe, dieses Loch, was ja schon lange da war, zu füllen, es nicht wahrnehmen zu wollen - Hoffnung ist der Frauen größter Feind -, nun für andere Dinge, die produktiver sind, zu verschwenden. Ich habe angefangen, meinem Geist auf die Sprünge zu helfen. Ich treffe mich regelmäßig mit Leuten, um über Literatur, Philosophie, Naturwissenschaften etc. zu sprechen. Wobei ich noch gar nicht so viel spreche, sondern eher noch staune, aus welch verschiedenen Perspektiven die Dinge des Lebens und die Menschen betrachtet werden können. Und daß es schon einiges gibt, was ich weiß und auch fühle. Kurz gesagt, ich erlebe jetzt viel mehr Möglichkeiten für mich. Meine Lebenslust hat sich gesteigert und auch meine sexuelle Lust. Manchmal habe ich sogar das kindische Gefühl, mir liegt die Welt zu Füßen. Ich muß sie nur annehmen und nicht darauf herumtrampeln und mich in meinem Elend suhlen. Wir stricken uns unsere Tragödien selbst, und ich möchte nicht mehr mit meinem Mann zusammen stricken. Bei ihm alleine und bei uns zusammen tut sich auch nicht viel. Ich möchte nicht an einen alten Zustand wieder anknüpfen.

Ich verstehe meinen Mann immer weniger. Sein Verhalten wird für mich immer paradoxer. So weiß er nicht, ob er mit mir eine Woche allein, ohne Kinder, in Urlaub fahren will, weil das vielleicht so anstrengend wird und er dann dafür eine Woche Urlaub geopfert hätte. Kann sich aber auf der anderen Seite vorstellen, ein Haus zu kaufen, in dem wir dann zusammen leben. Das mit dem Urlaub kam zustande, weil ich mich weigerte, mit ihm und den Kindern vier Wochen wegzufahren, als wenn nichts wäre. Eher wollte ich eine Woche mit ihm allein verbringen, da ich mir vorstellte, daß da einige klärende Dinge passieren könnten und man sich nicht mehr durch Windeln etc. ablenken kann. Es wäre sozusagen das letzte Ausreizen für mich gewesen. Wir haben ja nun mal die Kinder, und wir haben auch mal Ja zueinander gesagt. Ich wollte nicht zu schnell aufgeben. Ich wollte schon alle Möglichkeiten, die da sein könnten, ausschöpfen, obwohl mir mein Gefühl immer öfter sagt, da ist nichts mehr möglich. Aber ich habe ja lange Jahre gelernt, meinen Gefühlen zu mißtrauen. Mein Zögern ist noch ein Überbleibsel dessen oder das Ergebnis meines Lemens, alles miteinander zu verbinden: Vernunft, Gefühl, Geist; die Waage zu finden, in der ich auspendeln kann.

Der Betrug - ich habe es eigentlich lieber, das Wort Seitensprung zu benutzen - meines Mannes hat, im nachhinein gesehen, mehr positive als negative Aspekte, denn er öffnete uns die Augen über unsere schon lange brüchige Beziehung und trug gleichzeitig eine Bewegung hinein, deren Ende lange Zeit offen war.

Inzwischen weiß ich, daß mein Mann diese Frau, Freundin, immer noch hat. Sie hielt ihn zwar nicht ab, vor einiger Zeit mit mir auf seinen Wunsch hin zur Eheberatung zu gehen, um mir klar zu legen, wie wichtig die Familie für ihn wäre. Ich kann und will ihm aber nicht mehr vertrauen. Ich will jetzt die Trennung. Mein Mann gibt mir nicht das Gefühl, mich zu lieben. Er will nur ein bequemes Leben mit Familie und Freundin. So kann ich nicht leben. Lieber lebe ich allein.

Ich habe einen Rechtsanwalt eingeschaltet. Im Grund laufen nur noch formalistische Dinge ab.

Und ich hoffe, wir können uns, ohne schmutzige Wäsche zu waschen, in Ruhe scheiden lassen. Manchmal überkommt mich die Sentimentalität. Dann hänge ich Wünschen, Träumen nach und muß mir immer wieder klar machen, daß diese sich mit meinem Mann nie erfüllen könnten.

Was mir oft schwer fällt, ist die Einsamkeit am Abend. Ich habe nun mal die Kinder, kann abends nicht so oft weg. Zwar finde ich immer wieder eine Beschäftigung, aber...

Ich denke, irgendwie muß man's ertragen lernen. Ohne Märtyrertum! Einfach als die andere Seite des Lebens hinnehmen, die Kehrseite der schönen Momente. Daraus erwächst Stärke, Wissen. Ich kann unheimlich viel aushaken. So schnell haut mich nichts mehr um. Und das besänftigt dann den Schmerz, der immer noch da ist und wohl auch noch lange bleiben wird.