Buchbesprechungen

"Du bist doch mein Vater"

Westfälischer Anzeiger

3. September 1988

"Du bist doch mein Vater"

Aus dem Tagebuch einer Elfjährigen

Inzest-Report: Sie führen einen heimlichen Kampf. Einen Kampf, für den sie weder seelisch noch körperlich gerüstet sind. Der sich gegen einen Menschen richtet, dem sie rückhaltlos verbaut haben: Kinder, die von ihren Vätern mißbraucht werden. Das Schweigen um den Inzest-Tabu in einer aufgeklärten Gesellschaft - bricht der Report über das Schicksal der Marie Claire.

"Als ich schon im Bett war, ist der Vati auf einmal leise zu mir ins Zimmer geschlüpft... und hat sich gleich an mich rangeschnuckelt. Dann hat er mich am Hals und an der Brust geküßt Das war aber anders als sonst." Marie-Claire ist gerade elf Jahre alt, als ihr Vater sich ihr zum ersten Mal sexuell nähert Als sie sich wehrt, weil er ihr weh tue, lacht er. Sie müsse doch jetzt endlich lernen, wie ein Mann DAS bei seiner Freundin macht. Sonst wurde sie noch eine alte vertrocknete Jungfer wie die Tante Mia. Das Kind wehrt sich dann nicht mehr. Auch nicht, als der Vater weiter geht. Ihre Erlebnisse, die in den nächsten zwei Jahren folgen, bleiben natürlich ein Geheimnis zwischen Vater und Tochter. Das hat sie ihm versprechen müssen. Und der Mutti traut sie sich nicht, etwas zu sagen. Die würde das nicht glauben, ist sie doch sowieso eifersüchtig auf das enge Vater-Tochter-Verhältnis.

Lange hat Autorin Karin Jäckel gezögert, das Tagebuch der Mari-Claire als Dokument eines Mädchenschicksals herauszugeben, wie sie schreibt. Schien ihr doch die teilweise sehr detaillierte Schilderung des Tatgeschehens eine Gratwanderung zwischen Lust und Grauen zu sein. Doch gerade die zeitweilig unerträgliche Voyeur-Rolle des Lesers erzwang für Karin Jäckel dann die Veröffentlichung. "Wie anders, wenn nicht durch tiefe Erschütterung und regelrechtes Mitfühlen mit dem Mädchen, sollte eine Sensibilisierung für dieses Problem geweckt werden?"

Marie-CIaires Schicksal ist eines von hunderttausenden. Allein in der Bundesrepublik werden jährlich schätzungsweise 300 000 Kinder, mehr als 90 Prozent davon Mädchen, mißbraucht. Die Täter sind nach Untersuchungen des Bundeskrimi-nalamtes zumeist MÄNNLICHE Familienangehörige oder engste Familienfreunde. Die Dunkelziffer des Mißbrauchs wird von Sexualtherapeuten noch weitaus höher geschätzt.

Nur die wenigsten Kinder wagen, über ihre Leiden zu sprechen. So wie Marie-Claire. Nicht nur aus Scham oder Angst vor der Strafe des Vaters schweigt sie beharrlich. Sie wundert sich. daß die anderen Kinder nicht DARÜBER reden. Schließlich hat ihr der Vater erzählt, er mache mit ihr etwas ganz Normales. "Vielleicht wollen denen ihre Väter ja auch, daß ES ein Geheimnis bleibt", denkt Marie-Claire über die Klassenkameradinnen.

Heinz Wolfram, Mitarbeiter des Kinderschutz-Zentrums Berlin gehört zu den Fachleuten, die in "Du bist doch mein Vater..." zum Problemkomplex Kindermißbrauch Stellung nehmen. Als Grund dafür, daß wohl der weitaus größte Teil all dieser Sexualdelikte niemals bekannt wird. nennt er die spezifische Struktur von Inzest-Familien: "Die Außenkontakte des Kindes werden behindert, die Beziehung zwischen Mutter und Kind wird brüchig." Es spüre unbewußt auch, daß die Existenz der Familie mit der Wahrung des Familiengeheinmisses verknüpft ist.

Marie-Claire wird im Alter von zwölf Jahren von ihrem Vater geschwängert. Seine Schuld wird nur zufällig bewiesen. Marie-Claire wächst weiter bei den Großeltern auf. Ihr Kind wurde zur Adoption freigegeben.

Karin Jäckel, Du bist doch mein Vater..., Inzest, ein Tabu in unserer aufgeklärten Gesellschaft, Heyne Report, 1988. 9.80 Mark.
Carola Hoßfeld/np