Buchbesprechungen

"Es kann jede Frau treffen -
Vergewaltigung"

ES KANN JEDE FRAU TREFFEN

Für Sie

1988

Wie sehr Sexualverbrechen immer noch ein Tabu-Thema sind, erlebte Karin Jäckel, 39, als sie in ihrem Bekanntenkreis erzählte: "Ich schreibe ein Buch über Vergewaltigungen." Die erste Reaktion der Männer: "Mein Gott, warum gibst du dich mit so was ab?", die der Frauen: "Glaubst du wirklich, daß das so gefährlich ist - für jede?" Auch die Autorin selbst gibt zu, daß sie am Anfang zweifelte, weil sie wie die meisten Frauen das Gefühl hatte: "Das passiert anderen, aber mir doch nicht." Ein dreiviertel Jahr recherchierte sie, wertete Gerichtsakten aus, informierte sich bei der Opfer-Organisation "Weißer Ring" und sprach mit 120 vergewaltigten Frauen. Herausgekommen ist ein eindrucksvoller Report mit zehn Beispielen, dem sie schließlich den Titel "Es kann jede Frau treffen"* gab.

Karin Jäckel 1989

Karin Jäckel betont immer wieder: Nur ganz selten ist der Sexualverbrecher der Fremde, der nachts hinter Büschen lauert. Die meisten Opfer kennen den Täter, und die meisten Vergewaltigungen finden in geschlossenen Räumen, häufig sogar in der Wohnung des Opfers, statt. Und, das ist ihr nach vielen Gesprächen mit vergewaltigten Frauen klargeworden, "in so einer Situation helfen auch keine Waffen wie Spraydosen, Gaspistolen oder Alarmgeräte. In dieser Situation kann man nur noch versuchen, sowenig Schaden wie möglich zu nehmen. Unzulängliche Verteidigungstechniken setzen den Täter nicht außer Gefecht, sondern sie haben häufig sogar die gegenteilige Wirkung: sie reizen ihn und machen ihn noch aggressiver." Das einzige, was wirklich nützt, ist Vorbeugung. Karin Jäckel: "Frauen müssen vor allen Dingen lernen, aufmerksamer zu werden, Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen und zumindest im Auge behalten, daß bestimmte Signale (zum Beispiel sich einladen oder umwerben lassen, in fremde Autos steigen) von Männern immer noch mißverstanden werden können."

* Heyne Verlag, 9,80 DM.