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Die Nikolaustage meiner Kinderzeit werde ich nicht vergessen.
Noch als Schulkinder glaubten wir fest daran, daß der Mann im Bischofsgewand, mit der hohen vergoldeten Bischofsmitra auf dem Kopf und dem langen Krummstab in der Hand wirklich und leibhaftig direkt aus dem Weihnachtshimmel auf die Erde heruntergestiegen war.
Wenn er an der Haustürschwelle den Schnee von seinen Stiefeln trat und kräftig mit dem Stab an das Türholz klopfte, schlug uns Kindern das Herz bis zum Hals. Und wenn der Knecht Ruprecht dann, der braune Geselle in der Mönchskutte, mit rauher Stimme :
"Aufgemacht!" rief,
hätten wir uns am allerliebsten wie das jüngste und kleinste der sieben Geislein aus dem Märchen in einem Uhrkasten versteckt. Doch leider besaßen meine Eltern keinen Uhrkasten, und unter dem Tisch hätte uns der Nikolaus auf den ersten Blick entdeckt. Was der Knecht Ruprecht dann mit seiner Weidenrute getan hätte, mußte uns erst gar keiner erklären. Davon hatten wir Geschichen genug gehört.
Also stellten wir Kinder uns der Größe nach ordentlich in einer Reihe auf, zupften den Rock ein letztes Mal glatt und ein Stäubchen von der Hemdsmanschette und schöpften tief Luft. Zusammen sangen wir dem streng dreinblickenden Nikolaus unser Nikolauslied vor. Bei jeder Strophe schien uns sein Gesicht freundlicher zu schmunzeln. Da wurden wir allmählich mutiger und unsere Stimmen fester. Das war auch nötig, denn nach dem gemeinsamen Lied hatte jedes Kind allein etwas vorzutragen.
Seit Tagen hatten mein Bruder und ich , sowie unsere Cousins und Cousinen und die Kinder der besten Freunde meiner Eltern jeder ein schönes, langes Weihnachtsgedicht auswendig gelernt oder ein besonders festliches Stück auf der Flöte oder zur Gitarre einstudiert, hatten immer und immer wieder die Weihnachtsgeschichte in der Bibel geübt, bis das Vorlesen fehlerfrei klappte und außerdem auch jeder ein kleines Geschenk für den Nikolaus gebastelt. Eine Laubsägearbeit, ein schwarzer Scherenschnitt, mit buntem Transparentpapier ausgeklebt, ein Webstückchen, ein Taschentuch mit gehäkelter Spitze, ein farbenprächtiges Bild, einen Goldpapierstern. Große Mühe hatten wir uns damit gegeben, denn natürlich sollte der Nikolaus an unseren Geschenken das ganze Jahr bis zu seiner Wiederkehr Freude haben und uns nicht vergessen.
Nun traten wir einer nach dem anderen vor, überreichten unser Geschenk und schnurrten alles Gelernte wie ein Uhrwerk herunter. Wehe, einer blieb dabei stecken, der mußte sich schämen !
Dann aber kam das Schlimmste und zugleich auch Schönste an die Reihe. Jetzt winkte der Nikolaus nämlich dem Knecht Ruprecht mit dem Bischofsfinger, daß dieser sich wie ein Pult vorbeugen mußte, und legte ihm das große goldene Merkbuch auf den Rücken. Langsam schlug er die Seiten auf, blickte lange hinein und rief einen Namen auf:
Karin.
Mit sonderbar weichen Knien trat ich vor. Jetzt kam es. Jetzt würde der Nikolaus vorlesen, welche schlimmen Sachen ich im Laufe des Jahres angestellt hatte. Bestimmt stünde die Sache mit dem Stinkkäse darin, den ich in der Mathestunde hinter die große Wandtafel gequetscht hatte, oder das mit der abgebrochenen Stecknadel neben dem Klingelknopf, so daß es beim letzten Klingelstreich an einem Nachbarhaus nicht mehr zu läuten aufhörte und der Elektriker geholt werden mußte, oder das mit dem Niespulver im Klassenbuch, oder wie ich Salz statt Zucker in Papas Zuckerdose gefüllt und Opas Limonade mit Wasserfarbenwasser verdünnt hatte.
Unter den Haarfransen hervor sah ich den Nikolaus an. Der Bart um seinen Mund sah ein bißchen wie Zuckerwatte aus, und an der linken Seite hatte er einen Goldzahn, genau wie Onkel Ernst. Aber er war nicht Onkel Ernst. Er war ohne Zweifel der Nikolaus. Und als er mit seiner tiefen Stimme aus dem goldenen Buch vorzulesen begann, zitterten mir die Knie.
"Karin hat ihre Hausaufgaben immer ordentlich gemacht und fleißig gelernt. Sie übt ihre Vokabeln und spielt auch oft mit ihrem kleinen Brüderchen.Für ihre Mutter geht sie gern einkaufen und hilft dem Papa beim Schreinern und beim Autoputzen. Manchmal " - hier sah der Nikolaus mich strafend an -
" spielt sie anderen Leuten jedoch einen Schabernak. Das ist leider gar nicht brav. Hm, hm hm !"
In meinem Bauch flatterten tausend kleine Flügel, und die braune Rute in der Handschuhfaust des Knechts Ruprecht schien mitzuflattern. Doch diesem Moment blinzelte der Nikolaus mir zu.
" Sicher siehst du das alles ein und wolltest mir heute ganz fest in die Hand versprechen, künftig immer artig zu sein, nicht wahr ?"
Ich nickte und schüttelte die Nikolaushand in ihrem goldenen Handschuh und brachte kein einziges Wort heraus. Da reichte mir der Nikolaus seinen Krummstab. Mir reichte er ihn, mir ganz allein, und sagte :
" Halt doch mal eben fest, kleines Fräulein. Und du, Ruprecht, bring mir den Sack herüber, damit ich das richtige Geschenk heraussuchen kann ."
Was ich an diesem Nikolausabend geschenkt bekommen habe, weiß ich nicht mehr so genau. Nüsse ganz sicher, einen Apfel mit roten Backen und eine Mandarine, einen Schokoladennikolaus und ein Tütchen Brausestangen, meine Lieblingsschleckerei. Viel wichtiger war, daß ich so viel Unsinn angestellt hatte und trotzdem den Krummstab hatte festhalten dürfen.
Das Gefühl, das mich damals durchströmte, kann ich heute noch empfinden. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn man plötzlich erkennt, daß etwas, was man getan hat, böse sein kann, aber man selbst trotzdem immer noch geliebt wird.
So stand ich also mit dem Krummstab und ließ ihn nicht einmal schwanken, während der Nikolaus meinem Bruder aus dem goldenen Buch vorlas und den bei uns versammelten Verwandten und Nachbarskindern auch. Anschließend führte der hohe Gast noch ein kurzes Gespräch mit den Eltern, mahnte sie und auch uns, einander mit Achtung und Liebe zu begegnen, fleißig und hilfsbereit zu sein und den Frieden zu wahren. Dann erst nahm er seinen Stab, winkte dem Knecht Ruprecht, den leeren Sack zu schultern und stapfte mit Gepolter in die Winternacht hinaus.
Wohin er verschwand, wußte niemand zu sagen, denn nachschauen durften wir dem Nikolaus nicht. Das helle Licht aus dem Weihnachtshimmel, das ihm den Weg zu anderen braven Kindern oder zurück zu den Sternen zeigte, hätte ja jedem neugierigen Türritzenspickler die Augen geblendet. Und der Knecht Ruprecht hätte sich so viel Dreistigkeit sicher auch nicht bieten lassen. Bestimmt hätte er eine Extraladung Schnee mitten durch den Schornstein in den Wohnzimmerkamin geworfen. Nur wegen uns. Nein, das wollten wir unserer Mutter nicht antun. Schließlich hatten wir eben erst versprochen, ein ganzes Jahr lang artig zu sein.
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