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Teil 4
Karin an Josefine
22. August 2003
Liebe Josefine,
danke ganz herzlich für deine Arbeit, die du mit dem Abtippen auch noch doppelt übernommen hast. Vielleicht hast du Lust, als kleines Dankeschön mein neues Buch geschenkt zu bekommen? Es heißt "Isis, die Fürstin der Nacht" und handelt von einer Frau, die als Kind in einer satanistischen Familie aufwuchs.
Wenn ja, brauche ich deine Adresse.
Du fragst mich nach der Bewertung deiner Arbeit. Ich war und bin nie gut im Noten geben gewesen. Außer in Mathe und Naturwissenschaften, wo es um Zahlen und logische Wege geht, die einer festen Regel folgen und dadurch stetig sind, finde ich Noten nicht wirklich nachvollziehbar.
Gerade in den eher philosophischen Fächern und Sprachen sind sie meiner Meinung nach sogar fehl am Platz, weil sie zum großen Teil Ausdruck der persönlichen Meinung und Wertung der jeweiligen Lehrkraft sind, also nicht zwingend nachvollziehbar, und außerdem zutiefst verunsichern können und dadurch genau das Wichtigste hemmen, nämlich eigene Meinungen und Ideen zu entwickeln und sicher auszudrücken.
Aber konkret: Ich hätte deine Note auf mindestens "gut" gesetzt, weil du dir nachweislich sehr viel Mühe gemacht hast mich aufzutreiben, mich zu interviewen, mir sehr persönliche
Informationen zu entlocken und dadurch ein hohes Maß an eigenständigem Denken und Handeln sowie journalistisches Gespür und Geschick gezeigt hast.
Dazu gehört auch, dass du deine Erkenntnisse nicht nur rekapituliert bzw. von meinen schriftlichen Antworten abgeschrieben, sondern eigenständig aufbereitet und überzeugend vermittelt hast. Zu einer solchen persönlichen Kommentierung gehören Selbstvertrauen und Mut,
also Eigenschaften, die bei einem jungen Menschen gefördert werden müssen.
Last not least hast du sehr klar begründet, warum du dich auf die Suche nach mir als Autorin eines bestimmten Buches machtest und dieses Buch im Zusammenhang mit mir als Person vorstellen wolltest. Auch das ist dir sowohl in der Recherche als in der Darstellung
gelungen.
Zu dieser Sorgfalt in Recherche und Ausarbeitung passt, dass deine Darstellungsweise als sauber und ordentlich bewertet wurde. Das heißt für mich, dass du konzentriert, zielstrebig und nicht nur mit Ehrgeiz sondern auch mit Freude gearbeitet hast.
Alle diese Fähigkeiten und Eigenschaften würde ich deshalb weitaus stärker würdigen als Formalien wie eine fehlende Mappe, fehlende Seitenzahlen, fehlende Gänsefüßchen, vergessene Buchstaben udgl.
In einem Kritikpunkt stimme ich deiner Lehrerein zu: es fehlen wörtliche Zitate, die als so genannte "O-Töne" einen Text über eine Person lebendig machen und deren eigene Ausdrucksweise besser spiegeln, als jede beschreibende, erörternde Stellungnahme des Interviewers.
Um O-Töne lebendig und sinnvoll in einen Fließtext einbauen zu können, muss man in der Schule jedoch erst einmal eine andere Darstellungsform als den Bericht oder die Erörterung lernen, nämlich das darstellende Interview als Mixform aus Bericht, Erörterung, Personen- und Textanalyse mit dem Ziel der erzählenden Reportage.
Da du mit meinem jüngsten Sohn gleichaltrig bist, gehe ich davon aus, dass du ungefähr ähnliche Inhalte lernst. Er hat bisher in der Schule noch nicht gelernt, wie ein darstellendes Interview zu schreiben wäre. Und seine beiden älteren Brüder haben dies in der Schule sogar bis zum Abitur nie gelernt.
Solltest du dies auch noch nicht gelernt haben, wäre es meiner Meinung nach unfair, dir wegen fehlender O-Töne oder Zitate einen oder gar mehr Notenpunkte abzuziehen.
Zwei deiner Ausführungen zu meiner Person möchte ich noch ergänzen:
1. Du schreibst, dass ich mir "mit gut vier Jahren" das Lesen selbst beibrachte. Ich möchte diesen Zeitraum unmissverständlicher mit "knapp fünf Jahren" bestätigen und dazu ergänzen, dass ich mir das Lesen natürlich nur selbst beibringen konnte, weil ich meine Mutter immer wieder nach den Buchstaben gefragt habe. Meine Mutter hat sie mir auch immer wieder geduldig erklärt, indem sie mit mir auf dem glatt gestrichenen Sand des Sandkastens vor dem Haus das Schreiben und Lesen dieser Buchstaben übte. Eines Tages, kurz vor meinem 5. Geburtstag, überraschte ich sie damit, dass ich ihr aus den Schlagzeilen der Tagespresse vorlas.
2. Meine Eltern haben sich wegen meiner "Schreiberei" immer große Sorgen um meine berufliche Entwicklung gemacht. Da ich mich ständig mit Büchern beschäftigte und schon früh davon träumte, eines Tages selbst Bücher zu schreiben, befürchteten sie mit Recht, dass ich mir "Flausen in den Kopf setzen" könne. Sie hatten Angst, dass ich, statt fleißig in der Schule zu lernen, um später mal auf eigenen Beinen stehen und meinen Lebensunterhalt mit einem "anständigen Beruf" verdienen zu können, meine Energie an eine unerfüllbare Illusion verschwenden würde. Das versuchten sie zu verhindern, indem sie von Anfang an dagegen waren, dass ich mich im Bücherschreiben versuchte, und mich dies auch ganz klar wissen ließen. Trotzdem haben sie mir nie verboten, jedes Buch zu lesen, das ich nur irgend in die Finger kriegen konnte, oder meinem Bruder stundenlang selbst erdachte Geschichten zu erzählen. Sie wollte nur nicht, dass ich meine "Schreiberei" zu weit trieb und mir Hoffnungen machte, jemals Schriftstellerin werden zu können.
Dieses Verbot sollte mich aber nicht nur vor den besagten "Flausen", sondern auch vor Enttäuschungen bewahren, denn sie sahen damals schon voraus, was ich später auf meinem Weg zur Autorin in vielen bitteren Stunden voller Enttäuschungen, Selbstzweifeln und zunächst sehr kleinen, hart erkämpften Erfolgsschrittchen lernte: Wer Bücher veröffentlichen will, muss
lernen, böse Kritik in Fortschritte umzuwandeln. Und das tut weh.
Eine abschließende Frage an dich: darf ich deine Arbeit nebst Benotung und meiner heutigen Antwort auf die Website stellen?
Es grüßt dich herzlich.
Karin Jäckel
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