SPIEGEL ONLINE - 18. Oktober 2002, 15:20
Von Matthias Gebauer
Seit dem blutigen Amoklauf von Erfurt ist im Leben des Lehrers Rainer Heise nichts mehr wie zuvor. Heise war es, der den Schüler Robert Steinhäuser stoppte. Jetzt will der ehemalige russische Regierungschef Michail Gorbatschow den nicht unumstrittenen Helden von Erfurt als Mann des Jahres für seine Taten auszeichnen.
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So hat ihn die Republik kennen gelernt: Lehrer Rainer Heise bei der Beschreibung des Amoklaufs von Erfurt
Erfurt - Es hat eine ganze Weile gedauert, bis Rainer Heise von der frohen Botschaft erfuhr. Zuerst hatten sich die Organisatoren des "World Awards" vor Wochen an die Gutenberg-Schule gewandt, um den Geschichtslehrer Heise zu erreichen. Nachdem sie telefonisch bei der Schulleiterin Christiane Alt abblitzten, versuchten sie es schriftlich. Ohne Erfolg, denn der an die Schule adressierte Brief erreichte nie seinen Empfänger. Erst über Kontakte von Journalisten zu dem Lehrer gelangte der Umschlag von der Organisatorin Susanne Stampf schließlich in den Briefkasten von Rainer Heise.
Der Inhalt des Briefs dürfte Lehrer Heise allerdings sehr gefreut haben. Denn der als "Held von Erfurt" bekannt gewordene Pädagoge soll ausgezeichnet werden als "Man of the Year" ("Mann des Jahres"). Mit mehreren anderen Kandidaten ist er von dem Schirmherren des "World Awards", dem ehemaligen russischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow, für die Medaille nominiert worden, die am 2. November im historischen Wiener Palast Hofburg feierlich übergeben werden soll.
Den Preis "Man of the Year", der jährlich an Menschen für ihre herausragenden Leistungen verliehen wird, hat letztes Jahr der New Yorker Feuerwehrmann Jay Jonas stellvertretend für den Einsatz seiner Mannschaft am 11. September entgegengenommen. Jonas soll nun voraussichtlich die Laudatio für Rainer Heise halten. In anderen Kategorien wurden vergangenes Jahr auch Paul McCartney, Hans-Dietrich Genscher oder Günther Jauch geehrt.
Heise wollte nie ein Held sein
Lehrer Heise soll für seinen Einsatz bei dem blutigen Amoklauf in der Erfurter Gutenbergschule am 26. April 2002 ausgezeichnet werden, bei dem der ehemalige Schüler Robert Steinhäuser zwölf Lehrer, eine Schulsekretärin, zwei Schüler und einen Polizisten mit einer Sportpistole erschoss. Heise hatte den Schüler im ersten Stock der Schule angesprochen und ihn dazu gebracht, niemanden mehr zu erschießen. Er schubste seinen ehemaligen Schüler in einen Abstellraum, wo sich Steinhäuser dann das Leben nahm.
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Michail Gorbatschow ist Schirrmherr des "World Awards" und will Heise im November als "Man of the Year" auszeichnen
Für Rainer Heise dürfte die Auszeichnung eine späte Widergutmachung für das sein, was ihm nach dem Amoklauf wiederfahren ist. Nachdem er zunächst in den Medien als "Held von Erfurt" gefeiert wurde, wandten sich in den Wochen nach dem Anschlag immer mehr Kollegen und Lokalpolitiker von ihm ab. Gerade erst hatte Bundesinnenminister Otto Schily vorgeschlagen, dem Geschichtslehrer das Bundesverdienstkreuz zu verleihen, da meldeten sich schon die ersten Neider - an vorderster Stelle seine Schulleiterin Christiane Alt. Die Schulleiterin giftete damals in diversen Zeitungen, sie hätte sich einen "leiseren Helden" gewünscht. Kurz darauf wollte man im Bundesinnenministerium von der staatlichen Auszeichnung für Lehrer Heise nichts mehr wissen.
Die Anschuldigungen wirkten jedoch nicht nur bei Otto Schily, schon wenig später wurde Heise auch mit obszönen Anrufen genervt und von den Schülern als Selbstdarsteller oder "Möchtegern-Rambo" verhöhnt. Mittlerweile hat er sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und eine geheime Telefonnummer. Die Anschuldigungen haben ihn tief verletzt, vor allem, weil er sich selbst als unschuldig sieht. Natürlich habe er gegenüber den Medien seine Geschichte erzählt, so seine Argumentation, doch er habe ja keine Erfahrung gehabt, dass sich dies später gegen ihn wenden könne.
Offiziell gilt Heise schon lange als rehabilitiert. Der Abschlussbericht der Polizei konstatierte schon im Juni 2002, dass das Ende des Amoklaufs genauso stattgefunden hat, wie es Lehrer Heise von Beginn an geschildert hatte. Für eine Stellungnahme zu der Nominierung für den "Man of the Year"-Award war Heise trotzdem nicht zu erreichen, der Organisatorin Stampf hat er sein Kommen bei der Preisverleihung im November jedoch fest zugesagt.
Im Internet: Die Webseite des "World Awards"
http://www.worldawards.com
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