Leseprobe

"Ein Lächeln für Lucia"

Die Zeitung steckte in einem Mülleimer. Neugeborenes Baby ausgesetzt - in Balken sprangen einem die Buchstaben der Schlagzeile auf den zerknitterten Blättern ins Auge. Heftig schlug Nico im Vorbeigehen gegen die Zeitung. „Wie eine so etwas fertigbringt!" sagte er. „Ein neugeborenes Baby aussetzen, einfach ex und hopp und weg damit. Verstehst du das?"
Franca zog ihren Mantel enger um sich.
„Frierst du?" Die Zärtlichkeit in Nicos Stimme trieb Franca Tränen in die Augen. Hastig blinzelte sie dagegen an. Nur nicht weinen! Wenn sie erst anfing, könnte sich nicht mehr aufhören.

„Komm her, du , ich wärm' dich!" Mit beiden Armen zog Nico sie zu sich heran. Das Lammfellfütter seines Dufflecoats duftete noch immer nach dieser unmöglichen Mischung aus Zimt, Zedernholz und Mandeln, die sie auf dem Weihnachtsmarkt zusammengemixt hatten. Schwäche breitete sich in Franca aus. Wenn er sie doch immer so halten würde!

Ein paar Leute schauten neugierig zu ihnen hin. Ein Mann mit Hut und Hund grinste.
„Muß Liebe schön sein!"

Franca versteifte sich. „Müssen wir uns unbedingt direkt vor dem Posteingang küssen?" Es sollte abweisend klingen, Aber Nico lachte nur verhalten auf. „Gute Idee, komm!" Widerstrebend ließ Franca sich mitziehen. Sie wußte, wohin Nico wollte. Manchmal, wenn er seiner Mutter das Auto abgeschwatzt hatte, gab es von allen Wegen der Welt scheinbar nur noch den einen. Unterhalb der Burgruine, die auf einer Hügelkuppe inmitten von Weinbergen aufragte, schlängelte er sich in den Wald hinauf. Er endete auf einer Ebene, von der man bei klarer Sicht weit in das Tal und die angrenzende Rheinniederung hinausblicken konnte. Selten verirrte sich jemand dorthin. Außer Nico und Franca. Sie kamen immer wieder. Es war ihr Platz. Sobald sie das Auto unter den dunkel überhängenden Tannenzweigen abgestellt und die Scheinwerfer ausgeschaltet hatten, schien die Welt draußen zu versinken. Nico und Franca, nur sie beide gab es noch, einer mit dem anderen verschmolzen.

Während sie zum Parkplatz gingen, legte Nico seinen Arm um ihre Hüfte. „Bin ich froh, daß du wieder da bist!" sagte er.

„Drei Wochen! Ich hab's fast nicht ausgehalten. Und du?"

Franca lehnte den Kopf an seine Schulter. „Heißt das, du liebst mich?"

Nico verzog das Gesicht. „Was heißt schon Liebe? Ich hab' dich vermißt. Ich bin mit keiner so gern zusammen wie mit dir. Ich kann dir alles sagen. Ohne dich ist mit mir nichts los. Ist es das?"

Franca gab keine Antwort. „Dir kann ich alles sagen - alles sagen." Nicos Worte schienen in ihrem Kopf zu dröhnen. Nicos Arm um ihre Hüfte drückte stärker. „He, du!" Seine Hand tastete plötzlich. „Du hast abgenommen, und wie! Warst du deshalb weg? Zur Abmagerungskur, ja? Durfte ich deshalb nicht kommen und nicht anrufen? Hast du mir deshalb die Adresse nicht gegeben?" Prancas Herzschlag stolperte. Jetzt! Alles sagen! Ihm die Arme um den Hals werfen, reden. Wenn sie es jetzt nicht wagte, würde sie es nie mehr schaffen. Aber wie? Womit anfangen? Der Druck in ihrer Brust wurde unerträglich. „Ich", sagte sie stockend, „ich war..." „Vergiß es!" Nico begann zu lachen, „ist doch Schnee von gestern, wo du warst." Übermütig schwenkte er sie im Kreis, ehe er sie küßte. „Halbe Portion, aber doppelt süß. Meinst du, das halte ich aus?"

Franca versuchte ein Lachen. Es klang unecht in ihren Ohren. Nico merkte es nicht. Mit beiden Armen versuchte er, Franca festzuhalten. Vergeblich. Blitzschnell tauchte sie an seiner Brust weg und rannte im Zickzack zwischen geparkten Autos auf seinen Wagen zu. Der hämmernde Aufprall ihrer Schritte verursachte Schmerzexplosionen irgendwo in ihr. Sie achtete nicht darauf. Wenn wir fahren, sag' ich's ihm, dachte sie. Da muß er stillsitzen, da muß er zuhören, er muß! Hinter ihr holte Nico auf. Wortlos schloß er die Wagentür auf. Wortlos, mit viel zuviel Gas, startete er durch. Doch der Blick, mit dem er Franca ansah, als das Auto einen Satz nach vorn ruckte... Nein, sie konnte nichts sagen, nicht jetzt, nicht so.

In der Nacht war Schnee gefallen. Der letzte wohl in diesem Frühjahr. Wie bleicher Flaum überzog er Wiesen und Rebhänge. Von weitem sahen die dunklen Erdfurchen zwischen den Weinstockzeilen wie mit dem Kamm gezogen aus.

Weiß wie Schnee, rot wie Blut, mit Haaren wie Ebenholz, schoß es Franca durch den Kopf. Schneewittchen. Gequält schloß sie die Augen. Die Kleine hatte so langes, glänzend-schwarzes Haar, einen richtigen Schöpf, genug, es über einen Finger zu rollen. Nur dieses schwarze Büschel, das irgendwann nach Stunden aus ihrem Schoß quoll, naß und ein wenig blutig, hatte ihr Kraft gegen die Qual verliehen. Niemand war da gewesen zu helfen. Die Zunge zerbissen, um nicht zu schreien, hatte sie mit dem Rücken Halt gesucht und mit beiden Händen nach den winzigen Schultern gegriffen, die dem Kopf folgten. Dieser unwiderstehliche Drang, das Kind aus sich herauszupressen, ihr Innerstes nach außen zu stülpen! Wieviel mehr der Bauch doch weiß als der Kopf. Hatte sie es wirklich gedacht? Hatte sie überhaupt gedacht oder nur funktioniert? Pressen - ziehen - pressen - der Po - die Füßchen - ihr Kind.

Zitternd hielt sie es sekundenlang an sich gedrückt, bis ihr Kopf zu sich kam, den leeren Bauch ablöste, wußte, was zu tun war. In einem Buch hatte sie es gelesen. Jeden Tag der vergangenen drei Wochen hatte sie es sich wieder und wieder eingeprägt, nicht ohne Angst vor der unbekannten Situation. - Den Schleim aus dem kleinen Mund entfernen, damit er beim ersten Atemzug nicht zu einem Erstickungsanfall führte. Aber wie? Ohne Absauggerät mußte ein Finger genügen. Dann die blaurot pulsierende Nabelschnur abbinden, fest, ganz fest. Beten: „Lieber Gott, laß es fest genug sein!" Den winzigen Rücken klopfen. Der Schrei!

„Kind!" hatte sie gedacht oder geflüstert. „Du!" Nichts sonst, während sie das Körperchen mit beiden Armen umschloß und wärmte, bis das wimmernde Schreien verstummte und der winzige Mund an ihrer Brust zusuchen und zu saugen begann. Da erst war sie aufgeschreckt. „Nein", hatte sie sagen wollen, „nicht". Zugleich aber waren Empfindungen wie eine warme Welle über ihr zusammengeschlagen, und sie hatte das Kind bequemer zurechtgerückt, damit es die Brustwarze besser erreichen konnte. Einmal hatte sie es spüren müssen, einmal hatte sie dem Kind Wärme, Nahrung, Sicherheit schenken müssen. Ihrem Kind. Wenigstens dieses eine Mal.
Franca merkte kaum, daß der Wagen hielt. Verzweifelt drückte sie sich in Nicos Arme. Es tat so gut zu schmusen, zu streicheln, gestreichelt zu werden. Wie im Traum ließ sie zu, daß er ihren Mantel öffnete, ihre Weste, die Knöpfe der winterwarmen Bluse. Erst als seine Lippen die Grube zwischen ihren Brüsten erreichten und ungeduldige hastige Finger an den Haken ihres Büstenhalters zerrten, schrak Franca auf. „Nicht, bitte, nein!" Beide Hände gegen seine Brust gestemmt, versuchte sie, sich aufzurichten, von ihm abzurücken. Aber Nico lachte nun und flüsterte beharrlich: „Doch, doch!" Stoff raschelte. Der letzte Verschlußhaken gab nach. Ein heißer prickelnder Schmerz in ihrer Brust.

„Nein!" keuchte Franca und wußte zugleich, daß es zwecklos war, die Träger auf den Schultern festzuhalten. Nico mußte es für ein Spiel halten. Sie hatte es früher schon öfter gespielt, wenn sie Lust darauf hatte, von ihm verführt zu werden. Woher sollte er wissen, wie ernst es ihr war? Er brauchte nicht viel Kraft, um ihre Arme nach außen zu biegen. Noch immer mit diesem leisen, zärtlichen Lachen in der Kehle küßte er ihre Augen, die Nasenspitze, den Mund und zuletzt ihre Brust.

Franca fühlte sein Erstarren, als wäre es ihr eigenes. Wie in Zeitlupe schien er den Kopf zu heben, mit der Zunge über seine Lippen zu fahren und verwundert zu fragen: „Was ist das? Benutzt du eine neue Creme?" Mit einem Aufschrei stieß Franca ihn von sich und gleichzeitig die Autotür auf. Viel zu langsam griffen seine Arme nach ihr. Schon war sie draußen und fort. Stolpernd und schlitternd, eine kleine Gestalt, querfeldein über verharschtes Gras. Unheimlich flog ihr Mantel vor dem bleichen Schnee.
„Franca, warte, bleib stehen!" Endlich stürzte Nico ihr nach. Sie rannte schneller. Merkte sie denn nicht, wohin? „Die Mauer, Franca, halt!" Nico schrie, wie er nie geschrien hatte. Da sah sie sich um, ohne anzuhalten, knickte weg mit einem Fuß und fiel. Steine, Erde, Schneebrocken polterten mit ihr mit und über sie hinweg, als sie in Überschlägen zu Tal schlitterte. Ein großer Stein hielt sie auf.

Als Nico heranjagte, war der Schnee unter ihrem Kopf schon rot. Still, wie schlafend, lag sie, die Hände noch zu den Fäusten geballt, mit denen sie ihn von sich gestoßen hatte.

„Franca!" flüsterte er und rüttelte zaghaft an ihrer Schulter. Nichts. Da überwand er sich, preßte das Ohr an ihre schmutzverkrustete Brust. Lauschte. Schlug ihr Herz noch? In Panik sprang er auf. Er mußte Hilfe holen, sofort! Zehn, zwanzig Schritte rannte er auf sein Auto zu, ehe ihm einfiel, daß er Franca nicht allein zurücklassen durfte. Aber wie sollte er sie tragen? Sie hatte eine Kopfverletzung. Würde er ihr nicht mehr schaden, wenn er sie falsch aufhöbe, als wenn er sie möglichst warm zudeckte und einen Notarzt holte? Noch einmal beugte er sich zu Franca nieder. Die Kopfverletzung blutete heftig. Wie lange würde es dauern, bis sie verblutete? Nein, es blieb keine Zeit. Auf einmal war es Nico klar. Er mußte sie ins Krankenhaus bringen. Der Entschluß löschte alle Unsicherheit aus. Die lose Abdeckplatte über dem Kofferraum des Wagens fiel ihm ein. Er könnte sie als Tragbahre benutzen, wenn es ihm gelänge, Franca anzuhben. Hastig legte er die Platte neben Franca ab und rannte zurück, um die Sitzpolster zu einer Ladefläche umzuklappen. Die Schutzdecke über dem Rücksitz brachte ihn auf eine Idee. Er würde sie als eine Art Trageschlinge benutzen. Schweiß glitzerte trotz der Kälte auf seiner Stirn, als Nico die Decke endlich so unter Franca geschoben und zurechtgezogen hatte, daß sie in der Mitte lag. Nun hob er sie so gleichmäßig wie möglich an und legte das ganze Bündel auf der Abdeckplatte nieder. Franca gab kein Lebenszeichen von sich. Kaum merklich atmete sie. Aber als Nico sie auf der provisorischen Tragbahre über den Waldweg zog und schließlich auf der Ladefläche verstaute, war er zwischen Angst und Schrecken auch ein bißchen stolz auf sich selbst.