"...weil mein Vater Priester ist"

Sag keinem, wer dein Vater ist
...Weil mein Vater Priester ist
Denn das Weib soll schweigen in der Kirche

Karin Jäckels Bücher über und mit Thomas Forster

 

In Memoriam für meinen jungen Freund
Thomas Johannes Forster,
der in der Nacht zum Karfreitag 2007
für immer einschlief.

Die Nachricht von Thomas' überraschendem Tod

Betreff: Thomas
Datum: 12. Apr 2007 08:28

Liebe Frau Jäckel,

Thomas ist am letzten Donnerstag normal abends ins Bett gegangen. Er war fröhlich und guter Dinge. Er hatte Zukunftswünsche und viele Ideen.

In der Nacht zum Karfreitag ist er jedoch an einem plötzlichen Sekundenherztod verstorben.

Da er wie schlafend, seelig und ruhig im Bett lag, ist seinen Mitbewohnern und mir erst am Dienstag aufgefallen, dass er tot war. Er zeigte keinerlei Zeichen eines Problems, sondern lag ganz ruhig im Bett.

Da der Tod unklar war, musste er bis gestern abend im gerichtsmedizinischen Institut untersucht werden. Dort hat man festgestellt, dass er eine angeborene Herzanomalie hatte, wahrscheinlich ausgelöst durch einen Skorpionstich bei mir in der 4. Schwangerschaftswoche. Von diesem Problem wusste niemand.

Die Beerdigung ist schon diesen Freitag, den 13.4. morgens um 8.30 im Nordfriedhof in München.

Alles Liebe
Gisela Forster

Er hat mehrere Texte zum Tod geschrieben, die unter http://www.forestfactory.de stehen, darunter FÜR DEN FALL, DASS ICH STERBE...

In Memoriam
von Karin

1977 kam Thomas Johannes Forster zur Welt.
2007 verließ er sie.

Mit neun schien er erwachsen genug zu erfahren, wer sein Vater ist.
Mit zwölf schien er endlich einen Vater zu bekommen.
Mit siebzehn wusste er, dass sein Wunschtraum unerfüllbar bleiben würde und erkrankte an Krebs. Er überwand seine Depressionen und überlebte.
Mit zwanzig veröffentlichte er zusammen mit mir seine Lebensgeschichte.
Mit dreißig wachte er nicht mehr auf.

Ob er nun endlich "frohlockend" in den "Spitzen der Bäume, wo ich zuletzt geborgen war", sitzt und "das Glück, das mir sonst mein ganzes Leben nicht so hold war", ihn wieder "auf die Wange küsst"?

Thomas, ich bete für Dich, dass es so ist.

Der Tod war für Thomas ein vertrauter Begleiter. Er hat seine Nähe lange gespürt, während er gegen den Krebs kämpfte und siegte. Gefürchtet hat er ihn wohl nicht.

Und als er nun kam, um ihn mitzunehmen, geschah es im Schlaf. Sanft, leise, unbemerkt. Im Frühling seines Lebens, im Frühling des Jahres, zu Ostern, im Zeichen der Auferstehung. Ich glaube, Thomas würde Ostern als Sterbedatum gut finden.

"Gott holt seine Liebsten früh", heißt es im Volksmund. Thomas gehörte ganz sicher dazu. Auch wenn die Welt das wohl eher nicht so sah.

Gott war für ihn von wesentlicher Wichtigkeit. Auf seiner Webseite schrieb er:
"Gott ist für mich vielmehr ein Begriff für "das, was die Welt im Innersten zusammenhält". Und um deine Frage "Brauchen wir einen Gott?" zu beantworten: Ja."

Gott hielt auch Thomas im Innersten zusammen.

Und genau so, wie er im Leben immer das DU im Blick hatte, so klingt sein Gedicht "Nur für den Fall, dass ich sterb" über seinen Tod hinaus wie ein lächelnder Trost für die, die um ihn weinen. So wie ich.

 Nur für den Fall, dass ich sterb

Nur für den Fall

Nur für den Fall, daß ich sterb
Soll keiner glauben,
Ich hätt's nicht gern getan.
Soll keiner glauben,
Ich hätt nicht gern gelebt.
Bin gern geschwommen, gern gelaufen,
Hab gern geraucht, gern gesoffen,
Gern geschlafen, bin gern erwacht,
Und sollt ich mal was anderes gesagt haben,
Dann bin ich zumindest gern gestorben.

Schlaflose Nächte und Tagträume sind nun vorbei.
Glauben und Wissen sind einerlei.
Und sollt ich mal traurig gewesen sein,
So bin ich nun froh,
Denn gern war ich am leben
Und gern bin ich tot

Und nur für den Fall, daß ich noch leb,
Soll keiner glauben,
Ich würds nicht gerne tun:
Dem Tod ins Gesicht lachen,
Wann immer er sich zeigt,
Den Traum leben und den Alptraum
Und es gern tun,
Bis ich sterb.

Berlin, 14. Nov. 2001

http://dadadata.forestfactory.de/dadadata/
Gedankenwelt/Philosophie/Brauchenqq__wirqq__Gottqqqask

St. 12.4.2007

 

Thomas und sein Buch
"...weil mein Vater Priester ist"
Lübbe Verlag, März 1997

Als ich Thomas kennen lernte, war er ein großer Junge, nur wenig jünger als mein ältester und wenig älter als mein zweitgeborener Sohn und ich mochte ihn sofort.

Er lachte gern. Aber seine Augen und seine Gedanken waren ernst. Viel zu ernst. Tiefgründig. Schwermütig. Oftmals auf sarkastische, ironische Weise humorvoll. Voll beobachtender Neugier auf das Leben und sehr gescheit.

Wie so viele hochintelligente Schüler litt er an der Schule und an Freunden, die sein Anderssein nicht teilen konnten. Vor allem aber litt er daran, "die Wahrheit meines Lebens immer etwas passender machen zu müssen", wie er es nannte.

Thomas war der geheime Sohn eines katholischen Priesters, der als Schuldirektor des Gymnasiums tätig war, an dem seine Mutter als Kunstlehrerin unterrichtete. Niemand durfte etwas von der Liebe seiner Eltern wissen. Die Kirche als Institution der Liebe Gottes besteht bis heute auf dem Zölibat als bindendes Versprechen der Ehelosigkeit und sexuellen Keuschheit aller katholischen geweihten Priester.

Der Papst halte seinen Vater in Rom gefangen, erklärte die Mutter dem fragenden Kind. Und Thomas stellte sich seinen Vater als unverzichtbar wichtigen, deshalb unabkömmlichen Arzt des alten, kranken Papstes vor.

Als er mit neun Jahren erfuhr, dass sein Vater der unscheinbare Pater war, der im Haus der Mutter ein und aus ging, brach für den Jungen in mehrfacher Hinsicht eine Welt zusammen.

Einige Jahre hielt er die Last des elterlichen Geheimnisses, die Qual der dadurch erzwungenen Lügen aus. Doch der Druck der seelische Vereinsamung des gegenüber allen Freunden zum Schweigen und Tatsachenverdrehen gezwungenen Kindes und die Gewissensnot des streng katholisch Erzogenen, der seine Eltern im Stand der Sünde begriff und sich selbst als verbotenes Kind dieser Sünde wahrnahm, nahmen ständig zu. Er wurde krank, todkrank. Krebs breitete sich im Lymphsystem seines Körpers aus.

In dieser Zeit der Naherfahrung des Todes lernte Thomas los zu lassen: Die Angst vor einem strafenden Gott, die Angst vor dem Leben als "Sacrilegus", dem vermeintlichen "Tempelräuber" der katholischen Kirchen, und die Angst vor dem Tod. Gott wurde in dieser Zeit zum Freund, "dem ich vertrauen kann, der mir nichts Böses will."

Und als hätte es nur dieses Lernprozesses bedurft, wurde Thomas gesund.

Als wir uns kurz nach seiner Krankheit wiedersahen, beschlossen wir spontan, zusammen ein Buch über sein Leben zu veröffentlichen. Es erschien im März 1997 im Lübbe Verlag.

Für Thomas wurde aus der damit verbundenen Zeit der intensiven Rückbesinnung eine Selbsttherapie. Und ich genoss die Arbeit mit ihm. Nie zuvor und nie wieder habe ich ein Buch geschrieben, das so leicht, kontinuierlich und harmonisch zu erarbeiten war.

Die Presse griff sein Schicksal mehrfach auf. Als "Spiegel"-Autoren seine Geschichte in einem Buch aufgriffen und seinen Text "Masken" druckten, hoffte er vergebens auf eine Chance als Autor. Talkmaster luden ihn in ihre Shows ein, die BILD berichtete groß aufgemacht.
Thomas wurde es müde, immer wieder dieselben Fragen zu beantworten, die doch nicht das für ihn Wesentliche trafen.
Er hatte sich gewünscht, dass sein Leben als Kinofilm auf die Leinwand käme.
"Til Schweiger als Thomas Forster, das wär's doch.", sagte er zu mir und setzte dabei sein Schalksgesicht auf. "Ob ich das erlebe?"

Es tut weh, dass Du es nicht erlebt hast, Thomas.

Wir hielten locker Kontakt, korrespondierten, telefonierten. Thomas liebte Musik und war ein begeisterter Bassist. Frank Zappa war eines seiner Idole. Er verfasste Kurzgeschichten, Gedichte und philosophische Gedankenwanderungen sowie Theaterstücke und erarbeitete eigene Filme. Sie sind auf seiner Webseite zu finden, die hoffentlich weiterhin im Netz bestehen bleiben wird.

http://www.forestfactory.de

Zuletzt lebte er in München in einer Wohngemeinschaft, studierte Informatik fürs Lehramt und genoss das Stadtleben als ein Stück der Freiheit, nach der er sich immer gesehnt hatte. Nun wird er im Schoß seiner Stadt, auf dem Nordfriedhof, zur Ruhe kommen.

Wie sehr habe ich Dir gewünscht, dass Du lange, gesund und glücklich leben würdest, Thomas. Und wie traurig bin ich für Dich, dass Du niemals das Glück der liebevollen Ehe erfahren durftest und dass Deine größte Furcht sich erfüllt hat, die Du mir über das zum Zölibat-Anlass gewordene Bibelwort zur Ehelosigkeit anvertraut hast: "Wer es fassen kann, der fasse es."

"Ich hoffe", sagtest Du zu mir, "dass Gott nicht mich damit gemeint hat."

Er hat Dich nicht gemeint, Thomas. Du hattest nur zu wenig Zeit "zum Schuh Anprobieren". So nanntest Du das doch.

Trotzdem hinterlässt Du Spuren. In den Herzen derer, die Dich lieb haben, und in unserem Buch.

Als wir es machten, sagtest Du, es sei irgendwie komisch, so jung eine Autobiographie zu schreiben. Es sei, als wäre man jetzt schon vollendet. Nur zehn Jahre später warst Du es.

Karin