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Leseprobe |
"Karin Jäckels
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Was nicht ins Zeugnis kommtWenn ich aus der Schule komme, Nimmst du mich in deinen ArmNimmst du mich in deinen Arm, Wie ein Kinderrad und die Vögel Freunde wurdenSeit Tagen lag ein hellrotes Kinderrad in einer Tannenschonung. Neugierig bestaunten die Meisen und Finken das seltsame Ding. »Wo kommst du denn her?« zwitscherten sie. »Was willst du hier? Gehörst du nicht eigentlich auf den Schrottplatz?« Endlich hielt das Fahrrad die Fragerei nicht mehr aus. »Ich bin ein echtes Mountainbike«, klingelte es. »Ich bin erst vier Wochen alt und gehöre einem sehr netten Jungen aus der Krämerstraße 8. Aber auf den Schrottplatz gehöre ich nicht.« Die Vögel wunderten sich. »Seit wann läßt denn ein Junge sein neues Rad im Wald liegen?« Das Fahrrad klingelt heftiger. »Er hat mich nicht liegenlassen«, erklärte es. »Er weiß nicht einmal, daß ich hier bin, und sucht mich sicher überall. Aber er wird mich wohl niemals finden.« Mitleidig wollten die Vögel die ganze Geschichte hören. »Da gibt es nicht viel zu erzählen«, sagte das Fahrrad. »Mein Junge und ich spielten draußen auf der Straße. Plötzlich kamen zwei ungezogene Bengel angerannt, stießen meinen Jungen von dem Sattel und radelten auf mir davon. Mein Junge schrie und rannte hinter mir her. Aber die frechen Bengel lachten nur darüber. Irgendwann hatten sie genug von mir und schmissen mich hier unter die Tannen. Dann rannten sie weg.« Den Vögeln blieb vor Empörung das Zwitschern im Schnabel stecken. Nach einer Weile plusterte ein Waldkauz, der in seinem Schlafbaum alles mitangehört hatte, sein Gefieder auf und schuhute: »Wenn alle mithelfen, könnten wir dich nach Hause bringen, kleines Rad. Weiß du den Weg?« Natürlich wußte das Kinderrad den Weg, und natürlich wollten alle Vögel des Waldes gern helfen. Als der Mond über die Baumkronen stieg, ging es los. Der Waldkauz setzte sich auf die Lenkstange, denn er hatte Leuchtaugen und konnte im Dunkeln sehen. Die Meisen lenkten rechts, die Finken lenkten links. Die Krähen und Elstern saßen auf den Pedalen und traten immer abwechselnd fest hinein. Über ihnen allen flog der Eichelhäher und gab Alarm, sobald ein Hindernis auftauchte. So ließen sie bald schon die Tannenschonung hinter sich und brachten das kleine Rad sicher nach Hause. Sie stellten es direkt vor der Haustür des Jungen ab und setzten sich erwartungsvoll in die Gartenhecke. Dann drückte der mutige Eichelhäher mit dem Schnabel auf den Klingelknopf. Licht blitzte im Hausflur auf, und ein Junge trat heraus. In diesem Moment begann das Kinderrad aus Leibeskräften zu klingeln. »Hier bin ich! Hier bin ich!« Mit einem Freudenschrei rannte der Junge auf sein Rad zu und drehte sofort eine Runde vor dem Haus. Auch die Eltern traten heraus und klopften und streichelten das Rad und freuten sich mit dem Jungen. Am meisten aber freuten sich die Vögel. »Auf Wiedersehen, Freund Fahrrad!« zwitscherten und tschilpten sie. »Komm uns bald mal besuchen.« Und das tat das Kinderrad auch. Es wartete nur, bis der Junge an einem kalten Wintertag losradelte, um Vogelfutter für das Vogelhaus im Garten zu kaufen. Auf dem Rückweg mochte der Junge lenken, wohin er wollte, das Fahrrad schlug seinen eigenen Weg ein und machte erst halt, als es mitten in der Tannenschonung bei seinen Vogelfreunden stand. Hungrig und verfroren saß die bunte Schar in den Zweigen. Doch als sie das Fahrrad sahen, kamen alle sogleich herbeigeflattert und begrüßten es. War das ein Zwitschern und Piepsen und Fahrradklingeln! Der Junge traute seinen Augen und Ohren kaum. Noch nie hatte er so viele zutrauliche Waldvögel gesehen. Als er die Hand ausstreckte, flatterten sie herbei und ließen sich auf ihr nieder. Rasch packte der Junge das mitgebrachte Vogelfutter aus und streute seinen neuen Freunden reichlich hin. Und noch nachts - im Traum - hörte er ihr dankbares Piepsen. Von diesem Tag an vergaß der Junge niemals, die Vögel in der Tannenschonung zu füttern. Sein ganzes Taschengeld gab er für Vogelfutter aus. Und wenn es nicht reichte, trug er für die Nachbarn leere Pfandflaschen in den Supermarkt zurück oder fegte den Schnee von den Gehwegen, um etwas dazuzuverdienen. Das Fahrrad aber brachte ihn immer wohlbehalten in den Wald und wieder nach Hause zurück. Selbst auf den holprigsten Wegen machten ihm Schnee und Glatteis gar nichts aus. |
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