Leseprobe

"Inzest - Tatort Familie"

Marita (14):

"Ich habe Angst vor meinem Opa"

»Ich bin 14 und gehe noch zur Schule. Was ich erlebt habe, hat mich sehr belastet. Deshalb habe ich es aufgeschrieben. Es geht um meinen Opa, der ist 55 und noch sehr vital. Das erste Mal zwang er mich vor zwei Jahren im Wald, ihn mit der Hand zu befriedigen. Jetzt hat er mich zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Er kommt oft überraschend zu Besuch, wenn ich allein zu Hause bin. Manchmal paßt er mich auch am Schultor ab. Dann muß ich mit ihm in den Wald fahren. Wenn ich allein bin, habe ich immer Angst, sobald jemand an der Haustür klingelt. Aber am schlimmsten ist es nachts. Ich muß immer daran denken und habe auch Angst, daß ich ein Kind bekommen könnte. Morgens bin ich dann todmüde. Ich habe deswegen schon viele Klassenarbeiten verhauen.

Meine Eltern begreifen gar nicht, was mit mir los ist. Ich kann nicht mehr richtig fröhlich sein. Meistens kommen mir die Tränen, wenn ich lache. Aber ich kann ihnen das doch nicht sagen. Für die Eltern würde doch alles zusammenbrechen. Ich kann ihnen das einfach nicht antun.

Wie kann ich mich gegen den Opa wehren? Er ist so viel größer und stärker. Und mein Vater erzählt oft, wie er von ihm als Kind durchgeprügelt wurde. Ich habe Angst, er schlägt mich auch. Trotzdem habe ich nun meinen ganzen Mut zusammengenommen und mit meinem Opa gesprochen. Er war schrecklich wütend und hat gesagt, er würde alles abstreiten und daß ich ein kleines verkommenes Biest wäre. Er will alles meinen Eltern gestehen und ihnen erzählen, daß ich ihn verführt habe und er nichts dafür konnte. Dann, sagt er, käme ich in ein Heim für verkommene Subjekte und dürfte erst mit 18 wieder raus. Er sagt, ihm würde jeder glauben, mir aber keiner. Er könnte beweisen, daß er mir immer Geld gegeben hätte oder mir etwas Schönes kaufen mußte und daß ich ihn erpreßt hätte. Es stimmt, daß er mir schon oft einen Geldschein gegeben oder mir ein T-Shirt oder neulich sogar eine Pocketkamera geschenkt hat. Aber ich habe ihn doch nie darum gebeten oder etwas verlangt. Ich war doch nur froh, wenn alles vorbei war und er mich in Ruhe ließ.

Eins aber ist trotzdem gut:
Seitdem ich mit ihm gesprochen habe, hat er mich nicht mehr angerührt, obwohl er noch einmal in mein Zimmer kam, als meine Eltern nicht da waren. Weil er einen Hausschlüssel hat, kann er auch immer rein. Er hat bloß gebrüllt und ist auf mich los, als ob er mich schlagen wollte. Dann ist er aber abgehauen.

Danach habe ich ihn zwei Wochen lang nicht mehr gesehen. Es war wie im Himmel. Meine Mutter sagte zu meinem Vater, daß mein Opa überlegt, ob er zu meiner Tante nach Bayern gehen soll. Ich wäre so glücklich, wenn er ginge. Dann brauchte ich ihn nie mehr zu ertragen. Aber leider ist mein Opa nun doch nicht umgezogen. Ich habe immer noch große Angst vor ihm. Obwohl er mich nun in Ruhe läßt. Er wartet auch vor der Schule nicht mehr auf mich. Ich habe mich meiner besten Freundin anvertraut. Jetzt holt sie mich morgens ab und begleitet mich auch heim. Mein Opa hätte gar keine Chance mehr, mich allein zu erwischen. Von meinem Taschengeld habe ich mir auch eine Sicherheitskette an meiner Zimmertür angebracht. Meine Eltern denken, ich spinne, und das sei wegen der Pubertät, aber sie haben nichts dagegen. Ich habe echt liebe Eltern. Und ich bin froh, daß sie nichts wissen. Es reicht schon, wenn mein Leben verpfuscht ist. Ich bin ja noch jung. Und ich werde damit auch irgendwie fertig. Meine Freundin will jetzt durch ihren großen Bruder eine Gaspistole besorgen lassen. Die kriege ich. Ich lasse jedenfalls keinen mehr an mich heran. Und den Opa schon gar nicht. Aber ich glaube, er wird es nicht mehr versuchen. Er hat wohl gemerkt, daß ich mich wehren kann.«