Kummerkasten von Alina Teil 1
Warum hilft mir denn keiner?

Alina

26.  März 2004

Hallo Karin,

ich heiße Alina und bin 16 Jahre alt. Mein Bruder und ich haben einiges in unserer Vergangenheit durchgemacht. Unser Vater ist Alkoholiker, er hat oft, sehr oft geschlagen. Unsere Mutter beschimpft mich, schreit mich an und macht mich für alles verantwortlich. Ich habe keine Person, mit der ich über meine Gefühle reden kann. Seit fast 2 Jahren verletze ich mich selber. Durch ritzen, wenig Essen und Trinken und was halt so alles dazu gehört.

Ich habe das Buch "Ich bin nicht mehr eure Tochter" gelesen und es sind Erinnerungen hochgekommen. Ich würde so gerne weinen, aber ich darf das nicht. Ich habe nachts Angst.
Ich hab schon fast regelmäßig Selbstmordversuche.

Seit 2 Wochen hat sich das Jugendamt eingeschaltet und ich komme vielleicht in eine Pflegefamilie. Ich finde das gut. Aber meine Eltern machen mir Vorwürfe, sie sagen ich bin Schuld, ich bin Blöd, ich kann nichts, ich bin nichts Wert.

Vielleicht sollte ich doch noch versuchen, mich ein letztes Mal umzubringen, oder? Ich sehe für mich keine Zukunft, egal was ich auch mache, es ist sowieso falsch.

Liebe Grüße

Tag für Tag verdunkelt sich mein Leben

27.März 2004

Hallo Karin,

ich hab dir letztens erst eine email geschrieben. Ich bin Alina und bin 16. Tag für Tag verdunkelt sich mein Leben. Ich sehe keinen Sinn mehr darin. Wieso soll ich denn leben, wenn mich sowieso jeder hasst?

Ich weiß meine Fehler nicht immer, aber ich habe gegenüber meinen Eltern große Schuldgefühle, besonders meinem Vater gegenüber.

Ich geb dir meine email Adresse, und ich würde mich wirklich ganz arg freuen, wenn du mir antworten würdest.  Ich werde noch ein paar Tage warten. Das Buch "Ich bin nicht mehr eure Tochter" ging mir sehr nah. Karin bitte melde dich! Bitte.

Gruß Alina

Ich werde bald fallen

28. März 2004

Hallo Karin,

mir tun so viele Menschen weh. Ich hab dir schon oft geschrieben. Ich habe bald keine Lebenskraft mehr.

Ich bin 16 und weiblich. Ich hab einfach keinen Mut mehr zu Leben.

Ich werde bald fallen. Ähnlich wie Georg, Monika B. ihr Bruder. Den Tod als einzigen Weg sehen, um aus der Hölle zu entkommen. Den Tod mehr lieben als das Leben.
Die Narben an den Pulsadern werden nie wieder ganz verheilen. Die Narbe an meinem Hals bleibt auch für immer. Mein halber Körper ist eine Narbe. Aber der Schmerz sitzt tiefer (so der Titel eines Buches).

29. März 2004

Liebe Alina,

deine beiden neuen E-Mails habe ich erhalten. Hast du meine Antwort nicht bekommen? Ich schicke sie dir sicherheitshalber erneut. Schreib mir bitte, ob du sie bekommen hast.

Viele Grüße,
Karin

Hier ist sie:

26. März 2004

Liebe Alina,

ich danke dir für dein Vertrauen!

Auf deine Nachricht gehe ich gleich ein. Doch zuallererst: Ich habe das Gefühl, dass du dringend professionelle Hilfe brauchst. Bitte, vertraue dich unbedingt und so schnell als möglich einem Psychologen oder einem Psychotherapeuten an, damit sie gemeinsam mit dir einen Weg finden, den ungeueren Druck von dir zu nehmen, dem du ausgesetzt bist. Vielleicht habt ihr als Familie die Chance auf eine Familientherapie, welche jedes einzelne Familienmitglied erfasst.

Es ist sehr gut, dass das Jugendamt auf deine Lage aufmerksam wurde und sich eingeschaltet hat. Frage die für dich zuständigen Mitarbeiter nach einer solchen Therapie und bitte sie, dir schnellstmöglich einen Therapieplatz zu verschaffen. Allein kannst du den seelischen Druck, der auf dir lastet, nicht mehr viel länger aushalten.

Bitte schau mal auf die Webseite:
http://www.youth-life-line.de

Oder rufe die Krisenberatungsstelle in 72074 Tübingen in der Österbergstr.4 unter der Telefonnummer 07071 - 19298 an.

Ich bin überzeugt, dort wird man dir zuhören und dir helfen können.

Nun aber zu deiner Nachricht.

Es war mutig von dir, mir zu schreiben. Und vor allem: es war sehr richtig, denn du merkst ja selbst, dass du allein es nicht schaffen kannst, Lösungen für ein Problem zu finden. Leider habe ich keinen Zauberstab, so dass ich mit einem "Simsalabim" eine garantierte Erfolgslösung herbei wünschen könnte.

Dein Vater Alkoholiker und aggressiv, deine Mutter mit den Nerven am Ende, - beide Eltern machen sich "Luft", indem sie sich an deinem Bruder und dir abreagieren und euch die Schuld daran geben, dass sie selbst ihr eigenes Leben nicht meistern können... Das ist viel mehr, als du ertragen können kannst. Vor allem aber: Es ist furchtbar falsch von deinen Eltern. Und es ist nicht deine Schuld oder Schuld deines Bruders. Auch wenn deine Eltern es geschafft haben, dir Schuldgefühle für ihr eigenes verkorkstes Leben einzutrichtern.

Ich weiß nicht, wie sie das angestellt haben. Aber ich kenne viele andere junge Menschen, denen es ähnlich wie dir erging oder ergeht. Von ihnen weiß ich, dass ihre Eltern Jahre lang üble Sprüche loslassen wie: "Wegen dir muss ich bei diesem Kerl bleiben!" Oder: "Weil du schon so früh auf die Welt wolltest, konnte ich nichts aus mir machen."

Solche und ähnliche Gemeinheiten verletzen tief. Sie verursachen Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen. Sie verunsichern. Sie erzeugen Angst, verlassen zu werden. Und sie bringen alle betroffenen Kindern für einige Zeit dazu, ganz besonders "lieb und brav" sein zu wollen, um geliebt zu werden.

Erst dann, wenn dieses "Lieb sein" nichts bringt, treibt die Verzweiflung Kinder dazu, Verhaltsauffälligkeiten zu entwickeln. Dafür werden sie zwar nicht geliebt, aber doch bemerkt. Und dafür nehmen Kinder hin, bestraft und misshandelt oder sogar sexuell missbraucht zu werden. Die Sehnsucht nach Liebe und ein wenig Zärtlichkeit ist irgendwann stärker als die Angst vor körperlichen Schmerzen.

War oder ist es bei dir und deinem Bruder auch so, Alina?

Wenn es deinen Eltern peinlich ist, dass Nachbarn und Bekannte nun vom Alkoholismus und der Gewalttätigkeit deines Vaters erfahren haben und auch wissen, wie gemein und ungerecht sich deine Mutter euch gegenüber verhält, so ist das nicht deine Schuld, Alina. Es ist einzig und allein die Schuld und Verantwortung deiner Eltern.

Daher finde ich sehr gut und dringend notwendig, dass das Jugendamt eingreift und dir - deinem Bruder hoffentlich auch - helfen will und euch einen anderen Lebensraum anbietet, wo ihr in Frieden und ohne Angst aufwachsen könnt.

Du schreibst mir von deinen Selbstverletzungen. Ich weiß, dass es dazu kommt, wenn man immer wieder erfahren muss, dass der eigene Körper etwas tut oder tun muss, was man im Kopf nicht will. Irgendwann versucht man, aus diesem Körper auszusteigen und nichts damit zu tun zu haben, wenn dieser Körper von anderen gequält und benutzt wird. Aber da man diese Trennung von Körper und Geist nicht durchhalten kann, testet man durch Selbstverletzungen, ob es immer noch der eigenen Körper ist und ob er einem selbst gehorcht. Wenn Verletzungen, die man sich selbst zufügt, schmerzen und bluten, ist das wie ein Beweis, dass man immer noch der "Bestimmer" im eigenen Körper ist.

Ich verstehe, dass du trotzdem gern mit diesen Selbstverletzungen aufhören würdest. Und selbstverständlich wäre es besser für dich. Wir wissen jedoch beide, dass es schwer ist.

Du könntest einen Anfang machen, indem du dir jeden Tag mindestens einmal in die Augen schaust, wenn du vor dem Spiegel stehst, und dir sagst: "Ich mag mich."
Jemanden, den man mag, will man beschützen, nicht verletzen. Und du bist jeden Schutz wert, auch deinen eigenen.

Dir das Leben zu nehmen, ist nicht die richtige Lösung, liebe Alina. Das Leben kann so schön sein. Auch deines! Obwohl es im Moment nicht so ist. Doch so lange du lebst, hast du die Möglichkeit, etwas zu verändern, denn Leben bedeutet Bewegung und Wandel.
Lass dir dabei helfen, Alina! Gib dir die Chance, das Gemeine und Scheußliche in deinem Leben zu beenden und etwas Schöneres zu beginnen.

Das Leben weg zu werfen, Suizid zu begehen und aus dem Leben zu verschwinden, ist die letzte Veränderung, die dir in diesem Leben möglich sein wird, Alina. All die anderen Möglichkeiten, die du noch gar nicht entdeckt und ausprobiert hast, würdest du damit verschenken.
Das wäre so unendlich schade!

Ganz egal, was deine Eltern in ihrer Wut auch brüllen mögen. Denk immer daran, sie brüllen in diesen Momenten nur alles das heraus, was sie in Wahrheit über sich selbst brüllen müssen.

Und wenn deine Mutter dir einzureden versucht, dass du nichts taugst, nichts wert bist, am besten tot wärest - glaub ihr nicht! Sie sagt das, weil sie sich selbst verachtet und dich als Blitzableiter für ihre eigenen Fehler benutzt.

Sprich mit den Leuten vom Jugendamt, Alina. Sag ihnen, dass du Angst vor deinen Eltern hast und von ihnen weg möchtest und auch dein Bruder nicht dort bleiben darf.

Und vergiss nicht: Ihr habt beide ein Recht darauf, gewaltfrei aufzuwachsen und glücklich zu sein.

Du darfst mir jederzeit wieder schreiben.

Liebe Grüße von
Karin

29. März 2004

Hallo Karin,

DANKE !!!! Ja, ich hab die email bekommen. Ich freu mich so, dass mir endlich mal jemand zuhört.
Also findest du, mein Bruder und ich sollten von Zuhause weg.
Noch eine Frage: Darf ich dir schreiben wenns mir mal wieder so richtig schlecht geht??

Hallo, Alina.

ja, du darfst mir schreiben, wann immer du willst. Ich verspreche dir zu antworten. Nicht versprechen kann ich, dass es immer sofort sein wird.
Deshalb bitte ich dich nochmals dringend, dir zusätzlich und am besten sofort, andere, professionellere Hilfe zu holen.
Denk an die Telefonnummer 07071 - 19298
Und schau auf die Webseite www.youth-life-line.de

Viele Grüße,
Karin