Buchbesprechungen

"Inzest - Tatort Familie"

Tatort Familie

Journal für die Frau

9/1988

Bearbeitung von Sibylle Weimer

Ein neues Buch klagt an:
Frauen und Mädchen schildern, wie sie als Kinder von Vätern, Brüdern oder Großvätern sexuell mißbraucht wurden. Drei Fälle exklusiv in JOURNAL

Unfaßbar, aber wahr:

Rund 280 000 Mädchen und 20 000 Jungen werden nach Schätzungen von Fachleuten (Ärzten, Erziehern, Kinderschutzbund) in der Bundesrepublik jährlich sexuell mißbraucht - dreiviertel von ihnen von den eigenen Vätern, Brüdern, Großvätern oder Onkeln.
300 000 Kinder - eine schreckliche Zahl. Die Dunkelziffer dürfte mindestens doppelt so hoch sein. Inzest mit Kindern, so scheint es, gehört zu den bestgehüteten Familiengeheimnissen. Die Psychologen haben eine einleuchtende Erklärung dafür: Die Autorität der Familie steht bei uns ganz oben, und die betroffenen Kinder trauen sich kaum, den eigenen Vater oder Großvater zu verklagen.
Dennoch: Das Tabu beginnt zu bröckeln, immer mehr Ärzte, die mit Kindern aller Altersgruppen täglich zu tun haben und die Anzeichen von sexueller Gewalt oft deutlich erkennen, weigern sich, ihre berufliche Schweigepflicht noch länger einzuhalten. Denn für Kinder und Jugendliche bedeutet sexueller Mißbrauch auch - ausgerechnet durch den oder die Menschen, die sie am meisten lieben - ein oft jahrelanges Martyrium - körperlich und seelisch.
Mit ihrem Buch Inzest-Tatort Familie*< brachte jetzt die Autorin Karin Jäckel, selbst Mutter von drei kleinen Kindern, dieses Thema an die Öffentlichkeit.
Frauen und Kinder berichten darin über ihre qualvollen Erfahrungen.
JOURNAL FÜR DIE FRAU veröffentlicht aus dem Buch die drei erschütterndsten Beispiele.

Elke (30)
"Als Vater mich verführte, war ich fünf"

"Ich bin 30 Jahre alt, Beruf Apothekenhelferin, seit zehn Jahren verheiratet und habe einen siebenjährigen Sohn.

Mein Alptraum begann vor 25 Jahren, noch bevor ich eingeschult wurde. Mein Vater zeigte mir beim Mittagsschlaf sein erigiertes Glied. Ich mußte alles ganz genau anschauen und dann reiben, bis es zum Erguß kam. Vor Scham wäre ich am liebsten im Erdboden versunken, aber mein Vater meinte, ich brauchte mich nicht zu schämen, da dies alles ganz normal sei. Aber ich hatte ein ungutes Gefühl in mir.

Ich habe dann gedacht, mein Vater wird schon wissen, was er sagt und tut. Denn seit wann tut ein Vater etwas, das nicht erlaubt ist?

Später dachte ich dann immer, es würde allen Mädchen so ergehen wie mir. Als ich älter wurde und nicht mehr meinen Mittagsschlaf mit ihm hielt, nutzte er die Abwesenheit meiner Mutter aus, oder er kam nachts in mein Bett und fummelte an mir herum, versuchte Zungenküsse und probierte auch öfters, ob sein Glied in meine Scheide paßte. Wenn er sich befriedigt hatte, war der ganze Spuk vorbei.

Die Folge dieser nächtlichen Besuche waren Schlafstörungen und starke Konzentrationsschwierigkeiten in der Schule. Besonders schlimm war es immer dann, wenn er oralen Verkehr wünschte. Heute empfinde ich sogar noch Ekelgefühl und Aggressionen, wenn ich Kinder sehe, die Eis lecken. Auch bei Szenen im Femsehen und Kino, in denen Frauen bedrängt, vergewaltigt werden, könnte ich um mich schlagen. Ich werde dann ganz nervös und muß den Raum verlassen.

Mein Vater verstand es, ständig in meiner Nähe zu sein, wenn ich duschte oder mich umzog.

Das Schlimmste passierte, als ich 12 Jahre alt war. Beim Himbeerpflücken. Nachdem er meine Mutter, meine Schwester (8 Jahre) und meinen Bruder (1 Jahr) nach Hause geschickt hatte, drückte mein Vater mich in einen Busch und zog mir trotz Gegenwehr meinen Schlüpfer aus. Es fand damals zum erstenmal der Geschlechtsverkehr statt. Ich bin danach in wilder Panik und Angst nach Hause gelaufen.

Wenn ich heute darüber nachdenke, würde ich sogar sagen, daß ich einen Schock bekommen hatte. Ich konnte niemandem ins Gesicht sehen, sohabe ich mich geschämt. Wenn die Möglichkeit bestanden hätte, wäre ich weit fortgelaufen.

Am selben Tag erzählte ich meiner Freundin aus unserem Haus davon. Sie hat es dann gleich ihrer Mutter berichtet. Um mir zu helfen, fragte diese in ihrer Hilflosigkeit bei der Familienfürsorge nach, was man dagegen unternehmen könnte. Die Familienfürsorge schaltete sofort die Polizei ein. Ich wurde dann von der Schule von zwei Beamten abgeholt und zum Revier gebracht. Weil ich mich so schrecklich schämte, habe ich keine Aussage zur Sache gemacht. Die Beamtin erklärte mir, wenn ich aussagen würde, könnte mein Vater mit Gefängnis bestraft werden, und dieses sollte ich mir gut überlegen. Ich wurde dann wieder nach Hause gebracht und mit der Bemerkung entlassen, ich solle in Zukunft beider Wahrheit bleiben.

Meine Mutter war total entsetzt, denn sie hielt alles für ein Mißverständnis und fragte mich, was denn nun eigentlich wirklich passiert sei: Ich sagte ihr alles, schilderte auch meine Angst vor einer Schwangerschaft. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt ja bereits seit neun Monaten meine Regel. Doch Mutter hatte überhaupt kein Mitgefühl mit mir, kein Verständnis Für meine Situation. Statt dessen erzählte sie alles meinem Vater. Der hat sich daraufhin sofort einen Anwalt genommen und alles abgestritten. Es wurde mit wilden Phantasien meinerseits abgetan, und ich hätte da wohl etwas mißverstanden, da es bei uns üblich war, nackt durch die Wohnung zu laufen. Irgendwie hatte ich gehofft, daß er nun bestraft wird Für die Dinge, die er mir angetan hatte, aber das war ein Irrtum. Er hat mir dann immer wieder eingetrichtert, daß ja nichts Schlimmes passiert sei. Auch mußte ich üben, was ich auszusagen hätte, falls es zu einer Verhandlung kommen würde.

Der Rechtsanwalt konnte die Sache niederschlagen, und mein Vater trieb sein Unwesen weiter. Ständig hielt er mir vor, was er alles für mich getan hätte und noch tun würde. Wenn ich mich allerdings nicht seinem Willen beugen würde, hätte ich die Konsequenzen zu tragen. Teuer genug wäre ihm die ganze Sache durch mein unvorsichtiges Reden sowieso schon zu stehen gekommen. Die Rechnung vom Anwalt belaufe sich auf 500 Mark. Stubenarrest und sonstige Verbote waren an der Tagesordnung. Wenn er gnädig gestimmt war und ich mich mal wieder absolut weigerte, ihm zu Willen zu sein, bot er mir 50 bis 100 Mark an. Das Geld habe ich nie genommen und mich auch weiterhin gegen seine Übergriffe gewehrt. Unterschriften unter schlechte Noten habe ich dann ab und zu selber geleistet, um nicht von ihm abhängig zu sein. Die Übergriffe meines Vaters gingen jetzt verstärkt auf meine kleine Schwester über. Als meine Mutter und ich einmal nicht zu Hause waren, hat er sich auch an ihr vergriffen. Da meine Schwester und ich ein starkes Vertrauensverhältnis zueinander hatten (und auch heute noch haben), erzählte sie es mir sofort, als ich nach Hause kam. Ich stellte draufhin meinen Vater zur Rede und habe ihn angeschrien, warum er nicht seine Finger von uns lassen könne. Es stünde ihm doch frei, in ein Bordell zu gehen und dort seine Bedürfnisse zu befriedigen. Später erst habe ich begriffen, daß es weniger ein starker sexueller Drang war, als daß er seine Macht ausspielen wollte.

Als Folge des sexuellen Mißbrauchs sehe ich bei mir mangelndes Selbstvertrauen und Angst vor allen möglichen Dingen sowie starke Schuldgefühle, die mir das Leben oft sehr schwermachen.

Nach der Geburt meines Sohnes vor sieben Jahren fiel es mir immer schwerer, mit meinem Mann zu schlafen. Bestimmte Situationen erinnerten mich immer wieder an die damalige Zeit und damit an meinen Vater. Es überkamen mich ständig Ekelgefühl, Übelkeit und Bauchkrämpfe.

Durch Zufall bekam ich dann eine Zeitung mit der Anzeige einer Selbsterfahrungsgruppe zum Thema "Sexueller Mißbrauch im Kindesalte" in die Hände. Nachdem ich einen Tag überlegt hatte, habe ich mich dann angemeldet. Es ist die beste Entscheidung gewesen, die ich damals getroffen habe. Endlich fühlte ich mich verstanden. Dort kann ich mich endlich so geben, wie ich bin - und werde auch so akzeptiert. Ich habe das wöchentliche Treffen fest in mein Leben eingebaut und möchte es nicht mehr missen. Ich kann nur allen Frauen und Kindern, die von der Sache betroffen sind, raten, sich an eine solche Gruppe zu wenden, um das Vergangene zu bewältigen. Es nützt einfach nichts, es nur ganz tief bei sich drinnen zu begraben, irgendwann kommt alles an die Oberfläche.«

Marita (14):
"Ich habe Angst vor meinem Opa"

»Ich bin 14 und gehe noch zur Schule. Was ich erlebt habe, hat mich sehr belastet. Deshalb habe ich es aufgeschrieben. Es geht um meinen Opa, der ist 55 und noch sehr vital. Das erste Mal zwang er mich vor zwei Jahren im Wald, ihn mit der Hand zu befriedigen. Jetzt hat er mich zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Er kommt oft überraschend zu Besuch, wenn ich allein zu Hause bin. Manchmal paßt er mich auch am Schultor ab. Dann muß ich mit ihm in den Wald fahren. Wenn ich allein bin, habe ich immer Angst, sobald jemand an der Haustür klingelt. Aber am schlimmsten ist es nachts. Ich muß immer daran denken und habe auch Angst, daß ich ein Kind bekommen könnte. Morgens bin ich dann todmüde. Ich habe deswegen schon viele Klassenarbeiten verhauen.

Meine Eltern begreifen gar nicht, was mit mir los ist. Ich kann nicht mehr richtig fröhlich sein. Meistens kommen mir die Tränen, wenn ich lache. Aber ich kann ihnen das doch nicht sagen. Für die Eltern würde doch alles zusammenbrechen. Ich kann ihnen das einfach nicht antun.

Wie kann ich mich gegen den Opa wehren? Er ist so viel größer und stärker. Und mein Vater erzählt oft, wie er von ihm als Kind durchgeprügelt wurde. Ich habe Angst, er schlägt mich auch. Trotzdem habe ich nun meinen ganzen Mut zusammengenommen und mit meinem Opa gesprochen. Er war schrecklich wütend und hat gesagt, er würde alles abstreiten und daß ich ein kleines verkommenes Biest wäre. Er will alles meinen Eltern gestehen und ihnen erzählen, daß ich ihn verrührthabe und er nichts dafür konnte. Dann, sagt er, käme ich in ein Heim für verkommene Subjekte und dürfte erst mit 18 wieder raus. Er sagt, ihm würde jeder glauben, mir aber keiner. Er könnte beweisen, daß er mir immer Geld gegeben hätte oder mir etwas Schönes kaufen mußte und daß ich ihn erpreßt hätte. Es stimmt, daß er mir schon oft einen Geldschein gegeben oder mir ein T-Shirt oder neulich sogar eine Pocketkamera geschenkt hat. Aber ich habe ihn doch nie darum gebeten oder etwas verlangt. Ich war doch nur froh, wenn alles vorbei war und er mich in Ruhe ließ.

Eins aber ist trotzdem gut:

Seitdem ich mit ihm gesprochen habe, hat er mich nicht mehr angerührt, obwohl er noch einmal in mein Zimmer kam, als meine Eltern nicht da waren. Weil er einen Hausschlüssel hat, kann er auch immer rein. Er hat bloß gebrüllt und ist auf mich los, als ob er mich schlagen wollte. Dann ist er aber abgehauen.

Danach habe ich ihn zwei Wochen lang nicht mehr gesehen. Es war wie im Himmel. Meine Mutter sagte zu meinem Vater, daß mein Opa überlegt, ob er zu meiner Tante nach Bayern gehen soll. Ich wäre so glücklich, wenn er ginge. Dann brauchte ich ihn nie mehr zu ertragen. Aber leider ist mein Opa nun doch nicht umgezogen. Ich habe immer noch große Angst vor ihm. Obwohl er mich nun in Ruhe läßt. Er wartet auch vor der Schule nicht mehr auf mich. Ich habe mich meiner besten Freundin anvertraut. Jetzt holt sie mich morgens ab und begleitet mich auch heim. Mein Opa hätte gar keine Chance mehr, mich allein zu erwischen. Von meinem Taschengeld habe ich mir auch eine Sicherheitskette an meiner Zimmertür angebracht. Meine Eltern denken, ich spinne, und das sei wegen der Pubertät, aber sie haben nichts dagegen. Ich habe echt liebe Eltern. Und ich bin froh, daß sie nichts wissen. Es reicht schon, wenn mein Leben verpfuscht ist. Ich bin ja noch jung. Und ich werde damit auch irgendwie fertig. Meine Freundin will jetzt durch ihren großen Bruder eine Gaspistole besorgen lassen. Die kriege ich. Ich lasse jedenfalls keinen mehr an mich heran. Und den Opa schon gar nicht. Aber ich glaube, er wird es nicht mehr versuchen. Er hat wohl gemerkt, daß ich mich wehren kann."

Hildegard (36):

"Brüder und Vater mißbrauchten mich"

»Dieses Jahr werde ich 36. Ich sehe gut aus, bin körperlich fit und nicht die Dümmste. Wir haben ein schöner Haus mit Garten und Geld auf der Bank. Äußerlich ist alles roger, aber innerlich bin ich ein Wrack.

Mein Mann lebt nur noch pro forma neben mir. In Wahrheit liebt er eine andere Frau. Die jüngste unserer drei Töchter ist fünf. Ihre Zeugung war der letzte Versuch, unsere Ehe zu retten. Mißlungen natürlich, wie mir alles privat mißlingt. Ich bin der totale Versager. Zu verdanken habe ich mein verkorkstes Innenleben meinem Vater sowie meinen Brüdern.

Ich war sieben, als es anfing. Mein ältester Bruder Manfred, damals 15, kam eines Abends in mein Bett, schob mein Nachthemd hoch und steckte seinen Penis in mich rein. Das passierte so klipp und klar, wie ich es beschreibe. Ich hatte keine Ahnung, was da vor sich ging, bloß daß er mir weh tat. Als ich schreien wollte, hat mein Bruder mir die Kehle zugedrückt und geschworen, er bringt mich um.

Von da an kam mein Bruder oft zu mir ins Bett. Das war einfach, weil wir alle in einem Zimmer schliefen. Mein jüngerer Bruder war damals 12 und guckte uns von seinem Bett aus zu. Irgendwann wollte er mitmachen. Da verlangte mein Bruder Geld von ihm oder daß er meinem Vater Zigaretten klaut. Mein jüngerer Bruder Guido war damals in der Vorpubertät und ejakulierte noch nicht. Aber er verlangte von mir, daß ich seinen Penis reibe, während mein Bruder Manfred mit mir schlief. Ich war inzwischen total eingeschüchtert und machte alles, was sie von mir wollten.

Mein Vater kam erst dazu, als ich schon 12 war. Mein ältester Bruder war gerade zum Militär gekommen. Ich hatte es meistens allein mit meinem jüngeren Bruder zu tun. Der war jetzt soweit, daß er es richtig mit mir machte. Manchmal kam ich dann auch. Aber ich war meistens zu ängstlich. Mein Vater ertappte uns dabei. Er wollte wissen, wie lange das schon geht. Wir erzählten ihm dann alles, und ich dachte, jetzt hört das endlich auf. Ich klammerte mich so richtig an meinen Vater, und da merkte ich, daß ihm der Penis auch steif wurde. Ich war so entsetzt und enttäuscht.

Mein Vater befahl uns, es miteinander zu machen. Er saß nur da, aber ich sah, daß er sich dabei selbst befriedigte.

Höchstens ein paar Wochen später machte er es dann mit mir, um, wie er sagte, meinem Bruder zu zeigen, wie so was richtig geht. Er führte dann vor, wie man die Klitoris der Frau erregt und wie man Analverkehr macht. Als er fertig war, durfte mein Bruder wieder. Ich hatte eigentlich nur noch das Gefühl, überall und immerzu voll mit diesem weißen Zeugs zu sein. Ich wusch mich stundenlang, so daß meine Mutter dauernd meckerte. Wie gern hätte ich ihr alles erklärt! Aber sie war eine strenge Frau, die schnell mit dem Kochlöffel bei der Hand war. Die hätte mich erst mal windelweich gehauen und mir doch nicht geglaubt.

Als ich 16 war, wurde ich schwanger. Von wem, weiß ich nicht. Mein Vater arrangierte die Abtreibung in Holland, wo man das damals nicht so genau nahm. Danach zog mein jüngerer Bruder aus. Ich hatte nur noch einen Liebhaber, meinen Vater.

Mit 17 lernte ich meinen Mann kennen. Er war 10 Jahre älter als ich und wollte vom ersten Tag an mit mir schlafen. Mein Vater war unheimlich eifersüchtig, bewachte mich und ließ mich kaum aus dem Haus. Einmal, als meine Eltern abends aus waren, ließ ich ihn nachts zu mir rein und schlief mit ihm. Er war enttäuscht, daß ich keine Jungfrau mehr war, aber ich wagte nicht, es ihm zu erklären. Dann wurde ich von ihm schwanger, und so heirateten wir.

Jahrelang hoffte ich, aus mir würde mit den Jahren eine normale Frau. Statt dessen nahm mein Ekel vor dem Geschlechtsverkehr immer mehr zu. Mein Mann war anfangs geduldig, weil er meinte, ich sei ja noch sehr jung. Er gab sich wirklich Mühe, war rücksichtsvoll. Aber mit mir wurde es nicht besser. Ich denke oft, es wäre vielleicht besser gewesen, ihm alles zu sagen. Jetzt ist es zu spät."

Bearbeitung:
Sibylle Weimer

*>lnzest - Tatort Familie< von Karin Jäckel, Moewls Verl., 12,80 Mark

 

Inzest - was bedeutet das?

Das Wort Inzest, lateinisch incestus, steht in unserem Sprachgebrauch gleichbedeutend für unrein, frevelhaft, blutschänderisch.

Das Lexikon erklärt Inzest so:

"Sexuelle Beziehungen (insbesondere Geschlechtsverkehr) zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Geschwistern (auch Verwandten)"

Inzest (oder auch Blutschande) wird nach Paragraph 173 des Strafgesetzbuches mit Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren oder Geldbuße geahndet Für Inzest und sexuellen Mißbrauch von Kindern allgemein sieht der Paragraph 176 Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren, in besonders schweren Fällen bis zu zehn Jahren vor.

 

Inzest: Oft gbt der Täter sogar dem Opfer die Schuld

Dr. Michael Heilemann - Vater von zwei Kindern, hat als Psychotherapeut besondere Erfahrung auf dem Gebiet sexueller Gewalt Er leitet eine Therapiegruppe für inhaftierte Vergewaltiger im Gefängnis von Hameln.

Dr. Heilemann: »Gerade in Fällen von Kindesmißhandlungen - und dazu gehören die hier angeführten Inzest-Beispiele - führen die Täter zu ihrer Entschuldigung immer wieder an, das Kind habe sie sexuell anmachen wollen. Manche berufen sich darauf, sie hätten beobachtet wie ihre kleine Tochter sich selbst befriedigte.

Daß Jungen und Mädchen masturbieren und dabei Orgasmen erleben können, ist jedoch völlig natürlich. Erwachsene müssen sich hüten, kindliche Sexualität mit den Begierden und Vorstellungen reifer Menschen gleichzusetzen. Grundfalsch ist es also, wenn ein Vater, der mit seinem Töchterchen schmust und sieht, daß sie an ihrer Scheide spiele dann glaubt, sein Kind wolle ihn verführen.

Ein Vater, der sexuelle Handlungen an seinem Kind durchführt oder von diesem an sich manipulieren läßt, stört die natürliche Entwicklung des Kindes und begeht einen nie wieder gutzumachenden Vertrauensbruch.

Psychisch gelten solche Männer als neurotisch und krank Sie sind einsame, wenig selbstbewußte, kontaktschwache Menschen, die sich ihr angebliches Recht auf Freude und sexuelle Befriedigung beim schwächsten aller Partner holen, bei ihrem eigenen Kind.

Das ist Ausbeutung in der allerschlimmsten Form und zerstört nicht nur Körper und Seele des Kindes, sondern betrifft immer auch die Mütter. Sie ahnen oder wissen oft, was sich zwischen Vater und Tochter tut, schreiten aber selten dagegen ein - aus Angst vor dem Mann, aus Scham vor der Umwelt Dabei ist sexueller Mißbrauch in der eigenen Familie der sicherste Weg, Harmonie und Achtung für immerzu zerstören. Der sexuelle Mißbrauch von Kindern ist«, so der Psychotherapeut, "keineswegs beschränkt auf Familien der unteren sozialen Schichten. Zwar werden aus diesen Kreisen häufiger solche Fälle bekannt, doch das liegt daran, daß die >Verdeckungspraktiken< in den sogenannten besseren kreisen raffinierter sind. inzest - das ist ein delikt, das in allen gesellschaftlichen schichten anzutreffen ist"

 

Hier finden Betroffene Rat und Hilfe

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