Wenn Papa fort ist

Jede zweite Ehe zerbricht

Manche Männer trifft es wie der Schlag. Nach Hause kommen, eine leere Wohnung vorfinden, Frau weg, Kinder weg, die Schränke ausgeräumt, die Kinderzimmer geplündert, manchmal sogar das Mobiliar gelichtet, irgendwo auf einem Tisch vielleicht ein Brief: "Habe die Scheidung beantragt." Ein Name darunter. Aus. Aber so plötzlich geschieht es nur auf den ersten Blick. In den seltensten Fällen ist der Beschluss zur Trennung eine Blitzentscheidung. Meist geht ein langer und schmerzhafter Ablösungsprozess voraus. Und in fast allen Fällen bekam die Liebe unzählige Male eine neue Chance, ehe nichts mehr ging. In der Bilanz der letzten Jahre zeigt sich, dass alljährlich fast jede zweite Ehe zerbricht. Auf dem Land jede dritte, in Ballungsgebieten jede zweite. Zwei Drittel aller Scheidungen werden von Frauen eingereicht. Unfreiwillig mitbetroffen sind jährlich rund 150 000 Kinder und Jugendliche. Die große Mehrheit von ihnen verliert durch die Trennung der Eltern einen Elternteil, überwiegend den Vater.

Sind Väter Drückeberger und Beziehungsmonster?

Väter, melden führende Politikerinnen durch das Sprachrohr der Medien, sind Drückeberger. Sie entziehen sich während der Beziehungsdauer ihren Familien, indem sie sich tagsüber auf ihren Job und abends in die Freizeit stürzen. Sie beteiligen sich nicht an der Hausarbeit und lassen sich von ihren Frauen bedienen. Sie teilen ihnen bestenfalls ein immer zu knappes Haushaltsgeld zu und lassen sie im übrigen völlig im Unklaren über die familiären Geldangelegenheiten. Sie reagieren ihre Launen an Frau und Kindern ab. Und nach dem Aus der Beziehung verweigern sie den Unterhalt für Mutter und Kinder und wollen von ihren Kindern nichts mehr wissen.
Mütter und Kinder – unschuldig-hilflose Opfer männlicher Rücksichtslosigkeit? Väter charakterlose Sozialschweine, Egoisten, kalte Beziehungsmonster?

Kinder werden ihren Vätern entzogen

Kann es wirklich dieses Schwarz-Weiß-Bild sein? Fest steht, dass von zehn unterhaltspflichtigen Vätern drei regulär Unterhalt zahlen. Drei zahlen aufgrund eigener zu geringer Mittel zu wenig. Weitere drei können wegen eigener Bedürftigkeit gar nicht zahlen, und einer verweigert jede Leistung, obwohl er voll zahlungsfähig wäre. Fest steht auch, dass viele Väter regelmäßiger und mehr Unterhaltsleistungen erbringen würden, wenn sie ihre Kinder sehen und groß werden sehen dürften. Während aus mütterberatenden Kreisen zu hören ist, dass Väter sich nicht für ihre Kinder interessieren und sich freiwillig absetzen, beobachten immer mehr Psychologen und Juristen wie beispielsweise die Psychologin Ursula Kodjoe aus Freiburg und Rechtsanwalt Dr. Peter Koeppel aus München, dass immer mehr Mütter den Vätern ganz bewusst die Kinder entziehen. Ja, dass sie die Kinder geistig und seelisch so weit manipulieren, dass diese aus Angst, auch die Mutter zu verlieren, ihre Väter schreiend ablehnen, obwohl sie sie lieben und sich nach ihnen sehnen.

Warum ist die glühende Liebe erloschen?

Was muss geschehen, bis sich zwei Menschen, die sich einmal geliebt haben, selbst auf dem Rücken ihrer Kinder bekämpfen? Ich denke an die Pärchen, die Hand in Hand, Mund an Mund gar nicht genug von einander kriegen. Verliebt bis über beide Ohren, fasziniert vom unbekannten Du, hingegeben an die Lust, den anderen glücklich machen zu wollen und zu können. Sie alle sind sicher, der Liebe des Lebens begegnet zu sein. Mit ihr bzw. ihm auf immer und ewig aushalten, alt werden zu wollen. Nur mit dieser Frau, mit diesem Mann Kinder haben zu wollen. Kinder, in denen die Gemeinschaft der Eltern fortbesteht. Was lässt diese glühende Liebe erkalten? Ist es vielleicht der Nestbautrieb des Paares, der die sorglose Unbeschwertheit des Pärchens ablöst? Ist es die wirtschaftliche und soziale Leistung, die teils selbst auferlegt, teils von außen abverlangt wird? Erdrückt das Maß der finanziellen und persönlichen Belastungen, die über Familien hereinbrechen, die Leichtigkeit, die das innerste Wesen der Liebe kennzeichnet? Oder zersprengt die Unwirtschaftlichkeit des "Wirt-schaftsunternehmens Familie" deren inneren Zusammenhalt bis hin zum zwi-schenmenschlichen Bankrott?

Der Fall Angela und Horst

Spielen wir das Beispiel von Angela und Horst durch. Sie lernen sich kennen, als sie Mitte 20 und er nur wenig älter ist. Sie hat sich gerade mit einem kleinen Friseursalon selbständig gemacht. Er besucht die Meisterschule und will den Betrieb seines Dienstherrn übernehmen, der keinen Nachfolger in der eigenen Familie hat. Als Angela ungewollt schwanger wird, heiraten sie und starten in seiner gemütlichen Anderthalbzimmer-Wohnung mit einem Kredit von 45.000 Mark in die Ehe. Es läuft trotzdem gut. Sie sind sparsam, wursteln sich durch. Der Kreditberg wird kleiner. Schließlich arbeiten sie beide. Der kleine Alex ist bei Oma gut aufgehoben.
Dann kommt Tina. Oma schafft es nicht mit zwei Kindern. Da im Kinderhort kein Platz und eine Tagesmutter unbezahlbar ist, muss ein Au-pair-Mädchen her, denn Angela will ihren Salon nicht aufgeben und Horst ist mit seinem Installationsbetrieb voll im Aufbau. Außerdem ist die Wohnung nun endgültig zu klein. Ein Umzug ist überfällig.

Der Schuldenberg wächst

Endlich keine Junggesellenbude mehr, sondern eine Vierzimmer-Wohnung mit Balkon. Allerdings müssen Küche, Schlafzimmer und ein Kinderzimmer neu eingerichtet werden. Trendy natürlich und schick. Auch das Auto ist zu klein geworden. Weg also mit der "Rostbeule" als fahrbarer Untersatz, her mit der vorzeigbaren "Familienkutsche". Ein neuer Kredit wird aufgenommen. Die Bank spielt mit, der Möbelhändler auch, ebenso der Elektromarkt. Der Schuldenberg wächst.
Angela und Horst merken bald, dass sie sich verkalkuliert haben. Zwei Kinder und zwei Erwachsene leben leider nicht von Liebe, Luft und Sonnenschein allein.

Sparen legt die Nerven blank

Eisernes Sparen ist angesagt. Vier Jahre lang gibt es keine neuen Kleider für die Eltern, nur das Nötigste für die Kinder. Nie abends ausgehen. Nie in den Urlaub fahren. Schuften, und schon am Monatsanfang ist das Konto erneut überzogen. Die Nerven von Angela und Horst liegen immer öfter blank.
Mit der Zeit sind sie beide sich so vertraut, dass sie keine Hemmschwelle mehr vor einander haben und den eigenen Frust am anderen abreagieren, um sich selbst wenigstens ein wenig Erleichterung zu verschaffen. Anfangs ist die Versöhnung stets den Streit wert. Aber allmählich bleibt für die Liebe kaum noch Zeit oder einfach keine Energie übrig. Wenn die Kinder abends im Bett liegen, ist Angela entweder zu müde oder hat Migräne und Horst döst vor seinem Bier. Die seltenen Gespräche drehen sich um die Bedürfnisse des Familienalltags und um Geld. Um nicht vorhandenes Geld.

Feindseligkeit beherrscht Familienalltag

Diesen Belastungen hält die brüchig gewordene Beziehung zwischen Angela und Horst nicht aus. Täglich bricht mehrmals Streit oder schlechte Laune wegen Kleinigkeiten zwischen ihnen aus.
Die feindselige Stimmung bedrückt Eltern und Kinder. Das Verhalten der Kleinen wird unruhiger und somit anstrengender. Unbewusst lenken sie die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich, um diese im gemeinsamen Interesse an ihnen wieder näher zu verbinden. Doch die elterlichen Unstimmigkeiten sind längst auf die Kindererziehung ausgeweitet worden. Sie können nicht mehr besonnen ausdiskutiert oder in Kompromissen gelöst werden. Versöhnungsversuche scheitern an den Verletzungen vorheriger Zwiste und verdrängter, aber nicht gelöster Probleme.

Plötzlich ist da ein anderer Mann

Während Horst sich in der Arbeit verbarrikadiert und den ehelichen Frust verdrängt, wächst Angelas Bedürfnis nach sozialen Kontakten und zwischenmenschlichem Austausch stetig an. Als sie Frank kennenlernt, hat Horst nicht die geringste Chance. Frank hat all das, was Angela so lange entbehrt hat: Zeit für sie, gute Nerven, Geduld, Humor und Verständnis. Er hört ihr zu, nimmt sie ernst, er liebt und begehrt sie, gibt ihr das Gefühl, nicht nur ein weibliches Wesen sondern eine lebendige, interessante Frau zu sein. Indem er sie nach allen Regeln der Liebeskunst umwirbt, weckt er die Schmetterlinge in ihrem Bauch, die sie längst ausgestorben geglaubt hatte.
Und eines Tages steht Horst vor der leeren Wohnung. Steht dort und weint wie ein Kind, tobt wie ein Wilder und macht sich auf die Suche nach der Frau, die ihn verlassen und sein Lebensglück zerstört hat. Auf die Suche nach seinen Kindern, die sie einfach mit- und ihm weggenommen hat. Auf die Suche nach seinem Recht vor dem Gesetz. Nur auf die Suche nach sich selbst begibt er sich leider nicht.
Hätte er es getan, würde er vielleicht einen Weg gefunden haben, sich mit Angela zu einigen.

Unerwünschter Eindringling

Was er findet, ist eine Frau, die ihm zugleich bekannt und gänzlich fremd ist. Sie sieht in ihm nicht mehr den Mann ihrer Träume sondern einen Missgriff, den sie möglichst schnell vergessen will. Er ist ein unerwünschter Eindringling in ihr neues Leben. Und sie will ihn los sein. Für immer. Sie will nicht, dass er sich einmischt, dass er ihre neue Beziehung stört oder gar zerstört. Sie hat Angst, den neuen Mann zu verlieren. Und sie hat Angst, die Kinder zu verlieren.
Vielleicht hat sie auch Angst, Horst könne den Kindern Leid zufügen. Schließlich hat er nur wenig Zeit mit ihnen verbracht. Zwar war er war beim Babywickelkurs dabei und bei der Geburt. Er hat den Kindern Fläschchen gegeben und sie gefüttert oder auch mal nachts umher getragen, wenn sie Bauchweh hatten. Aber als sie älter und weniger pflegeleicht wurden, war er meistens ganz froh, wenn sie im Kinderzimmer verschwanden und ihn in Ruhe gelassen haben.

Kennt er seine Kinder überhaupt?

Er hat sich nie besonders gut mit ihnen ausgekannt und meistens nur kurz mal mit ihnen gespielt. Was weiß er denn von den Bedürfnissen, die die Kinder haben, oder wie er mit ihnen umgehen soll, wenn sie traurig oder krank sind? Es hat ihn doch meistens tierisch genervt, wenn sie quengelig waren. Er hat sie sogar bestraft und angebrüllt. Gelegentlich ist ihm sogar die Hand ausgerutscht. Und er hat immer die Meinung vertreten, dass Angela die Sache mit den Kindern besser könne und deshalb übernehmen solle.
Manchmal traut Angela Horst sogar zu, dass er ihr, der Mutter, dadurch Schmerz zu bereiten versuchen würde, indem er die Kinder leiden lässt. Man liest so oft von Vätern, die ihre Kinder entführen und umbringen. Oder von Vä-tern, die ihre Kinder sexuell missbrauchen, wenn die Frau nicht mehr verfügbar ist. Eigentlich traut Angela Horst dergleichen nicht zu. Aber sie hat sich ja auch getäuscht, als sie glaubte, es mit ihm auf immer und ewig aushalten zu können. Warum sollte sie sich dann nicht auch darin täuschen, dass er nicht diese Sorte Vater ist?

Kampf um alleiniges Sorgerecht

Als Horst seinen Anspruch als Vater geltend zu machen versucht, schwankt Angela zwischen der Einsicht in sein Vaterrecht und ihrer Pflicht als Mutter und Beschützerin der Kinder. Sie berät sich mit anderen Frauen und ihrer Scheidungsanwältin. Und sie erfährt, dass sie Horst die Kinder nicht geben muss, wenn sie nicht will. Ja, dass es sogar besser für die Kinder ist, den Vater nicht zu sehen, damit sie sich leichter in ihre neue Familie einleben.
Im Jugendamt erlebt Horst, dass die Berater volle Sympathie für Angela zeigen und ihr beistehen, als sie erklärt, dass sie nach der Trennung kein gemeinsames Sorgerecht mit dem Kindesvater ausüben will. Sie bestärken Angela in ihren Befürchtungen, dass Horst sich durch ein gemeinsames Sorgerecht ständig in ihr neues Leben einmischen könnte und sie ihn bei jeder Erziehungsfrage einbeziehen müsse. Ja, dass sie nicht einmal umziehen oder die Kinder einschulen lassen könne, ohne Horst zu fragen. Natürlich will Angela dies nicht. Schließlich lässt sie sich scheiden, weil sie nichts mehr mit Horst zu schaffen haben will.

Zum Geldesel degradiert

Horst erlebt, dass der Familienrichter die Höhe der väterlichen Unterhaltsleistungen festschreibt, aber keine gemeinsames Sorgerecht gewährt und den Umgang zwischen Vater und Kindern auf wenige Stunden im Monat reduziert. Am schlimmsten aber quält Horst, dass seine Kinder sich plötzlich weigern, ihn zu sehen.
Einsam und enttäuscht sieht er sich zum Geldesel degradiert. Das Herz tut ihm weh, weil er sich vergeblich nach den Kindern sehnt. Er solle sich den Schmerz um die Kinder doch "wegtherapieren" lassen, sagt man ihm im Jugendamt. Er solle sich doch eine neue Familie aufbauen, rät ihm der Richter.
Und doch gibt Horst nicht auf. Er will nicht nur wie der "Onkel aus Amerika" sein und für seine Kinder zahlen. Er will sie kennen, sie aufwachsen sehen und Anteil an ihrem Leben haben. Er lernt andere Väter in vergleichbaren Situationen kennen, die sich in Vereinen zusammengeschlossen haben. Er liest sich in Gesetze ein und setzt sich mit Gerichtsbeschlüssen auseinander.

Alleinerziehende Väter - längst kein Phantom mehr

Das neue seit Juli 1998 geltende Kindschaftsrecht im Rücken, welches allen Kindern das Recht auf Umgang mit und Fürsorge durch beide Eltern zugesteht, nimmt er den Kampf gegen die Windmühlenflügel der Justiz auf. Da Angela ihm den Umgang mit seinen Kindern verwehrt, klagt er auf Sorgerechtsänderung und will nun selbst das alleinige Sorgerecht für die Kinder haben. Seine Chancen stehen nicht schlecht. Die Umgangsverweigerung könnte Angela als Mangel an der sogenannten Bindungstoleranz ausgelegt werden. Dies würde ihre Erziehungsfähigkeit in Frage stellen. Vor allem aber könnte das Gericht zu dem Schluss kommen, dass die Kinder beim Vater besser aufgehoben wären. Längst sind alleinerziehende Väter kein Phantom mehr, sondern mit rund 20 Prozent schon eine ernst zu nehmende Minderheit.

Hölle auf Erden

Aus einer Liebe, die der Himmel auf Erden zu sein schien, ist an diesem Punkt die Hölle auf Erden geworden. Zwei Menschen, die sich mit Leib und Seele verbun-den hatten, bekämpfen sich wie Erzfeinde. Dazwischen stehen die Kinder, die Mutter und Vater lieben und nachweislich in ihrer eigenen Bindungsfähigkeit so stark geschädigt werden, dass ihr Risiko, als Erwachsene selbst in ihrer Beziehung zu scheitern, ein vielfach höheres ist als das von Kindern aus intakten Familien.

Gemeinsame Elternschaft auch nach der Trennung

Und warum das alles? Weil zwei Erwachsene sittlich und moralisch so unreif sind, dass sie es nicht schaffen, ihre gescheiterte und beendete Beziehung als Liebespaar von ihrer lebenslangen Aufgabe als Elternpaar zu trennen.
Was würde Angela und Horst aus der Krone fallen, wenn sie sich als vernunftbegabte Menschen aussprechen und Richtlinien ihrer gemeinsamen Elternschaft erarbeiten würden? Zur Not mit professioneller Hilfe. Wozu gibt es Mediatoren, Therapeuten, Anwälte des Kindes und Familienberater?
Ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist kein Hexenwerk und erst recht keine Schande. Im Gegenteil, das Glück ihrer Kinder müsste allen Eltern das Opfer der eigenen Eitelkeit wert sein.