Buchbesprechungen

"Deutschland frißt seine Kinder"
Familien heute: Ausgebeutet - ausgebrannt"

Heiße Eisen angepackt, an die sich kaum ein anderer heran wagte

DEUTSCHLANDFUNK

Redaktion Zeitfunk

POLITISCHE LITERATUR
Montag, den 19. Dezember 2ooo 19.15 - 2o.oo Uhr

Rezension: Gunnar Sohn

Eine Katastrophe besonderer Art bedroht Deutschland im 21. Jahrhundert. Politisch denkende Bevölkerungswissenschaftler nennen den demographischen Verfall die Schicksalsfrage der nächsten Zukunft. Sie betrifft alle Bereiche, nicht nur die umlagefinanzierten Sozialsysteme, Symptomatisch ist die finanzielle Misere der Familien. Karin Jäckel, Autorin zahlreicher Kinder- und Jugendbücher sowie sozialkritischer Werke, hat sich in einem engagierten Buch dieser Problematik gewidmet. Deutschland frißt seine Kinder heißt es,
Gunnar Sohn bespricht es:

Schon in ihren früheren Büchern hat Karin Jäckel heiße Eisen angepackt, an die sich kaum ein anderer heranwagte: etwa sexueller Mißbrauch durch weibliche Täter oder die organisierte psychische und finanzielle Vernichtung von Scheidungsvätern. Das große Thema von Karin Jäckels neuem Werk Deutschland frißt seine Kinder - Familie heute: Ausgebeutet - ausgebrannt ist die gescheiterte Familienpolitik, die nach Meinung der Autorin in erster Linie die Extremisten der Frauenbewegung und ihre Trittbrettfahrer zu verantworten haben. Aber eine kritische Auseinandersetzung mit dem Feminismus verstößt gegen das Schweigekartell der Hüter der 'Political Correctness'. Wenn für Feministinnen die Freiheit der Selbstbestimmung für jede Frau so wichtig ist, warum werden dann Hausfrauen und Mütter von ihnen demagogisch gebrandmarkt? Wie kann das Bundesfrauenministerium millionenschwere Kampagnen gegen die sogenannte "Männergewalt" in der Partnerschaft verantworten, wenn nationalen und internationale Studien zufolge häusliche Gewalt von beiden Geschlechtern im gleichen Ausmaß ausgeht? Kompetent knackt Karin Jäckel in ihrem Buch etliche populäre Irrtümer. So etwa die Legende, daß karrierewillige Frauen durch Männerklüngel oder sexistische Strukturen am beruflichen Aufstieg gehindert würden. Und die Autorin belegt eindrucksvoll, wie Politik und Medien eine Auseinandersetzung mit der feministischen Lobby scheue. Wie sehr Karin Jäckel an ein Tabu rührt, wird klar, wenn die Publizistin von den Reaktionen auf ihre Bücher berichtet:
Man drohe ihr aus extremistischen Kreisen Mord, Entführung und Brandanschläge an, Buchhändlerinnen boykottierten ihre Werke oder erklärten auf Nachfrage fälschlich, sie seien vergriffen. Verlagslektorinnen lassen Manuskripte untergehen und Verträge platzen. Die Öffentlichkeit werde mit diesen Methoden manipuliert. In dem Kapitel "Von der Wirksamkeit ideologischer Tretminen" schreibt Karin Jäckel:

Zitat: "Ich erlebe jedenfalls als Alltagserfahrung der meisten mit mir seit Jahren korrespondierenden oder zu Interviews bereitstehenden Frauen, daß es um die Parteilichkeit für und mit der Solidarität unter Frauen in etwa so wie mit des Kaisers neuen Kleidern im Märchen steht. Seit als unsozial, ignorant und frauenfeindlich gilt: wer Frauen nicht zu Opfern erklärt, wagt selbst die Glückliche ihr Glücklichsein allenfalls dann zu gestehen, wenn sie frisch verliebt ist. Eine Episode fällt mir ein, die mir aus dam Jahr 1999 anläßlich eines Vorgesprächs zu einer Talk-Show bei 'Fliege' erinnerlich blieb. Was, Sie sind schon 28 Jahre verheiratet?, entfuhr es damals der Redakteurin am Telefon, "Was ist denn da faul?" Ich mußte lachen. Es kann ja nur etwas faul sein, wenn eine Frau es mit einem Mann so lange aushält, nicht wahr? Entweder muß sie blöd sein oder er sehr reich, oder man hat es zu gemeinsamem Luxus gebracht, den man nicht für das Linsengericht einer neuen Liebe aufgeben will. Zu der Sendung wurde ich übrigens nicht eingeladen. Es ging ja um Ehekrisen. Mit glücklichen Ehen ist keine Quote zu machen."

Wer die Befreiung der Frau im Sinne der französischen Schriftstellerin Simone de Bauvoirs und Friedrich Engels durch Erwerbstätigkeit bei zeitgleicher Auflösung der traditionellen Fanlilienarbeit und Mutterrolle betreiben wolle, dürfe sich mit der längst erreichten Gleichberechtigung der Geschlechter nicht zufrieden geben. Da genüge es nicht, daß bereits über die Hälfte der Frauen zwischen 15 und 64 Jahren erwerbstätig sind. Da reiche es nicht, daß fast jede zweite Ehe in Scheidung endet und jedes Jahr weitere 16o.ooo Kinder zu Scheidungswaisen werden. Bekannt sei auch, daß in Großstädten rund 4o Prozent aller Sozialhilfeempfänger alleinerziehende Mütter sind, deren Teilfamilie mitsamt ihren Kindern die zweifelhafte Wohltat der Scheidung zusammen mit der Wohltat gleichmachender Armut genießt:

Zitat: "Frau wie Männer leiden darunter, daß sie es nicht schaffen, dauerhaft miteinander zu leben, daß ihre Ehe zerbricht, die Kinder weinen. Sie schämen sich. Sie hassen sich selbst oftmals am meisten für dieses Versagen. Und sie greifen nach jedem Strohhalm, um das eigene Gewissen zu beruhigen, die Schuld von sich abzuwälzen und vor sich selbst als stark gelten zu können. Deshalb wollen Frauen und Männer hören, daß Frauen immer die Guten und Männer immer die Bösen sind und daß sie einfach nicht zusammenpassen. Wenn alle Frauen unschuldig sind, ist frau selbst inbegriffen. Dann ist der Mann der Böse, der Schuldige, der die Ehe zerstört, die Frau ins Unglück und die Kinder in Tränen gestürzt hat. Es tut Frauen gut, das so zu hören. Und so absurd es ist, es tut auch Männern gut zu hören, daß sie die Bösen sind, die die Ehe kaputtgemacht haben. Es gibt ihnen das nach dieser Niederlage so dringend gebrauchte Gefühl, stark zu sein und nicht jener elende Hanswurst, dem die eigene Frau auf der Nase herumtanzt und schließlich davongerannt ist."

Man sei in der öffentlichen Diskussion weit gekommen, wenn das Wort "Mutter" als Beleidigung für jede Frau angesehen wird. Seit der Pekinger Weltfrauen-Konferenz und der Endfsssung eines dort zustandegekommenen UNO-Textes wissen wir endlich, daß jede moderne, fortschrittliche Frau sich diskriminiert fühlen muß, wenn sie als Mutter bezeichnet und dadurch auf eine Funktion reduziert wird. Statt "Mutter" müsse es "Frauen während der Zeit der Kindererziehung" heißen.

Jäckel ist sich sicher, daß jede selbstbewußte Familienfrau weiß, was sie wert ist. Jedenfalls hält sie sich nicht für eine Kinderwerfmaschine oder Kinderaufzuchtanstalt. Trotzdem prägen derartige Reportagen und Berichte die öffentliche Meinung über das Ansehen der Familie. Hier muß sich nach Ansicht von Jäckel eine prinzipielle Änderung der Familienpolitik durchsetzen:

Zitat: "Mir ist klar, daß eine Kursänderung in der Politik den lautesten Protest bei den Kinderlosen und den Ferninistinnen beiderlei Geschlechts hervorrufen würde. Da sie einen hohen Prozentsatz der Wählerinnen und Wähler stellen, verlangt es Zivilcourage und politischen Weitblick, ihnen so Unwillkommenes wie die Pflicht mitzuteilen und abzuverlangen, mit der einen Hand zu geben, wenn sie mit der anderen Hand nehmen wollen. Und zwar in einem Maß zu geben, das dem Wert entspricht, der abgefaßt wird."

Die Abzockerei zu Lasten der Familie müsse endlich aufhören - so die abschließende Forderung von Karin Jäckel. Es sei eine verfassungsrechtliche Pflicht des Staates, Kinder und Familien in einem rechtsstaatlichen Familienlastenausgleich gegenüber Kinderlosen zu stärken. Der Transfer von Leistungen, die den Familien aus dem Suppentopf entrissen worden seien, hinein in die Fleischtöpfe der Kinderlosen, müsse beendet werden. Es sei auch an der Zeit, die Leistung der Mütter und Väter in der Familienarbeit und ihre Leistung im ehrenamtlichen Dienst an der Allgemeinheit der Solidargemeinschaft - ob mit oder ohne Erwerbsarbeit - öffentlich, offiziell und wirksam zu postulieren und ein Familiengehalt einzuführen. Karin Jäckel hält das für finanzierbar. Nur so könne der Familie jener Stellenwert zugewiesen werden, der ihr gebührt - als Keimzelle einer funktionierenden Gesellschaft.