Leseprobe

"Du bist doch mein Vater"

Nicht nur Lehrer sein...

Die Schulzeit ist oft der prägendste und folgenschwerste Lebensabschnitt im Dasein eines jeden Kindes. Gewohnt, daß insbesondere die Eltern ihnen und ihren Fehlern mit liebevoller Nachsicht begegnen, müssen sie plötzlich erfahren, daß Fehler Bestand und Folgen haben, daß sie Wertigkeiten festschreiben und es auch Abstufungen innerhalb der Klassengemeinschaft gibt. Der Lehrer nimmt erzieherisch auf das junge Leben Einfluß. Täglich für einige Stunden unter seine Kuratel gestellt, bildet sich das Kind an seinem Beispiel. Wie gut dieses Beispiel ist, hängt nicht allein vom Wesen und Charakter des Menschen in der Funktion des Lehrers ab, sondern auch von seiner Ausbildung.

Es ist hinlänglich bekannt, daß der Junglehrer den Anforderungen seines Berufes zunächst nicht oder nur bedingt gewachsen ist. Ausgerüstet mit intensivem Fachwissen, sieht er sich angesichts seiner Erzieherfunktion meist unzulänglich vorbereitet und sogar überfordert.

Gudrun Martiny versucht, sich in ihrem Beruf als Lehrerin in einem besonderen und engagierten Maß der Kinder anzunehmen. Lehr- und Lernziele haben ihre große und wichtige Bedeutung. Wenn auch nicht vorrangig, so ist die Aufgabe als Vertrauensperson doch als gleichwertig anzusehen. So steht nicht das Kind als bildungsfähiges Kopf-Wesen für Gudrun Martiny im Mittelpunkt ihrer Bemühungen, sondern das Kind als Wesen aus Geist und Körper. Beidem gerecht zu werden, ist ihr oberstes Anliegen.

Wie sie ihre Aufgabe sieht und angeht, erfahren Sie in ihrem nachfolgenden Brief an mich, der mich in Beantwortung einiger konkreter Fragen und eines ausführlichen Gesprächs erreichte:

... sondern zumindest auch erzieherischer Begleiter

Liebe Frau Jäckel, ich habe mit viel Interesse Ihren Buchausschnitt gelesen und bin schon gespannt auf die vollständige Ausführung. Da ich mich mal wieder unter Zeitdruck befinde, möchte ich direkt zur Beantwortung Ihrer Fragen kommen.

Während meiner bisherigen Berufstätigkeit als Lehrerin >mit besonderen Aufgaben< in einer Hauptschule hatte ich wissentlich zweimal (vermutlich aber sicher noch mehrmals) Mädchen, die sexuell mißbraucht wurden, und einmal das Kind eines Verhältnisses zwischen Vater und Tochter in meiner Klasse. Ein Mädchen wurde mit 12 Jahren vom Freund der Mutter mißbraucht; das andere Mädchen lebte mit seiner Schwester, nach dem Auszug der leiblichen Mutter, mit deren Zuhälter, der auch der Vater der beiden Kinder ist, zusammen. Das Mädchen schläft meist mit ihrem Vater zusammen in einem Bett. Ein 14jähriges Mädchen lebt im Haushalt der Großeltern mütterlicherseits, wobei der Großvater gleichzeitig auch ihr Vater ist; denn er zeugte dieses Mädchen mit einer seiner Töchter. Alle diese Fälle waren auch dem Jugendamt bekannt, woher ich teilweise meine Informationen habe.

Auf diese und andere Probleme, die auf einen zukommen, wenn man eben nicht nur Lehrerin, sondern auch >Sozialarbeiterin< und >Betreuerin< von Kindern und Familien ist, bereitet das Hochschulstudium und die Referendarausbildung nicht vor. Wie auch?

Dort geht man von manchmal fast realitätsfernen Normen aus, und ich glaube, die meisten Hochschullehrer haben mit solchen Problemen nie oder nur wenig Kontakt.

Nun zu meinen eigenen Erfahrungen, die ich in einem langen Prozeß mit viel Kampf gegen meine eigenen Überzeugungen und Ideale machen mußte.

Ich setze den sozialen Hintergrund dieser Kinder einmal als bekannt voraus, der sich mit Schlagwörtem wie innere Kontaktarmut, Bindungslosigkeit, Instabilität, geringe Belastbarkeit, mangelnde Anregung aus der Umwelt, mangelnde Sprachfähigkeit, kaum intrinsische Motivation (intrinsisch: Interesse an der Sache, aus der Sache heraus; Gegenteil wäre eine von außen gesteuerte Motivation, wie eine Belohnung für eine gute Note - extrinsische Motivation; d. Hrsg.), geringes Selbstwertgefühl, Mißtrauen, Angst, Hilflosigkeit oder Brutalität ausdrücken läßt.

Diesen Mädchen gegenüber hatte ich keine inneren Vorbehalte, aber oft ein elendes Gefühl der Hilflosigkeit, weil ich selbst die Empfindungen dieser Kinder nur schwer nachvollziehen und auch vielleicht nicht begreifen konnte. Dadurch war es oft schwer, einen Ansatzpunkt zu finden, weil alle meine Strategien zur Konfliktlösung vielfach auf Unvermögen und Unverständnis stießen, zum Beispiel über Erlebtes und Gefühle zu reden, Fragen zu stellen, nach Ursachen zu suchen, sich andere Aufgaben zu suchen, etwas zu tun, sich Tricks einfallen zu lassen, um unangenehmen sexuellen Erlebnissen aus dem Weg zu gehen.

Mit den Eltern habe ich immer Gespräche gesucht, jedoch haben diese Eltern alle auch ihre >eigene Geschichten<. Die Eltern wollen in solchen Gesprächen oft ihr Selbstwertgefühl steigern. Sie sind ja zu sich selbst unehrlich, können das Dilemma ihres Kindes nicht verstehen, können deshalb auch wenig helfen, selbst wenn sie guten Willens sind. Ich bin oft den Weg gegangen, ihnen Verständnis entgegenzubringen und in gelockerten Gesprächen hie und da einen Rat einfließen zu lassen. Ich habe Behördengänge übernommen, Briefe geschrieben. Nachmittagsbetreuung für die Kinder besorgt, Hausaufgabenhilfe oder Ferienbetreuung organisiert, um damit kleine Freiräume für die Kinder zu schaffen, vor allem aber auch um sicherzugehen, daß die Gesprächsbereitschaft bleibt, Begebenheiten nicht vertuscht werden, daß das Kind keinen Repressalien ausgesetzt wird und allmählich Vertrauen geschaffen werden konnte. So konnte ich manche Dinge auf den Weg bringen, die unter dem Einsatz der Ämterautorität boykottiert werden. Auf diese Art und Weise wurde zum Beispiel das Mädchen, das mit ihrem Vater, dem Zuhälter, in einem Haushalt lebt, aus seiner Außenseiterrolle zum >normalen< Mitglied der Klasse und zu einer alters- und kindgemäßen Freizeitgestaltung gebracht sowie dem Vater die Einwilligung zu einer Berufsausbildung abgerungen.

Man merkt den Kindern die häusliche Situation schon an, aber bei >meinen Kindem< war es vielfach schwer, sexuelle Delikte zu vermuten, weil auch die anderen häuslichen Umstände derart schlimm für unser Verständnis waren, so daß ich lange Zeit und einige Milieukenntnisse brauchte, um hinter die Ursachen zu kommen, zumal speziell die Mädchen mich als Lehrerin und das schulische Umfeld quasi als ein Eiland angesehen haben, das von den häuslichen Problemen frei war. Die drei Mädchen hatten keine besonderen Schulprobleme in der Klasse, zählten sogar teilweise zur Leistungsspitze. Die Mädchen wollten sich deshalb diese >Insel der positiven Erfahrungen< nicht zerstören lassen; jedenfalls interpretiere ich so die Verhaltensweisen der Mädchen.

Dementsprechend habe ich mich verhalten. Ich beobachtete die Mädchen und war für sie da, drang aber nicht mit Fragen in sie ein. Ich band sie in besondere Klassen- und Schulaktivitäten ein, lenkte sie ab, forderte sie mit besonderen Aufgaben oder ließ ihnen Zeit, sich zu erholen. Ich kam punktuell ihrem Bedürfnis nach, sich hängen zu lassen, sorgte jedoch auch vielfach mit Druck für die Wiederaufnahme eines regelmäßigen Schullebens. Ich nutzte den Unterricht, insbesondere in Biologie und in Sozialkunde, sowie Freizeitstunden für Gespräche zum Thema Sexualität, erzählte von eigenen Jungmädchenerfahrungen, Ängsten, Wünschen und anderes mehr. Die Mädchen fragten viele Dinge und genossen offensichtlich den allgemeinen Charakter dieser Gespräche und die Offenheit meiner Person. Sie wollten ihren Schutzschild nicht ablegen; ich beließ es dabei, weil ich glaubte, etwas in Gang setzen zu können, müsse von ihnen selbst kommen, sonst bewirke es nichts in ihnen.

Ich bin der Ansicht, daß ein Lehrer zumindest erzieherischer Begleiter der Kinder sein muß. Aber in diesen Fällen, von denen hier die Rede ist, reicht dies nicht aus. Hier erlebe ich täglich meine Unzulänglichkeit. Zwar kümmere ich mich täglich einige Stunden um diese Kinder, vernachlässige aber gleichzeitig andere, die ebenso große Probleme haben, und ändere letztlich wenig an dem Kreislauf der individuellen Lebenssituation.

Trotzdem bleibt mir keine andere Chance! Nur das Prinzip Hoffnung!

Abschließend noch ein paar Worte zu Ihrem Buchausschnitt: Ich kann nur sagen, daß Mädchen, die schon einmal in der Lage sind, ein Tagebuch über ihre Erlebnisse und Gefühle zu schreiben, eine große Chance haben, ihre Wunden mit Hilfe von Gesprächen - Therapien - zu heilen und mit den Narben zu leben, während es ein Bemühen bleiben muß, all den anderen dazu zu verhelfen.«

 

Gudrun Martiny

wurde 1947 in Halle an der Saale geboren.

Nach der Schulzeit absolvierte sie eine Lehre als Medizinisch-Technische Assistentin. Mitte 20 entschloß sie sich jedoch, Lehrerin zu werden.

Seit 1977 ist sie als Grund- und Hauptschullehrerin im Schuldienst tätig.

Zunächst durch Zufall, später aus Engagement, arbeitet sie heute an sog. Schulen mit sozialem Brennpunkt bzw. Problemschulen mit sozialen Aufgaben. (Die Bezeichnung differiert von Bundesland zu Bundesland.)

Regelmäßige Treffs mit Arbeitsgruppen ähnlich gelagerter Schulen helfen ihr, in Gesprächen und Erfahrungsaustausch ihrer Aufgabe gerecht zu werden.