Buchbesprechungen

Monika B. -
Ich bin nicht mehr Eure Tochter"

Monika B. - Eine Ausstellung

von Schülerinnen und Schülern der 10 B
der Heriburg-Hauptschule Neuenkirchen

Februar 2005

Neues von Monika B. im Februar 2005

Geschrieben von Monika B. am 7. Februar 2005 Urheber- und Copyright bei Monika B. Der Text ist auch auszugsweise nur mit ausdrücklicher Genehmigung von Monika B. zu kopieren oder abzudrucken. Entsprechende Anfragen sind zu richten an Dr. Karin Jäckel, siehe http://www.karin-jaeckel.de

Liebe Leserinnen und Leser,

inzwischen bin ich 37 Jahre alt. Seit 13 Jahren bin ich nach dem Opfer-Entschädigungsgesetz (OEG) verrentet. Als Folge des erlittenen Kindesmissbrauchs und der zugehörigen Kindesmisshandlungen bin ich arbeitsunfähig und zu 90 Prozent behindert. Deshalb führe ich einen Schwerbeschädigtenausweis und habe ich seit 1, 5 Jahren eine Haushaltshilfe für 41 Stunden im Monat, die mein Rententräger bezahlt.

Gott hat mich mit einem enorm starken (Überlebens-)Willen ausgestattet, so dass ich, so lange ich denken kann, viel Energie dafür einsetze, mein Leben lebenswert zu gestalten. Ich empfinde es als müßig, darüber nachzudenken, wie mein Leben heute aussehen würde, wenn der Missbrauch/die Misshandlungen nicht stattgefunden hätten. Es begann vor meinem ersten Lebensjahr und hat erst vor vier Jahren definitiv aufgehört. So ist alles "Wenn und Aber" Quatsch.

Ich habe von 1984 - das Jahr, in dem mein Bruder starb, - bis 1996 eine "Psychiatrie-Karriere" erlebt bzw. überlebt, welche mir jedes Jahr mindestens drei Monate lang, meist für mehr, einen Aufenthalt in einer psychiatrischen Einrichtung einbrachte. Überwiegend verbrachte ich diese Monate in der geschlossenen Abteilung unter geistig und seelisch schwerst Erkrankten, die keinerlei Kontakt zur Außenwelt haben durften.
Zeitweilig habe ich in diesen Einrichtungen neue sexuelle und körperliche Gewalt durch Mitbewohner und Pflegepersonal erfahren. Geglaubt wurde mir nicht. Ich war nach Meinung der Verantwortlichen in diesen Einrichtungen die "Verrückte", obwohl ich nachweislich zu keiner Zeit geisteskrank war. Nicht meine Lebensumstände wurden als "verrückt" erkannt, nein, ich selbst. Und entsprechend wurde ich immer wieder mit Medikamenten zugedröhnt und zum Zombie gemacht.
Diese zwölf Jahre waren unmöglich zu überleben, ohne massiven Schaden an Leib und Seele davon zu tragen. Ich wünschte mir nichts mehr, als endlich selbstbestimmt leben zu dürfen. Doch nach Meinung der mich damals betreuenden Pfleger in den Heimeinrichtungen, in denen ich lebte, und der mich behandelnden Ärzte würde ich niemals in der Lage sein, alleine und eigenverantwortlich zu wohnen. Kein Mensch, der so etwas nicht selbst erlebt hat, kann meine Verzweiflung ermessen.

Der Wandel begann 1996. Damals nahm ich eine Therapie in einer Beratungsstelle bei einer Frau auf. Diese Frau verstand meine Situation und meine Not und bot mir von sich aus zwei Termine in der Woche an, um mich davor zu bewahren, weiterhin so häufig in die Klinik eingewiesen zu werden. Sie sicherte mir zu, mich nicht ohne mein Einverständnis in die Klinik zu bringen. Da ich nicht in der Lage war, ihr zu glauben, habe ich diese Therapeutin exzessiv auf die Probe gestellt.

Bis heute, neun Jahre später, durfte ich jedoch durchwegs erleben, dass sie wirklich nichts gegen meinen Willen tat und tut. Und so bin ich immer noch bei ihr in Therapie und arbeite meine Kindheits- und Jugenderfahrungen auf. Wir haben gemeinsam inzwischen Riesenberge versetzt. Aber noch immer ist kein Ende in Sicht.

Ein Jahr nach Beginn dieser Therapie, 1997, wagte ich den seit Jahren ersehnten Umzug in eine eigene Wohnung und verließ das Heim, in dem ich bis dahin untergebracht und betreut worden war. Obwohl ich seitdem auf eigenen Füßen stehe, ist es jedoch nicht absehbar, ob ich jemals ohne Hilfe von außen leben können werde.

Seit dem Sommer 1999 leide ich nämlich - nach einer "Begegnung" mit meinem "Erzeuger" - unter Krampfanfällen. Keine Epilepsie, sondern Krämpfe, die durch bestimmte Worte, Mimik, Gestik, Gerüche und vieles mehr ausgelöst werden und unkontrollierbar auftreten. Dieses Anfallsleiden kam zu allen anderen Folgen des sexuellen Kindesmissbrauchs hinzu.

Mit meiner Vergangenheit ist es ein Wunder, dass ich überhaupt noch lebe. Aber diese Vergangenheit bleibt. Sie lässt sich nicht einfach überwinden und abstreifen. Nein, sie wird mich mein ganzes Leben lang beeinflussen. Und nicht der Täter, sondern ich muss mich bis zum Tode für mein verpfuschtes Leben und meine Handlungen rechtfertigen, weil sie nicht irgendwelchen Normen entsprechen.

Kinder werden sexuell missbraucht und misshandelt. Sie haben meistens das ganze Leben lang mit den Folgen des Missbrauchs zu kämpfen. Die Folgen verschwinden nicht, wenn die Täter eventuell verurteilt werden. Und vergessen kann man so etwas nie!

Die Täter, - Männer und Frauen - bekommen als Kindesmissbraucher höchstens 15 Jahre nach unserer Rechtsprechung. Oft kommen sie mit Bewährung davon. Bei Vergewaltigung ist die Höchststrafe lebenslänglich. Aber dieser, unser deutscher Rechtsstaat erkennt die Vergewaltigung von Kindern nicht an, - Kinder werden zwar real vergewaltigt, aber der Gesetzgeber nennt das nur missbraucht.
Ist etwa das, was Kinder aushalten müssen, wenn sie vergewaltigt werden, irgendwie weniger schlimm, als wenn ein Erwachsener vergewaltigt wird? Hat man ein Kind wirklich nur missbraucht, das heißt "falsch benutzt", wenn man es vergewaltigt? Ist ein Erwachsener vor dem Gesetz mehr wert als ein Kind? Ist sexueller Kindesmissbrauch deshalb weniger strafbar als Vergewaltigung? Weil es dabei bloß um Kinder, also um kleine Menschen, nicht um große, geht?

Unser Staat kümmert sich vorzüglich um Täterinnen und Täter, gibt sehr viel Geld für sie aus. Bei der Strafzumessung können sie mit großem Verständnis von Seiten der Richterschaft rechnen. In vielen Fällen muss das Opfer erleben, dass jahrelanger sexueller Missbrauch, den man als Kleinkind erlitten hat, bereits verjährt ist und nicht mehr bestraft werden kann. Auch in meinem Fall wurde meinem "Erzeuger" deshalb ein Jahr Haft erlassen.
Wer gesteht, dem wird von vorne herein Strafminderung versprochen. Oft kommt es zu Bewährungsstrafen. Wird eine Haftstrafe ausgesprochen, schöpfen Richter selten die Höchststrafe aus. Und fast immer erfolgt nach zwei Drittel der Haftzeit die vorzeitige Entlassung des Häftlings wegen "guter Führung" aus dem Gefängnis. Auch mein "Erzeuger" hatte dieses Glück.

Opfer - wie ich - erdulden nicht nur das seelische und körperliche Leid des ihnen aufgezwungenen sexuellen Kindesmissbrauchs, den Täter und Täterinnen als sexuelle Lust genossen und gewollt haben.
Wenn Opfer nach jahrelangem sexuellen Kindesmissbrauch überhaupt noch die Kraft und den Überlebenswillen aufbringen können, das Jugendamt um Hilfe zu bitten oder polizeiliche Strafanzeige zu erstatten, wird ihnen oftmals gar nicht geglaubt. Glaubt man ihnen aber, müssen sie alles aufgaben, was ihr bisheriges Leben ausmachte, denn nicht die Täter oder Täterin, sondern das Opfer wird aus der Familie heraus genommen und irgendwo fremd untergebracht. In einem Wohnheim, in einer betreuten Wohngemeinschaft, in einer Pflegefamilie, meist weit weg von allen Freunden und Freundinnen, von der bisherigen Schule, von allem, was man kennt und mag.
Opfer müssen auch, - so, wie ich - über Jahre bei der polizeilichen und richterlichen Ermittlungsarbeit jederzeit alles Erlebte wahrheitsgemäß wiedergeben, obwohl man die qualvollen Erinnerungen am liebsten für immer vergessen will. Opfer müssen sich, - so, wie ich - oftmals mehreren psychologischen Glaubwürdigkeitsgutachten unterziehen und dürfen sich dabei niemals in Widersprüche verstricken, weil man sonst als unglaubwürdig eingestuft wird. Täter und Täterinnen dürfen jedoch lügen, dass sich die Balken biegen, und müssen trotzdem keine Glaubwürdigkeitsgutachten über sich ergehen lassen. Das Opfer muss ihnen den Kindesmissbrauch beweisen. Deshalb muss es sich sehr genau an die Tat erinnern, am besten mit Zeit- und Ortsangabe und vielen nachprüfbaren Details.
Da man als Opfer meist auch der einzige Zeuge oder die einzige Zeugin der Tat ist, gelingt ein solcher Beweis manchmal nicht gut genug. Dann spricht das Gericht "In dubio pro reo", im Zweifel für den Angeklagten. Diese Angst, dass man als Opfer die Tat nicht gut genug beweisen könne und sich genau das erfüllen würde, was einem die ganze Missbrauchszeit über prophezeit wurde, dass einem sowieso keiner glaubt und man für immer als verrückt erklärt wird, ist mörderisch.

Ich verfolge die öffentliche Debatte zum Thema sexueller Kindesmissbrauch und Kinderpornographie sehr genau. Immer wieder wird dabei über höhere Strafe geredet. Als Betroffene denke ich, dass dieses Gerede über Strafen nicht ausreicht.
Ich finde, Kinder sollten endlich als mindestens ebenso wichtig und wertvoll angesehen und geachtet werden wie Erwachsene. Dann müsste niemand mehr über höhere Strafen nachdenken, weil sexueller Kindesmissbrauch endlich als das erkannt und geächtet würde, was es ist, nämlich Vergewaltigung. Und zwar die schlimmste Vergewaltigung, weil sie wehrlosesten Opfern angetan wird, worauf die Höchststrafe steht: Lebenslänglich.

Ohne die höhere Wertschätzung von Kindern, ist das ganze Geschwätz der Politiker über höhere Strafen für sexuellen Kindesmissbrauch überflüssig. Kindesmissbraucher werden sowieso fast nie erwischt, weil die Opfer aus Angst und Scham und Liebe zum Vater oder zur Mutter oder anderen Tätern aus der Familie schweigen. Deshalb bitte ich darum, dass jede Person bei sich selbst anfangen möge, Kinder zu schützen.

Verschließt die Augen und Ohren nicht, wenn Kinder sich euch anzuvertrauen versuchen. Schaut genau hin, was mit Kindern in der eigenen Familie oder in der Nachbarschaft passiert. Glaubt nicht, dass Kinder immer lügen, wenn sie den Mund aufmachen, denn Kinder haben zwar vielleicht eine blühende Phantasie, aber die Sexualität von Kindern und die sexuelle Phantasie von Kindern ist ganz anders als die von Erwachsenen. Wenn sie so ist, wie die von Erwachsenen, dann stimmt etwas nicht.

Und denkt daran, sexueller Kindesmissbrauch würde niemals so oft vorkommen und der Schwarzmarkt mit Kinderpornos würde nie so blühen, wenn der Bedarf an "sexueller Lust am Kind" nicht so groß wäre. Deshalb fordere ich: Stoppt diesen Bedarf!

Lehrt Kinder zu Hause und in der Schule, was sexueller Kindesmissbrauch ist, welche Rechte Kinder haben und wer ihnen in Notsituationen helfen kann. Filme mit Sex-Szenen und Bananen mit Kondomen reichen zur Aufklärung nicht aus.

Aus diesem Grund habe ich mich gefreut, um ein Grußwort zu einer Ausstellung über sexuellen Kindesmissbrauch gebeten worden zu sein. Hätte es eine solche Ausstellung in meiner Schulzeit gegeben, würde mein Bruder Georg heute vielleicht noch leben.

Eure
Monika B.