Was, ein Väter-Leihdienst?
Vor einiger Zeit las ich, dass ein Verein allein erziehender Mütter aus einer Großstadt in NRW eine neue Serviceleistung anbietet:
den Papa-Leihdienst.
Neugierig geworden, rief ich unter der angegebenen Kontaktnummer an. Eine freundliche Stimme meldete sich, weiblich, anonym: "Ja?"
"Guten Tag, mein Name ist Jäckel, Karin Jäckel. Ich bin Autorin und recherchiere ..." "Die Karin Jäckel? Die mit diesem Buch über Väter?"
"Ja. Sie meinen vermutlich "Der gebrauchte Mann. Abgeliebt und abgezockt. Väter nach der Trennung " "Dann sind Sie hier bei uns falsch."
Tuuuu-Tuuuu-Tuuuu. Aufgelegt.
Meine Neugier war erst recht geweckt. Nach einigen Tagen rief ich erneut unter der bekannten Telefonnummer an. Wieder eine angenehme Stimme, abermals weiblich und anonym: "Hallo!"
"Hallo!" sagte ich und nannte, schlauer geworden, einen anderen Namen:
"Hier spricht Elke Müller-Mahler. Ich bin allein erziehende Mutter und suche einen Vater für mein Kind."
"Einen Vater?" fragte die nette Stimme interessiert. "Wie darf ich das verstehen?"
"Ja, also, ich meine wegen dieser Anzeige in der Zeitung letzte Woche", sagte ich mit glaubhafter Nervosität. "Wegen diesem neuen Leihservice bei Ihnen im Verein. Sie wissen schon."
"Ach, so! Ja, natürlich." Die Stimme lachte ein wenig. "Da rufen jetzt schon öfter welche an. Sind Sie denn Mitglied bei uns? Wir bieten diesen Service natürlich nur für unsere Mitglieder an. Das müssen Sie verstehen."
"Ja, ja, natürlich", pflichtete ich ihr eifrig bei. "Nein, nein, ich bin leider noch kein Mitglied. Aber ich werde selbstverständlich sofort Mitglied, wenn Sie mir einen Vater für meine Tochter besorgen können."
"Dann nennen Sie mir bitte zuerst Ihren vollen Namen und Ihre Adresse", forderte mich die Stimme liebenswürdig auf. "Und Ihre Bankverbindung wegen der Abbuchung."
Jetzt war guter Rat teuer. Aber mit etwas Phantasie waren die gewünschten Antworten rasch erteilt.
Wie soll er denn aussehen?
"Ja, woran hatten Sie denn gedacht?",
hakte die Stimme nun in dieser gewissen Tonlage der Gleichgesinnten nach.
"Wollten Sie einen älteren oder einen jüngeren Vater? Und wie sollte er ungefähr aussehen?" "Oh",
sagte ich und ließ meiner Vorstellungskraft freien Lauf.
"Jünger natürlich, schlank, mindestens einsachtzig groß, dunkle Haare, am liebsten mit Locken, gebildet und ... ja, so wie Sean Connery vielleicht, bloß eben jünger. Und kinderlieb natürlich. Kinder muss er schon mögen. Das ist ja klar."
Die Stimme am anderen Ende der Leitung gab einen lang gezogenen Ton des Nachdenkens von sich. "Ob wir so was kriegen?"
meinte sie halblaut und schnalzte ein wenig mit der Zunge.
"Bis wann brauchen Sie den Vater denn? Wenn wir beim Studentischen Hilfswerk nachfragen, klappt es eigentlich immer ziemlich schnell."
"Studentisches Hilfswerk?" rief ich mit gespieltem Entsetzen aus.
"Ja, um, Himmels Willen, so einen doch nicht. Ich will doch keinen grünen Bengel für mein Kind. Ich suche einen Vater, verstehen Sie. Einen Mann, einen, mit dem das Kind sich identifizieren kann. Sie wissen doch, wie wichtig das ist, dass Kinder eine Vaterfigur haben, an der sie sich orientieren können."
"Ja, schon",
gab die Stimme zurück und hatte ein wenig von ihrem freundlichen Glanz eingebüßt.
"Aber schließlich handelt es sich doch nur um einen Leih-Vater. Da kommt es doch nur darauf an, dass er funktioniert und seinen Job gut hinkriegt."
"Und wie macht er seinen Job?" wollte ich wissen.
Ein Vati nach Bedarf
"Nun ja",
erklärte die Stimme und wurde wieder etwas strahlender.
"Er tritt auf Ihren speziellen Wunsch in Aktion, wenn ihr Kind sich zum Geburtstag oder einem anderen besonderen Tag oder einfach mal so nach Feierabend zum Radfahren oder Fußballspielen ganz dringend wünscht, dass Papa dabei ist. Sie bezahlen einen Stundenlohn, wie er auch für Nikoläuse oder Weihnachtsmänner üblich ist, plus eine kleine Provision für uns. Ganz umsonst können wir das Angebot ja schließlich nicht machen."
"Und dann?", fragte ich erwartungsvoll.
"Ja, dann kann ein Papa gemietet werden", begeisterte sich die Stimme.
"Er erscheint und verschwindet pünktlich zur vereinbarten Zeit. Er benimmt sich absolut korrekt, wie Sie es von ihm erwarten. Wenn Sie wollen, dass er mit Schlips und Kragen kommt, kommt er so. Und wenn Sie wollen, dass er in Jeans oder in Birkenstocksandalen kommt, kommt er eben so. Natürlich bringt er nur das an Geschenken mit, was Sie als Mutter ihm zuvor übergeben haben. Außerdem spielt er nur die Spiele mit dem Kind, die Sie mit ihm ausgemacht haben. Und ganz besonderen Wert legen wir darauf, dass er weder Ihnen noch dem, Kind unabgesprochene Fragen stellt noch irgendwelche Ansprüche."
"Hört sich gut an", meinte ich.
"Und wann kann ich den Vater kennenlernen? Ganz unverbindlich, natürlich."
"Am besten einen Tag vor dem eigentlichen Termin",
schlug die nette Stimme vor.
"Wir würden Ihnen einen Vertrag zuschicken. Den kriege ich unterschrieben von Ihnen zurück und kann ihn dann hier von dem Vater gegenzeichnen lassen. Sobald die Mietgebühr bei uns von Ihrem Konto eingegangen ist, läuft dann alles ganz normal ab."
Eine Anschaffung fürs Leben!
"Und was ist, wenn er mir nicht gefällt? So ein Vater ist ja schließlich eine Anschaffung fürs Leben",
gab ich zu Bedenken.
"Fürs Leben?", wunderte sich die Stimme.
"Wieso denn fürs Leben? Sie wollen ihn doch nur für einen Tag?"
"So einen?", rief ich.
"So ein Prachtstück wie den, den Sie mir anbieten können, so einen lässt man doch nicht wieder laufen. Und so preiswert! Nein, nein, nein, wenn ich den erst mal habe, also, den halte ich mir warm. Den geb‘ ich so schnell nicht wieder raus. Da mache ich gleich einen Langzeitvertrag. Ich komme am besten gleich vorbei und hole die Papiere ab."
Die Stimme war plötzlich gar nicht mehr freundlich.
"Wenn Sie einen Kerl fürs Leben suchen, sind Sie hier total falsch. Bei uns gibt’s Väter, verstehen Sie. Keine Männer. Tut mir Leid."
"Ja", sagte ich, "mir auch. Besonders die Kinder."
Aber da machte es schon wieder "Tuuuu-Tuuuu-Tuuu" aus dem Hörer. Aufgehängt.
Mal sehen, vielleicht haben sie bei meinem nächsten Anruf den Service ja doch schon erweitert?
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