Warum der Schlehendorn weiße Blüten trägt

Früher schmückte man am Karfreitag das Wohnzimmer oder auch den Hochaltar in der Kirche mit den weißen Blütenzweigen des Schlehenstrauches. Damit hatte es nämlich eine ganz besondere Bewandtnis, die in einer alten Kirchenlegende niedergeschrieben wurde.

Es geschah an jenem ersten Karfreitag, an dem Jesus gekreuzigt wurde. Eine große Menschenmenge rannte in den Straßen vor dem Palast zusammen, in dem Pontius Pilatus, der Statthalter des römischen Kaisers mit seinen Feldherren und Beratern beisammen saß, um das Steuergeld zu zählen, das ihm von einigen jüdischen Kaufleuten gebracht worden war.
Inmitten des Schlossplatzes war ein jüdischer Priester auf einen Stein geklettert und stand mit ausgebreiteten Armen vor der Menge. "Jesus von Nazareth hat Gott gelästert!" rief er. "Mit eigenen Ohren habe ich es gehört. Mit eigenen Augen habe ich es gesehen. Er hat es gesagt, Leute. Ich schwöre euch, er hat es gesagt."
"Was kann er schon gesagt haben?" rief ein Mann aus der Menge. "Ich kenne ihn, er spricht über das Reich Gottes."
"Nein!" Der Priester schüttelte seinen Stab und richtete sich so hoch auf, wie er konnte. "Er lügt. Er behauptet, Gottes Sohn zu sein."
"Gottes Sohn?" lachte jemand.
"Er spinnt doch!" meldete sich ein Anderer zu Wort.
Die Leute schimpften und redete laut durcheinander. Sie waren empört und zornig. Sie warteten schon so lange auf den Heiland, den wahren Sohn Gottes, der kommen sollte, um das jüdische Volk aus der Knechtschaft der Römer zu befreien. Sie hatten einfach keine Lust mehr, sich für dumm verkaufen zu lassen von Jesus, diesem her gelaufenen Zimmermann aus Nazareth.
"Wenn er Gottes Sohn ist, soll er es beweisen!" schrie jemand aus der Menge und schüttelte die Faust.
"Aber wie?" riefen alle durcheinander. "Aber wie?"
"Wenn er lügt, muss er bestraft werden!" verlangte ein Gruppe, die besonders laut diskutiert hatte.
"Aber richtig, damit er es spürt!" forderte eine andere.
"Es muss ein Beispiel sein für alle im Land, dass niemand sich so etwas erlauben darf!" schrien wieder andere. Sie schüttelten die Fäuste und stampften mit den Füßen. So aufgebracht waren sie.
"Genau!" rief kleiner Dicker und legte die Hände um den Mund, damit man ihn besonders laut hören konnte. "Lügner und Gotteslästerer müssen bestraft werden. Wenn er Gottes Sohn ist, muss er sich doch vor nichts fürchten. Dann wird der Vater den Sohn retten."
Und plötzlich brüllte irgend jemand es in der Menge. Später wusste keiner mehr, wer es war und aus welcher Ecke es zuerst gekommen war. "Kreuzige!"
"Kreuzige?" flüsterten ein paar Erschrockene und hielten die Hand vor den Mund, weil sie Angst hatten vor diesem Wort.
"Ja, kreuzige!" nickten andere.
Schon klatschten ein paar Leute in die Hände und stampften mit den Füßen und fingen zu rufen an: " Kreu - zi - ge! Kreu - zi - ge!" "Kreu - zi -ge!" stimmten Erste mit ein.
Bald schrien sie wie mit einer einzigen Stimme zu den Fenstern des Palastes hoch, vor dem sie zusammen gerannt waren. "Kreu - zi - ge!"

"Was will das Volk?" fragte Pontius Pilatus und blickte seine Fürsten und Berater an, die mit ihm beim Schachspiel saßen. "Warum schreit es so?"
"Sie haben einen im Volk, der zieht von Ort zu Ort und predigt", sagte einer der römischen Feldherren. "Ein Narr. So einen kreuzigt man nicht."
"Er ist kein Narr", widersprach der Hohepriester der Juden, der Jesus noch nie leiden konnte. "Er ist ein gefährlicher Feind meines Volkes, denn er behauptet, er sei der Messias, der Sohn Gottes."
Pontius Pilatus lachte. "Nehmt es nicht so ernst. In meinem Volk haben die Götter nicht nur Söhne sondern auch Töchter. Sie sind Helden und verbringen Heldentaten, von denen ganz Rom spricht."
"Aber dieser ist kein Held. Er sagt, er ist der König der Juden."
"Wie bitte?" Pontius Pilatus stand von seinem Kissen auf, auf dem er es sich zum Essen bequem gemacht hatte. "Das darf nicht sein!"
"So ist es, Herr", murmelte der Hohepriester listig und verbeugte sich. "Da seht ihr selbst, wie gefährlich dieser Jesus ist."

"Lasst ihn zu mir bringen!" befahl Pontius Pilatus. "Ich will von ihm selbst hören, dass er der König der Juden ist."
Bald schon führten die Soldaten Jesus in Fesseln herein. Er trug ein langes Gewand aus grobem Leinen und Schuhe, die mit Lederriemen an seine Füße gebunden waren.
Pontius Pilatus musste lachen. "Sieht so der König der Juden aus? Ist das der Sohn eures Gottes ?"
Jesus gab keine Antwort.
"Sprich!" Pontius Pilatus sah Jesus durchdringend an. "Bis du es, oder bist du es nicht? Bist du der König der Juden?"
"Sie sagen es", meinte Jesus und blickte Pontius Pilatus furchtlos an.
"Du sollst mir nicht sagen, was die Anderen über dich reden!" drohte der Pontius Pilatus. "Bist du der König der Juden und Sohn Gottes?"
"So ist es", antwortete Jesus. "Ja, ich bin's, in meines Vaters Namen."

Pontius Pilatus nahm Jesus trotzdem noch nicht ernst. "Und wo ist dein Gold? Wo ist deine Karawane mit Schätzen und dein Gefolge? Wo sind deine prächtigen Kleider? Wenn du ein König und der Sohn Gottes bist, warum knien sie nicht alle vor dir und beten dich an?"
Jesus gab keine Antwort.
In diesem Moment öffnete der Hohepriester der Juden das Palastfenster, denn er wollte, dass Herodes das Volk schreien hörte. Da klang es mit tausend Stimmen herein:" Kreu - zi - ge! Kreu - zi - ge!"

"Warum soll ich ihn kreuzigen?" meinte Pontius Pilatus und schüttelte den Kopf. "Dieser Mann ist ein Aufschneider. Aber er hat kein Verbrechen begangen, für das ich ihn kreuzigen lassen müsste. Er ist vielleicht etwas zu lange in der Sonne gewesen. Ich hörte, er war 40 Tage allein in der Wüste. Sicher hat er einen Sonnenstich. Gebt ihm Medizin. Und morgen lacht er selbst über seine törichten Sprüche von heute."

Doch das Volk und der Hohepriester gaben nicht nach. "Lasst den Toren laufen!" versuchte Pontius Pilatus noch einmal, Jesus zu retten, denn er verabscheute es, Unschuldige zu bestrafen. Und außerdem hatte seine Frau ihm schon viel von diesem Mann erzählt, der Blinde wieder sehend und Lahme wieder gehend machen konnte und Wasser in Wein zu verwandeln verstand.
"Lasst ihn laufen, und ich gebe euch drei Verbrecher aus meinen römischen Gefängnissen frei, dass ihr die hinrichten könnt", versprach er.

Aber der Hohepriester schüttelte den Kopf. "Du, Pontius Pilatus, der Statthalter des römischen Kaisers und trägst das Schwert, weil du der Richter der Römer in meinem Land bist. Aber ich bin der höchste Richter der Juden und ich sage dir, dieser ist es, der am Kreuz sterben muss, denn er hat unseren Gott gelästert. Und das ist das schlimmste Verbrechen, das es geben kann. Wir werden ihn foltern, bis er seine Lügen gesteht. Und dann soll er ans Kreuz genagelt werden bis zum Tode. Keiner soll ihn beerdigen. Die Krähen sollen ihn fressen."

Pontius Pilatus erschrak. "Dieser Mann ist unschuldig, Priester!" rief er und winkte einen Diener herbei, damit er ihm eine Schale geweihtes Wasser bringen sollte. "Sein Blut komme über dich und die Deinen, aber nicht über mich und das römische Volk. Sieh her, ich wasche meine Hände in Unschuld."

Doch der Hohepriester gab auch jetzt nicht nach. Und so musste endlich Pontius Pilatus nachgeben.
"Jesus von Nazareth", sagte er und tauchte seine Hände in das geweihte Wasser, "ich verurteile dich im Namen deines Volkes zum Tode am Kreuz. Denn nicht das römische Volk will deinen Tod. Es ist dein Volk, König der Juden, das ein Wunder von dir sehen will. Beweise ihnen, dass du der bist, der du sein willst. Rufe deinen Vater, deinen Gott an, und er wird vom Himmel fahren, um dich zu retten. Rettet er dich nicht, so hast du gelogen und den Tod verdient."

Doch Jesus schüttelte den Kopf. Mit fester Stimme sagte er: "Ich bin, der ich bin. Der Wille meines Vaters im Himmel geschehe."

"So nehmt ihn und kreuzigt ihn!" rief Pontius Pilatus, schlug den Mantel um sich und verließ den Saal.
Die Soldaten aber zerrten Jesus hinaus in den Hof des Palastes., dass alle ihn sehen konnte. Sie rissen ihm die Kleider herunter und banden ihn an den Pfahl des Gerichtes und schlugen ihn mit Ruten und Stöcken.
"Gestehe, dass du Gott gelästert hast!" brüllten sie. "Gestehe, dass du ein Lügner bist!"

Jesus blutete aus vielen Wunden, und der Schmerz machte ihn fast bewusstlos. Aber er schwieg.

"Wo ist jetzt dein Vater im Himmel?" riefen ein paar Leute aus dem Volk und warfen mit Steinen. "Warum steigt er nicht aus den Wolken herunter und rettet dich?"

Ein paar Kriegsknechte, die dem aufgebrachten Volk gefallen und ein böses Schauspiel darbieten wollten, brachen Schlehenzweige mit langen Dornen von einem nahen Strauch und wanden einen Kranz daraus.
"Da hast du deine Krone, du König der Juden!", lachten sie und drückten Jesus die Zweige so heftig in die Stirn, dass die Dornen tiefe Wunden rissen und dicke Blutstropfen hervor quollen.

In diesem Moment vernahm Jesus ein Flüstern. Es war der Schlehenstrauch in der Ecke des Schlossplatzes. "Bitte verzeih mir, Herr!" flüsterte er in seiner unhörbaren Pflanzensprache. "Lieber wäre ich nie erschaffen worden, als dich zu verletzen!"

Jesus, der alle Sprachen der Welt verstand, lächelte unter Schmerzen. "Mach dir keine Vorwürfe!" antwortete er in Gedanken, denn er wusste, dass der Schlehendorn sie lesen konnte. "Du kannst nichts dafür. Du bist nur das Werkzeug, nicht die Hand, die es führt."

Doch der Schlehenstrauch blieb untröstlich. Er schämte sich so sehr, dass seine Zweige es waren, die den Sohn Gottes quälten und Wunden in seinen Stirn rissen, dass sich sein Stamm und alles Holz schwarz verfärbten. Sogar seine Blätter schrumpften ein und wollten ihr Grün nicht mehr zeigen.

Da lächelte Jesus abermals und berührte die Dornenkrone mit den Fingerspitzen.
In diesem Moment brachen alle Knospen des Schlehenstrauches gleichzeitig auf und verwandelten sich zum Beweis für die Unschuld in ein weißes Blütenmeer. Selbst die Blüten an der Dornenkrone, die Jesus über der Stirn und in seinen braunen Locken trug, begannen über und über zu blühen und fielen auch nicht herunter, als die Soldaten ihm das Kreuz auf die Schultern luden und ihn zur Kreuzigung trieben.

Seitdem blüht der Schlehenstrauch in jedem Frühling vor allen anderen Sträuchern in dicken weißen Blütenbüscheln und erinnert an das, was an jenem Karfreitag geschah.