Leseprobe

"Der Geist in der Handtasche"

Wie die Schnecken ihr Haus verloren

Durch die Wiese eilte irgendwann plaudernd und glucksen ein Bach. An seinen Ufern blühten duftende gelbe und blaue Wasserlilien. Kleine Vergißmeinnicht wetteiferten im Schatten dicker Weidensträucher mit dne Gänseblümchen um das strahlendste Gesicht.

Unter ihren Blättern aber saßen allerlei Tiere und lauschten dem fröhlichen Wasserlauf.
Eines Tages hatte sich eine Schnecke unter der Last ihres Hauses bis dicht an den Uferrand geschleppt. Nun ruhte sie sich schnaufend hinter einem Steinbrocken aus, trank ab und zu ein Schlückchen Wasser und dachte bei sich:

Wenn ich mich doch auch so schnell und leicht bewegen könnte wie das Wasser! Es hat keine Beine, ganz wie ich. Und trotzdem läuft es plitscherplatscher über Stock und Stein, ohne auch nur einmal auszuruhen. Wenn es aber ein Haus auf dem Rücken hätte wie ich...

Da störte plötzlich ein heftiges Schluchsen ihre Gedanken.
"Nanu?" sagte die Schnecke verwundert, fuhr ihre Hörnchen aus und schaute um sich.
"Nanu, wer weint denn da?"
"Ich bin es, liebe Schnecke!" antwortete es aus dem Wasser.
"Ich, die Muschelprinzessin."
"Warum weinst Du denn?" fragte die Schnecke mitleidig und betrachtete die milchweiß aus dem Bachlauf heraufschimmernde Muschelprinzessin voller Neugier.

"Wie soll ich nicht weinen", sagte die Prinzessin, "wenn die Forellen meine braven Untertanen verfolgen und verschlingen, daß wir bald ausgestorben sind? Heute hat eine meinen jüngsten Bruder verspeist. Morgen kann ich an der Reihe sein."
"Warum versteckst du dich nicht?" fragte die Schnecke.
"Verstecken wir uns, verhungern wir", sagte die Prinzessin und schluchste zum Gotterbarmen.
"Das ist es ja. Wir finden unsere Nahrung im Sand, auf Steinen und an den Uferwänden. Da sieht uns jeder gleich. ja, wenn wir ein Haus hätten wie du..."

"Wenn es möglich wäre, würde ich dir meines mit Freuden schenken", sagte die Schnecke seufzend.
"Es ist mir längst lästig, weil es mich drückt und meinen Gang so langsam macht, daß ich deswegen zum Gespött aller Tiere geworden bin."

"Würdest du wirklich dein Haus hergeben?" fragte die Muschelprinzessin und hörte sofort auf zu weinen.
"Dein wunderbares Haus?"
"Sofort!" nickte die Schnecke.
"Und nicht nur ich, sondern viele von uns. Aber wie sollten wir es jemals loswerden? Und außerdem, müßten wir uns nicht schämen, so weiß und nackt, wenn alle anderen die herrlichsten Pelze tragen oder doch wenigstens einen von diesen hautengen Farbanzügen?"

"Wenn es nur das ist", lächelte die Muschelprinzessin,
"so will ich euch schon zu helfen wissen. Ich brauche nur unsere Freunde, die Flußkrebse zu rufen. Die würden eure Häuser schon abheben. Und Farbanzüge könnte euch mein Onkel, der Tintenfisch, malen. Sag mir, daß du es ernst meinst, und ich werde sie rufen lassen."

Die Schnecke überlegte nicht lange.
"Das ist ein Wort!" rief sie und setzte sogleich mißtrauisch blinzelnd hinzu:
"Aber nicht, daß dich der Handel später reut! Ich will keine Vorwürfe hören, verstehst du!"

"Bestimmt nicht!" sagte die Muschelprinzessin.
"Ich gebe dir mein allerhöchstes Prinzessinnenwort, daß wir uns in unsere Häuser zurückziehen werden. Höchstens unser Fuß soll herausschauen, damit wir uns festhalten und ein wenig bewegen können. Aber nie mehr wollen wir unsere volle Gestalt zeigen."

"Gut!" sagte die Schnecke.
"Behaupte später aber nicht, ich hätte dich nicht gewarnt! Und jetzt will ich meine Verwandten einladen und ihnen von diesem herrlichen Tauschhandel erzählen. Bis später also."

Gesagt, getan.

Aufmerksam hörten die Schecken zu, als ihre Gastgeberin zu sprechen begann. Die meisten waren gleich närrisch vor Begeisterung. Nur einige wenige schütteln bedächtig ihre Hörnchen und meinten:
"Wir wollen lieber unser Haus behalten. es ist lästig und schwer, das ist wahr. Aber es schützt uns vor Feinden und im Sommer vor der Sonne. Wo sollten wir schlafen ohne Haus? Und wie sollten wir uns verbergen, wenn Gefahr droht? Nein, wir wollen alles so lassen, wie es ist."

Die anderen lachten spöttisch und riefen:
"Lirilari, dummes Zeug! Andere Tiere leben auch ohne Haus und zwar besser und unbeschwerter als unsereiner. Wir wollen nichts mehr hören von euren Großvaterideen!"

Sie mochten Widerworte geben soviel sie wollten, die Zweifler waren nicht zu überzeugen. Still glitten sie auf ihren silberglänzenden Schneckenpfaden wieder fort.

Die Muschelprinzessin hielt Wort. Ihre Krebsfreunde hatten im Nu die buntgeränderten, die einfarbigen, die großen und kleinen, die Hörnchen und Schalen, all die Schneckenhäuser vom Rücken der Schnecken abgezwickt und beiseite gelegt.

Onkel Tintenfisch sprühte seine schönste und haltbarste Tinte über die nackten Leiber, so daß es aussah, als wären sie geradewegs vom teuersten Modeschneider der Welt gekommen.

Und während die Schnecken sich gegenseitig bestaunten, schlüpften die Muscheln so schnell in ihre neuen Häuser, als wären sie es nie anders gewohnt gewesen. Nur die Kribbellinie ihres Füßchens streckten sie zierlich hervor.

"Danke, liebe Freunde!" rief die Muschelprinzessin, die als letzte ihr Häuschen aufgeschnallt hatte, und ließ sich zu den anderen in den Bach gleiten.

Die Schnecken hörten kaum hin. Als sie sich endlich lange genug bewundert hatten und umsahen, waren die Muscheln und mit ihnen die alten Häuser lange versunken.
Das Wasser plätscherte und schwätzte wie jeden Tag. Und am Himmel ging die Sonne unter, als wäre nichts geschehen. da krochen auch die Schnecken ihres Weges.

Schon wenige Tage später reute viele das Geschäft. Sie froren unter den Blättern auf der nackten Erde und mußten jetzt in verlassenen Mauselöchern Unterschlupf suchen, weil alle möglichen Feinde ihnen nachstellten, sobald sie sich blicken ließen.

"Wir wollen unsere Häuser wieder haben!" schallten sie.
"Die Muscheln müssen sie uns wiedergeben! Wir sind betrogen worden!"

In Scharen zogen sie zum Wasser und riefen im Chor nach den Muscheln.
Die aber hatten auf Befehl der Muschelprinzessin ihre Haustüren fest verschlossen. So hörten sie die Schreie und Klagen der Schnecken nie.

Und das blieb so bis zum heutigen Tag.