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Leseprobe |
"Im Stich gelassen -
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NachwortLiebe hat viele Gesichter»Liebe ist ...« - wer kennt sie nicht, die beiden turtelnden Nackedeis mit den zahllosen mehr oder minder stimmigen, mehr oder minder romantischen Sprüchen auf Postkarten und Briefpapier, auf Hochzeitsanzeigen und Liebesgrüßen im Anzeigenteil der Tagespresse? Jeder von uns könnte einen neuen Spruch dazuerfinden. Die Beispiele und Vergleiche gingen einem niemals aus. Und doch: Was ist Liebe wirklich? Kann irgend jemand eine schlüssige, wie eine Schablone für alle Welt anwendbare Definition erbringen? In »Meyers Neuem Lexikon« Band 5, in der Ausgabe von 1980, wurde der Versuch in recht geschraubten Worten gewagt. Liebe ist, heißt es da, »die dem Haß entgegen gesetzte Zuneigung zu bestimmten Personen (eng verbunden mit dem Gefühl der Geborgenheit, [...] insbesondere die der instinktiven Veranlagung (Sexualtrieb, Brutpflege u.a.) entsprechende seelische Bindung des Menschen speziell an den Geschlechtspartner (Liebe im eigentlichen Sinn) und an die aus dieser Partnerschaft hervorgehende Nachkommenschaft (Eltern-Liebe zum Kind).« Um diesen doch recht vagen, bar jeder Romantik dürren Worten wenigstens einen Hauch Transparenz zu verleihen, ergänzt das Lexikon, daß über die irdisch begrenzte Liebe des Menschen hinaus »die Liebe in der Religionsgeschichte Qualität der Gottheit wie auch ein für den Menschen gültiges Gebot« ist. Der Menschheit im Alten und Neuen Testament auferlegt, wird das »Gebot der Gottesliebe« als Antwort des Menschen auf die unendlich große Liebe Gottes verstanden. »Prüfstein dieser christlichen Liebe, der >Agape<, ist die Nächstenliebe, die die Feindesliebe einschließt.« Alle Verliebten dieser Welt finden blumigere Worte, wenn sie einander ihre Gefühle offenbaren. Jeder von uns meint zu verstehen, was gemeint ist. Und doch scheitert selbst der Redegewandteste an einer verbindlichen Formulierung. Liebe ist eine Sache des Herzens, der Seele, des Geistes, schön und schillernd, aber auch so verletzlich wie Seifenblasen. »Glück und Glas, wie leicht bricht das«, sagt uns ein alter Spruch. Und er ist wahr. Ewig soll nur die Liebe der Mutter halten, die, frei von irdischen Gelüsten, in die Nähe der Gottesliebe gerückt wird und selbstlos rein, ohne Erwartung von Dank und voller Verständnis bis zum letzten Atemzug oder gar über den Tod hinaus wie eine Aureole um das Kind gelegt wird. Soldaten im Krieg sterben mit dem Namen der Mutter auf den Lippen. Verwundete wimmern ihn in höchster Qual. Mutter als Zuflucht, als Retterin, als Hort der Geborgenheit. »Liebe gute, liebe Mutter! Du alte süße Katze, wie geht es Dir?« schrieb Heinrich Heine. »Wenn Du stirbst, schieße ich mich tot.« Doch eines Tages ist sie tot. Und dann? »Wenn ich einer 50jährigen Frau begegnete, die verzweifelt war, weil sie eben ihre Mutter verloren hatte, hielt ich sie für neurotisch«, ließ Simone de Beauvoir ihre Leserschaft wissen, »ich verstand nicht, daß man allen Ernstes um einen Angehörigen weinen kann, der über 70 Jahre alt ist.« Sie verstand erst,als sie selbst in Tränen aufgelöst war. Wenn die Mutter stirbt, stirbt uns mehr als die Frau, in deren Schoß wir keimten und ins Leben hinauswuchsen. Mit ihr streckt der Tod seine eisige Hand auch nach dem Kind in uns aus und rührt es an, daß es die eigene Endlichkeit ahnt. Dieses kleine, dumme Kind, daß jeder von uns einmal war und das immer noch in uns lebt - versteckt hinter der Fassade unserer Selbstsicherheit und unseres strahlenden Erwachsenseins, verletzt, enttäuscht, voller Hoffnung, Trotz, Angst und Sehnsucht, geliebt oder ungeliebt, verstoßen oder überbehütet. Erinnerungen wallen hervor, wenn wir um die Mutter weinen. Und ein bißchen, mindestens ein bißchen, weinen wir auch um uns selbst. Um das, was in der Kindheit nie geschah oder so schrecklich falsch lief. Um die Wünsche und Sehnsüchte, die abgewiesen oder unterdrückt wurden. Um die bösen Worte, die unentschuldigt blieben. Um den letzten Brief, der immer wieder hinausgeschoben wurde, die Blumen, die man immer schicken wollte und doch wieder vergaß. Um die liebe Hand, die einen oft so eng, viel zu eng festgehalten hat und nun nie mehr zu spüren seinwird. Wenn die Mutter tot ist, tut es sich wie ein schwarzer Abgrund hinter dir auf. Ist da noch jemand, der dich auf fangen wird, wie sie dich aufgefangen hätte, lebte sie noch? Wer weiß von dir alles, von der Zeugung an? Wer schaut hinter deine Kulissen und liebt dich doch? Mit ihr verliert das Kind in einem jeden von uns sein Zuhause, ist das endgültige Ende der Kindheit erreicht. »Ein Kind«, schrieb 1956 der Philosoph Erich Fromm, »braucht nichts zu tun, um geliebt zu werden. Mutterliebe stellt keine Bedingungen.« Oder doch? Kinder, die ohne Mutter aufwachsen, glauben meist, versagt zu haben, schuld zu sein am Verschwinden der Mutter, verstoßen worden zu sein, weil sie nicht liebens mit ihr. Ihre Stimme, ihr Herzschlag, der Geschmack ihrer Körpersäfte, ihre Gefühle prägten die Welt des schwerelos, in absolutem Vertrauen heranreifenden Kindes. Die Mama-Welt als Lebensspenderin, als Höhle der Glückseligen. Die Geburt als erstes Schockerlebnis des Verlassenwerdens. Die Ruhe am Herzschlag der Mutter, am Singsang ihrer vertrauten Stimme, ihrem Schritt und Geruch. Ihr Gesicht über uns, dessen lächelnde Zärtlichkeit der Anker der jungen Seele ist. Wie sollten Kinder diese Frau nicht vermissen? Wie nicht ein Leben lang selbst dann verzweifelt nach ihr suchen, wenn es so aussieht, als interessieren sie sie weniger als die Mücke an der Wand? Wie sie schmerzlos entbehren können? Wie sollten Kinder verstehen, wenn sie von der Mutter verlassen werden, ohne sich selbst böse zu sein und darüber böse zu werden? Zerstörerisch gegen andere, gegen sich selbst, gegen das Leben und die Liebe? Selbst Erwachsene rollen sich im Schlaf meist wie Embryos ein, rollen instinktiv und unbewußt zurück in denschützenden Schoß der Mutter, wenn sie die Decken um sich schlagen, bis zur Nasenspitze in die warmen Hüllen oder gar darunter schlüpfen und ihr Erwachsensein mit dem Alltagsgewand abstreifen. Und doch haben Mütter ein Recht auf ihr eigenes Leben. Obwohl Mutterschaft etwas lebenslänglich Währendes ist und selbst der Körper, der einmal geboren hat, für immer unabänderlich gezeichnet bleibt, bedeutet die Geburt eines Kindes nicht das Ende des Eigenlebens der Mutter. Kindheit und Mutterschaft stehen bei allen Lebewesen in einem gnadenlosen Wechsel von Nähe und Distanz, von Einssein und Ablösung. Pflicht der vom Kind als Grundbaustein der Gesellschaft profitierenden Gemeinschaft ist es, Mutter und Kind bei der Bewältigung dieses früher oder später unausweichlichen Prozesses zur Seite zu stehen. Fragt sich, tun wir es? Hat unsere Gesellschaft in der Morgendämmerung des dritten Jahrtausends nach Christus und seiner die Vorstellung von Liebe prägenden Lehren nicht weit eher eine wahre >Kinder- und Mutterschaftsverhinderungsmaschinerie< erfunden und in Gang gesetzt? Angefangen bei den sogenannten natürlichen Verhütungsmethoden bis hin zu Kondomen oder den Uterus verschließenden Hilfsmitteln und zur Anti-Baby-Pille, weiter über die Abtreibungspille und diverse perfekt funktionierende Methoden der Abtötung von Föten und Embryonen im Mutterleib, sind dem Ideenreichtum zum Ausleben sexueller Lust ohne unerwünschte Folgen kaum Grenzen gesetzt. Und dennoch werden Jahr für Jahr Kinder gezeugt, die keiner will. Kinder, die entstehen, weil das Verhütungsmittel versagte; weil junge Menschen trotz genauester Kenntnisse über den sexuellen Vorgang kaum etwas über die Funktionen ihrer Körperorgane, geschweige denn über diejenigen des Partners wissen; weil Verantwortung immer nur die Pflicht der anderen ist; weil die sittliche Reife mit der Geschlechtsreife nicht mithält. Es gibt so viele »weil«. Und dann sind sie »unterwegs«, die Kinder, denen der Schutz ihres ungeborenen Lebens vielleicht sicher ist, der des gelebten Daseins aber nicht. Wenngleich 1998 von den Regierungsparteien heftig bestritten, breitet sich die Kinderarmut nachweislich wie eine schleichende Krankheit in unserem Lande aus. Vernachlässigte Kinder überforderter Mütter und Väter verdrängen die innere Leere und Lebensangst hinter Gewalt und scheinbarer Stärke. Flucht ist angesagt. Flucht in Konsum, Sex und Drogen, Flucht aus Ehebeziehungen in neue Liebe, Flucht aus dem Alltag in den Thrill der »letzten« Abenteuer an der Grenze zur Lebensgefahr, Flucht in trügerische >braune< Seilschaften oder in mit den Bedürfnissen nach Gottesliebe Schindluder treibenden Seelenfänger-Sekten. Je heftiger die Verlorenheit uns in die rastlose Suche nach Sicherheit und Bindung treibt, desto herrlicher wird die Liebe als Allheilmittel verklärt. Und dabei wird ganz vergessen, daß man sich vielleicht mit dem berühmten Herzstich aus Amors Pfeileköcher in die schönen Augen eines anderen verliebt, Liebe aber nicht identisch ist mit Verliebtheit und schon gar nicht gleichbedeutend mit Sex. Es genügt nicht für ein ganzes Leben, eine Zeitlang Schmetterlinge im Bauch zu spüren und weiche Knie zu bekommen. Es ist das Los der Schmetterlinge, nur einen Sommer zu flattern, und weiche Knie tragen nun mal nicht weit. Liebe braucht Festigkeit und Beständigkeit, bedeutet nicht in erster Linie Spaß und leidenschaftliche Lust. Vielmehr entwächst sie einem auf bewährter Treue und erprobtem Vertrauen basierenden Gefühl von sicherer Geborgenheit beim anderen. Eine Geborgenheit, die wo möglich dem entspricht, was der Embryo im vollkommenen Schutz des Mutterleibes empfindet, und vielleicht gerade deshalb von denjenigen am verzweifeltsten gesucht wird, welche als Kinder zu wenig davon bekamen. »Die Suche nach dem Ursprung«, schrieb mir 1995 eine junge Frau, die von ihrer Mutter zwar mit dem Notwendigsten versorgt aber nicht geliebt wurde, und sich deshalb zeitlebens als verlorenes Kind empfand, »ist die Suche nach dem Herzschlag der Mutter, ist die Sehnsucht der Seelen nacheinander, die Sehnsucht, in schweren, ausweglosen Zeiten zurückfliehen zu können, ein Zuhause, einen Zufluchtsort zu haben, und dann von neuem in die Welt hinausgehen zu können. Eine ewige Sehnsucht, nur schmerzhaft bewußt, wenn es diesen Ort nicht mehr gibt. Die Suche nach dem Herzschlag der Mutter, ist die Suche nach dem Ursprung, nach sich selbst.« |
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