Buchbesprechungen

"Deutschland frißt seine Kinder"
Familien heute im Abseits

Familien heute im Abseits

Mittelbadische Presse Offenburg

24. November 2000

von S.Wagner-Köppel

Aufgefallen

Wer Kinder hat, muss kräftig in die Tasche langen, das weiß jede Familie. Aber viele wissen nicht um die Ungerechtigkeiten. Das fängt schon beim Urlaub an: Familien mit schulpflichtigen Kindern müssen während der Hauptreisezeit in Ferien gehen. Da kosten Unterkünfte manchmal fast das Doppelte von dem, was das gleiche Quartier in der Nebensaison kostet, wenn Singles und Kinderlose ihren Urlaub bu-chen. Die Reihe lässt sich fortsetzen, beispielsweise mit der Kleidung. Sie ist für Kids ungleich teurer als für Erwachsene. Kinder sind ein Segen, heißt es, aber wo bleibt der Geldsegen?
suwa

Es ist ihr eindeutig politischtes Buch:

Mit "Deutschland frißt seine Kinder; Familien heute: Ausgebeutet und ausgebrannt" (rororo, ISBN 3-499-60929-0 19,90 Mark) klagt die Oberkircher Autorin Dr. Karin Jäckel die Situation der Familien an. Familienpolitik in der heutigen Politiklandschaft ist nahc Auffassung der Schriftstellerin nur ein Lippenbekenntnis.

Und wenn Familienförderung, dann ist es überwiegend Frauenförderung. Und darin liegt ihrer Meinung nach die Brisanz der Thematik. Das Hauptaugenmerk der Familienpolitik liegt nämlich laut Aussage von Dr.Bergmann auf der "erwerbstätigen jungen Frau." Aber eine Familienministerin sollte mehr im Blick haben als nur die junge Frau. Kinder in die Fremdbetreuung geben, damit die Frauen arbeiten können, ist Ziel Familienpolitik. Nachweislich hätte jedoch die Mehrheit der Frauen gern mehr Kinder, mehr Zeit für den Nachwuchs. "Aber sie können es sich nicht leisten," zieht Karin Jäckel Bilanz.

So fordert die engagierte Autorin zunächst ein Erziehungsgehalt für die Eltern beziehzungsweise den Erziehenden, egal ob Mann oder Frau. Denn Kinder kosten Geld. Laut statistischem Bundesamt, daß die Bedürfnisse der Acht- bis Zehnjährigen errechnete, monatlich mindestens 576 Mark. laut umfassenderen Studien müssen Kinder bis zu ihrem 18. Lebensjahr, spätesteres Studium einmal nicht mitgerechnet, rund 1400 Mark im Monat aufgebracht werden. Da müssen Bedürfnisse der Familie zurückgeschraubt werden, wenn nur ein Verdienst gerechnet werden kann.

Also müssen Eltern immer öfter beide Elternteile arbeiten, rutschen immer mehr Voll-und Teilfamilien in die Armut ab. Schon heute stellen Alleinerziehende und einkommensschwächere Familienväter das Gros der Sozialhilfeempfänger. Kinder werden also zum Armutsfaktor ihrer Eltern, formuliert die Autorin bewußt provokant.

Unzureichend geschützt

Obwohl die Familien vom Staat völlig unzureichend geschützt werden, müssen diese später auch noch für die Rentner aufkommen. Sie tragen erst die eigenen Lasten und später werden die der anderen, die keine Kinder haben noch draufgesattelt. Das ist nach Ansicht Dr. Jäckels ungerecht. kosten für Kinder sind Privatsache. Nicht einmal Ausbildungskosten können steuerlich abgesetzt werden. Der Nutzen der Kinder aber ist spätensten dann für alle da, wenn Kinderlose Rentner werden.

Außerdem klagt Dr. Jäckel an, dass für die bedürfnisse der Kinder zu wenig Geld da ist, sei es im Bereich der Schulen, hier Gebäude und Lehrer, sei es auf dem Sktor der Kindergartenplätze, der Kindermedizin.

Abwertung der Familie:

Das ehrenamtliche Arbeitspotenzial in dne Familien ist eminent viel höher als das eigentliche der Gesellschaft. Jetzt im Zuge der Debatte um die Entlohnung der Tagesmütter wird dieses Potenzial plötzlich deutlich. "Diese Betreuung wird bezahlt, die in der Familie nicht." Dies kommt einer Abwertung der Familien gleich, betont die Autorin. Sie sieht darin einen Verfassungsbruch, denn diese garantiert den Schutz der Familie. Während lesbische und schwule Partnerschaften neuerdings einen eheähnlichen Schutz genießen, gehen die nichtehelichen Lebensgemeinschaft mit Kindern diesbezüglich leer auch weiterhin leer aus. "Die gleichen Leute, die sagen, die Ehe ist out, fordern und fördern die Ehe für Schwule."

Die Interessen der Eltern und Kinder sind in der Politik schlecht vertreten, weil sie so "kinderfern" geworden ist. Die meisten Politikerinnen und Politiker sind im Großelternalter oder kinderlos. In der Bevölkerung sind 30 Prozent der Frauen kinderlos. "Wer keine Kinder (mehr) zu versorgen hat, ist Theoretiker und weiß nichts oder viel zu wenig von dne Anforderungen an ein Leben mit Kindern. Deshalb führt Kinderlosigkeit zu Kinderferne."

Neben dem Erziehungsgehalt fordert Karin Jäckel auch Bündnisse für Kinder und Familien. Dringend sollte ein Kinderwahlrecht für Familien eingeführt werden; das heißt, Eltern wählen stellvertretend für ihre Kinder, bis diese 18 Jahre alt sind. "Das würde die Familien endlich ins Blickfeld rücken." Legt man das Grundgesetz aus, so steht dem kaum etwas entgegen, verdeutlicht die Autorin. eltern könnten zum Beispiel die "Familien- Partei Deutschlands" unterstützen, die bundesweit und auch in Baden-Württemberg agiert Familien Partei

Lesermeinung erwünscht:

Dr.Karin Jäckel ist an den Meinungen ihrer Leser interessiert. Wer schreiben will, kann dies tun: E-Mail: karin.jaeckel@t-online.de oder Fax 07802/3707. Als nächstes plant die Oberkircherin einen Erziehungsratgeber für Väter, vor dem Hintergrund, dass Väter anders erziehen, was nicht heißt schlechter.