Schulstreit vor dem Abschluss

Süddeutsche Zeitung vom 11. Juni 2002

Gymnasiasten in Thüringen sollen künftig nach der 10. Klasse die Mittlere Reife erwerben können / CDU-Frakionschef kündigt Regelung im kommenden Herbst an

von Jens Schneider

Ohne eine besondere Prüfung gibt es gar nichts. In diesem Punkt zeigte sich Thüringens CDU-Chef Dieter Althaus – der selbst als Lehrer im Eichsfeld jahrelang unterrichtete – schon immer streng. Es könne doch nicht angehen, verkündete Althaus vor neun Jahren dem Landtag in Erfurt, dass Gymnasiasten eine Mittlere Reife durch „Absitzen“ erreichen, also einfach „so nebenher“ mitnehmen. „Das soll es in Thüringen nicht geben.“ Althaus war damals Kultusminister und verteidigte mit diesen Worten eine von ihm verantwortete bundesweit einmalige Regelung. Nur in Thüringen erhalten Gymnasiasten, die von der zehnten in die elfte Klasse versetzt werden, nicht automatisch einen mittleren Schulabschluss. Wenn sie am Abitur scheitern, stehen sie zunächst mit leeren Händen da. Den mittleren Schul-Abschluss können sie allein über eine externe Prüfung erwerben.

Als „einmalige Dummheit“ bezeichnete der bildungspolitische Sprecher der Thüringer SPD, Hans-Jürgen Döring, schon bei jener Debatte im März 1993die vom Minister verfochtene Regelung. Sie würde Schüler in eine schwierige Situation bringen. Es folgten Jahr für Jahr neue Auseinandersetzungen im Landtag. Stets forderte die SPD die Änderung der Regelung, die Althaus wiederum vehement verteidigte. Zehn Jahre lang berührte der Streit in Thüringen fast nur die Bildungspolitiker – bis am 26. April der gescheiterte Gymnasiast Robert Steinhäuser am Gutenberg- Gymnasium 16 Menschen und sich selbst tötete. Steinhäuser wäre ein Gymnasiast ohne Abschuss geblieben. Durch seinen Fall ist die Thüringer Regelung bundesweit bekannt geworden.

Nun betonen alle Beteiligten, dass gewiss niemand diese Regelung als Ursache für Steinhäusers grausame Tat sehen darf. Aber der Streit hat eine ganz andere Bedeutung bekommen. Kurz nach dem Massaker forderten etwa 3000 Schüler in Erfurt bei einer Demonstrationen ein Ende von Einsparungen im Bildungsbereich, vor allem aber eine Änderung des Schulgesetzes. Eine Schülerinitiative „Schrei-nach-Veränderung“ hält nun den Protest am Laufen. „Es ist doch idiotisch, wenn man zwölf Jahre zur Schule geht und hat dann nichts“, sagt die 15 Jahre alte Clara Ehrenwerth, eine Sprecherin der Initiative.

Der Sozialdemokrat Döring hat für die letzte Landtagssitzung vor der Sommerpause in dieser Woche erneut einen Antrag formuliert. Demnach soll jetzt für das kommende Schuljahr per Gesetz der „mittlere Schulabschluss“ für Gymnasien vorgesehen werden. Schon wegen der Chancengleichheit gegenüber Gymnasiasten in anderen Ländern fordert Döring die Änderung des Gesetzes. Vor allem aber besorgt ihn, dass die bisherige Regelung bei manchen gescheiterten Schülern – etwa fünf Prozent je Jahrgang fallen laut Kultusministerium durch die Abi- Prüfung – schon dazu geführt habe, „dass die Schüler in ein tiefes Loch gefallen sind und für einige Zeit die Orientierung verloren haben.“ Sie erlitten einen „Riesenknick in der Bildungskarriere, den man nie wieder aufholt.“

Döring besteht nicht darauf, dass die Gymnasiasten den Abschluss automatisch erhalten. Er würde auch akzeptieren, wenn alle Gymnasiasten zum Ende der zehnten Klasse einer Prüfung unterzogen werden. Aber gerade weil viele Schüler sich nun politisch engagiert haben, müsse schnell ein Signal gesetzt werden, fordert er und warnt, dass die mit absoluter Mehrheit regierende CDU die Sache verschleppen wolle. Tatsächlich sehen die Christdemokraten keinen Anlass, noch vor der Sommerpause eine Änderung zu beschließen. Im Herbst solle ohnehin eine Schulgesetznovelle beraten werden, sagt Fraktionschef Dieter Althaus, dann könne auch die Frage der Abschlüsse mitgeregelt werden. „Es gibt gar keine Not, das übers Knie zu brechen.“ Althaus gefällt es nicht, dass nun so massiv über diese Regelung gestritten wird. Sie sei nicht das dringlichste Problem der Schüler.

In einem aber legt Althaus sich im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung doch fest: Er versichert, dass bis zum Ende des kommenden Schuljahres die Regelungen geändert werden sollen. „Davon kann man mit Gewissheit ausgehen“, sagt er. Definitiv sollen künftig alle Gymnasiasten am Ende des 10. Schuljahrs die Mittlere Reife erwerben. Über die Form müssten die Praktiker noch beraten, aber allein mit dem Versetzungszeugnis solle es den Abschluss weiterhin nicht geben. „Man kann das ja auch mit aufgewerteten Klausuren machen“, sagt Althaus. „Das muss kein großes Prüfungsprozedere sein. “