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Leseprobe |
"Der Geist in der Handtasche" |
Wie die Schnecken ihr Haus verlorenDurch die Wiese eilte irgendwann plaudernd und glucksen ein Bach. An seinen Ufern blühten duftende gelbe und blaue Wasserlilien. Kleine Vergißmeinnicht wetteiferten im Schatten dicker Weidensträucher mit dne Gänseblümchen um das strahlendste Gesicht. Unter ihren Blättern aber saßen allerlei Tiere und lauschten dem fröhlichen Wasserlauf. Wenn ich mich doch auch so schnell und leicht bewegen könnte wie das Wasser! Es hat keine Beine, ganz wie ich. Und trotzdem läuft es plitscherplatscher über Stock und Stein, ohne auch nur einmal auszuruhen. Wenn es aber ein Haus auf dem Rücken hätte wie ich... Da störte plötzlich ein heftiges Schluchsen ihre Gedanken. "Wie soll ich nicht weinen", sagte die Prinzessin, "wenn die Forellen meine braven Untertanen verfolgen und verschlingen, daß wir bald ausgestorben sind? Heute hat eine meinen jüngsten Bruder verspeist. Morgen kann ich an der Reihe sein." "Wenn es möglich wäre, würde ich dir meines mit Freuden schenken", sagte die Schnecke seufzend. "Würdest du wirklich dein Haus hergeben?" fragte die Muschelprinzessin und hörte sofort auf zu weinen. "Wenn es nur das ist", lächelte die Muschelprinzessin, Die Schnecke überlegte nicht lange. "Bestimmt nicht!" sagte die Muschelprinzessin. "Gut!" sagte die Schnecke. Gesagt, getan. Aufmerksam hörten die Schecken zu, als ihre Gastgeberin zu sprechen begann. Die meisten waren gleich närrisch vor Begeisterung. Nur einige wenige schütteln bedächtig ihre Hörnchen und meinten: Die anderen lachten spöttisch und riefen: Sie mochten Widerworte geben soviel sie wollten, die Zweifler waren nicht zu überzeugen. Still glitten sie auf ihren silberglänzenden Schneckenpfaden wieder fort. Die Muschelprinzessin hielt Wort. Ihre Krebsfreunde hatten im Nu die buntgeränderten, die einfarbigen, die großen und kleinen, die Hörnchen und Schalen, all die Schneckenhäuser vom Rücken der Schnecken abgezwickt und beiseite gelegt. Onkel Tintenfisch sprühte seine schönste und haltbarste Tinte über die nackten Leiber, so daß es aussah, als wären sie geradewegs vom teuersten Modeschneider der Welt gekommen. Und während die Schnecken sich gegenseitig bestaunten, schlüpften die Muscheln so schnell in ihre neuen Häuser, als wären sie es nie anders gewohnt gewesen. Nur die Kribbellinie ihres Füßchens streckten sie zierlich hervor. "Danke, liebe Freunde!" rief die Muschelprinzessin, die als letzte ihr Häuschen aufgeschnallt hatte, und ließ sich zu den anderen in den Bach gleiten. Die Schnecken hörten kaum hin. Als sie sich endlich lange genug bewundert hatten und umsahen, waren die Muscheln und mit ihnen die alten Häuser lange versunken. Schon wenige Tage später reute viele das Geschäft. Sie froren unter den Blättern auf der nackten Erde und mußten jetzt in verlassenen Mauselöchern Unterschlupf suchen, weil alle möglichen Feinde ihnen nachstellten, sobald sie sich blicken ließen. "Wir wollen unsere Häuser wieder haben!" schallten sie. In Scharen zogen sie zum Wasser und riefen im Chor nach den Muscheln. Und das blieb so bis zum heutigen Tag. |
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